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Review: „I Must Be Dreaming“ von Alabama Shakes ist die Soul-Platte, die jetzt alle hören müssen
Platten2026-08-28
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Mit I Must Be Dreaming veröffentlichen Alabama Shakes ein hinreißendes Soul-Album. Es ist ihr erstes in elf Jahren. Und klingt mal wieder so ganz anders als alles, was diese Ausnahmeband davor veröffentlicht hat.
Ist das allen Ernstes schon wieder elf Jahre her, dass Alabama Shakes auf Sound & Color den Roots Rock neu erfunden und wiederbelebt haben? Sicher, Sängerin Brittany Howard hat seither zwei ganz fantastische Soloplatten veröffentlicht, doch die Freude über die Rückkehr dieser einzigartigen Band ist dieser Tage dennoch exorbitant. Was war das doch für eine Freude, als die Band aus Alabama mit ihrem Debüt Boys & Girls Southern Soul, Americana und kernigen Hard Rock zusammenbrachte, was war Sängerin Brittany Howard für eine Entdeckung!
Neuanfang als Trio
I Must Be Dreaming ist dennoch nicht einfach nur der Nachfolger des fulminanten Sound & Color. Sondern ein Neuanfang. Seit den schockierenden Enthüllungen rund um den alten Drummer Steve Johnson ist man als Trio unterwegs und hat es sich diesmal zur Aufgabe gemacht, eher die soulige Seite der Shakes-DNA zu erforschen. Schon immer hat man der Band eine Nähe zum legendären Sound des Muscle Shoals Sound Studio in ihrem Heimatbundesstaat nachgesagt, diesem mythischen Ort der Musikgeschichte, an dem Referenzwerke von Wilson Pickett, Aretha Franklin, Etta James, Percy Sledge oder den Rolling Stones entstanden. Das scheint auf I Must Be Dreaming mehr zuzutreffen als jemals bevor.
Wo die frühen Alabama Shakes in dieser Verzahnung zwischen Schwarzem Soul und Roots Rock und weißem Hard Rock Marke Led Zeppelin brillierten, wird der Rock ein wenig zurückgefahren. Er findet immer noch statt, aber einfach nicht mehr so präsent und krachig wie zuvor. Ein wenig dezenter ist das alles, zurückhaltender. „Reifer“ würde man sagen, wäre es nicht so abgedroschen. Die elf neuen Songs bewegen sich von liebeskrankem und bodenständigem Soul über funkige Exkurse hin zum einen oder anderen unruhigem Rock-Ausbruch.
Das vielleicht beste und wichtigste Stück ist American Dream, eine langsam schwelende Anklage, in der Brittany Howard eine Reihe US-amerikanischer Sünden herausschreit. Es ist ihr bester Protestsong, ein Stück für diesen Albtraum der zweiten Trump-Präsidentschaft. Bezeichnend ist, dass hier zwar gesanglich alles gegeben wird (und das heißt bei ihr etwas!), der wütende Ausbruch in die dankbare verzerrte Erlösung des Rock aber auch hier ausbleibt. Die Alabama Shakes explodieren nicht. Sie rechnen mit bewegenden, aufwühlenden Soul-Songs ab wie zuvor Charles Bradley oder Michael Kiwanuka.
Lieder für den Fiebertraum
Nach der ohnmächtigen Wut kommt eben die Resignation. Und danach die leise Hoffnung, dass irgendwann doch alles besser wird. Deswegen gibt es mit I Feel Hope Coming auch ein wundervolles Gegenstück zu Sam Cookes A Change Is Gonna Come. Ob sie damit dieselbe Aufmerksamkeit bekommen wie damals, als sich die ganze Welt dankbar auf diesen glühenden neuen Sound stürzte, ist leider fraglich. So ein Momentum hat man in der Regel einmal. Es ist aber ebenso fraglich, ob die Band das überhaupt erwartet. Brittany Howard hat sich mit ihren zwei Soloalben nicht zuletzt zur Grammy-Gewinnerin, sondern zur arrivierten Solokünstlerin entwickelt, die für eine ganz eigene Herangehensweise an Musik steht. Das nimmt auch Alabama Shakes niemand mehr.
Die lange Pause? Ist deswegen gar nicht so ungewöhnlich für Brittany Howard. „Ich möchte es nicht als Comeback bezeichnen“, so sagte sie kürzlich in einem Interview mit der New York Times. „Es ist ja nicht so, als hätte ich die Band jemals wirklich verlassen“, sagte Howard. „Es war einfach eine lange Pause, in der ich mich kreativ entfalten konnte und die Jungs ihre Kinder großziehen konnten, was großartig ist. Wir haben alle einfach unser Ding gemacht, damit wir zurückkommen und noch mehr zu sagen haben.“
Das haben sie. Wenn auch anders. Introvertiert klingt das Trio im Jahr 2026. In sich gekehrt, grübelnd, brütend, bisweilen verträumt. Das darf man nicht mit Lethargie verwechseln. Im Gegenteil: Insbesondere lyrisch ist I Must be Dreaming Howards bislang pointierteste Auseinandersetzung mit dem Leben in den Vereinigten Staaten und diesem Fiebertraum, der die ganze Welt nicht aufwachen lässt.