Der Sound von Studio Ghibli: Die besten Soundtracks von Joe Hisaishi

Joe Hisaishi
Foto: Ben Wolf

Der Name Joe Hisaishi ist mit Studio Ghibli so eng verbunden wie kaum ein anderer. Seit Nausicaä aus dem Tal der Winde von 1984 begleitet er Hayao Miyazakis Filme, mal mit großem Orchester, mal mit wenigen Klaviertönen oder elektronischen Farben. Als Der Junge und der Reiher im März 2024 den Oscar für den besten Animationsfilm gewann, gehörte Hisaishis Musik wieder selbstverständlich dazu. Zehn Soundtracks, die zeigen, wie unterschiedlich diese Zusammenarbeit klingen kann.

Joe Hisaishi im Circle Store:

1. Der Junge und der Reiher (2023)

Bei Der Junge und der Reiher ist oft entscheidend, was Hisaishi nicht spielt. Zwischen einzelnen Klaviertönen bleibt ungewöhnlich viel Luft, manche Szenen kommen beinahe ohne musikalische Führung aus. Das zentrale Motiv Ask Me Why taucht auf dem Album dreimal auf: als Evacuation, Mother's Message und Mahito's Commitment. Jedes Mal verschiebt sich seine Wirkung ein wenig.

Der am 9. August 2023 veröffentlichte Soundtrack umfasst 37 Stücke und fällt gegenüber früheren, üppigeren Ghibli-Scores deutlich sparsamer aus. Gerade diese Zurückhaltung passt zur traumartigen Logik des Films. In der Awards-Saison 2023/24 erhielt Hisaishis Arbeit viel Aufmerksamkeit, auch wenn es am Ende keine Oscar-Nominierung für die Musik gab.

2. Chihiros Reise ins Zauberland (2001)

Ein paar Takte von One Summer Day reichen, um Hisaishis vielleicht bekannteste Klangwelt aufzurufen. Das Stück eröffnet Chihiros Reise ins Zauberland mit einer einfachen Klavierfigur, die später zum emotionalen Bezugspunkt des gesamten Scores wird.

Daneben darf die Musik wesentlich unruhiger werden. Im Badehaus arbeitet Hisaishi mit schrägeren, teilweise dissonanten Passagen, während die größeren Szenen orchestral weit aufgehen. Dass der Film 2003 als erster nicht englischsprachiger Film den Oscar für den besten animierten Spielfilm gewann, machte auch seine Musik einem noch größeren Publikum bekannt. Hisaishi nimmt Stücke daraus bis heute regelmäßig in seine Ghibli-Konzerte auf.

3. Prinzessin Mononoke (1997)

Hier fährt Hisaishi das ganz große Besteck auf. Streicher und mächtige Bläsersätze geben dem Konflikt zwischen Irontown und den Waldgeistern eine fast mythische Dimension. Wenn Ashitaka oder San im Mittelpunkt stehen, zieht sich die Musik dagegen oft zurück.

Gerade dieser Wechsel macht den Score aus. Die Kampfszenen dürfen monumental sein, ohne dass der gesamte Film permanent auf maximale Größe setzt. Prinzessin Mononoke wurde 1997 zum bis dahin erfolgreichsten Kinofilm in Japan; gleichzeitig gehörte der Film zu den Werken, mit denen Ghibli international immer stärker als eigene künstlerische Handschrift wahrgenommen wurde.

4. Das wandelnde Schloss (2004)

Merry-Go-Round of Life hat längst ein Eigenleben entwickelt. Hisaishis Walzer wird von Orchestern gespielt, für Klavier arrangiert und in unzähligen Versionen interpretiert. Im Film ist er aber kein starres Thema. Je nach Situation klingt er leichter, trauriger oder feierlicher und spiegelt so auch das Verhältnis zwischen Sophie und Howl.

Europäische Tanzformen hatte Hisaishi bereits zuvor angedeutet, etwa in Porco Rosso. In Das wandelnde Schloss werden sie zum musikalischen Zentrum. Der Film war 2006 für den Oscar als bester animierter Spielfilm nominiert, verlor jedoch gegen Wallace & Gromit: Auf der Jagd nach dem Riesenkaninchen.

5. Mein Nachbar Totoro (1988)

Bei Mein Nachbar Totoro braucht es keine große Dramatik. Schon das Eröffnungslied Sanpo – auf Deutsch Der Spaziergang – gibt mit seinem Kinderchor den Ton vor: neugierig, leicht und unmittelbar.

Auch sonst ist die Instrumentierung für einen später derart ikonischen Ghibli-Film erstaunlich schlank. Synthesizer stehen neben akustischem Orchester, kleine Motive sind wichtiger als große Klangflächen. Totoro wurde später zum Wahrzeichen des Studios. Dass Hisaishis Musik sofort wiedererkennbar ist, hat an dieser Wirkung einen erheblichen Anteil.

6. Nausicaä aus dem Tal der Winde (1984)

Alles beginnt mit Synthesizern. Nausicaä aus dem Tal der Winde, die erste Zusammenarbeit von Hisaishi und Miyazaki, klingt unverkennbar nach den frühen Achtzigern. Elektronische Flächen prägen große Teile des Scores und verleihen der postapokalyptischen Welt heute eine beinahe retrofuturistische Atmosphäre.

Trotzdem ist vieles von dem bereits vorhanden, was später typisch für Hisaishi werden sollte: klare melodische Figuren, wiederkehrende Themen und die enge Verbindung von Musik und Charakteren. Der Film entstand noch bei Topcraft, also vor Studio Ghibli. Sein Erfolg bereitete den Boden für das Studio, das Miyazaki, Isao Takahata und Produzent Toshio Suzuki 1985 gründeten.

7. Das Schloss im Himmel (1986)

Die erste offizielle Studio-Ghibli-Produktion klingt noch deutlich nach klassischem Abenteuerfilm. Wenn Piraten, Militär oder Luftschiffe ins Spiel kommen, setzt Hisaishi auf kräftige Blechbläser und breite Themen. Pazu und Sheeta bekommen dagegen wesentlich intimere Klavier- und Streicherpassagen.

Im Rückblick wirkt der Score direkter als viele seiner späteren Arbeiten. Die Musik sagt deutlicher, wann Gefahr, Staunen oder Aufbruch gemeint sind – was gut zur geradlinigen Abenteuerstruktur des Films passt. Einige dieser Stücke gehören bis heute zum festen Programm von Hisaishis Ghibli-Konzerten.

8. Kikis kleiner Lieferservice (1989)

Kikis kleiner Lieferservice trägt seine Leichtigkeit schon in der Musik. Viele Themen sind tänzerisch, hell und beinahe federnd. Hisaishi greift dabei auch Klänge auf, die an europäischen Chanson und Jazz erinnern – passend zu Koriko, dessen Gestaltung unter anderem von Visby und Stockholm beeinflusst wurde.

Ganz unbeschwert bleibt der Score trotzdem nicht. Sobald Kikis Selbstvertrauen brüchig wird und sie ihre Fähigkeit zu fliegen verliert, werden auch die Arrangements vorsichtiger. Hisaishi muss diesen Wandel nicht dramatisch markieren; wenige Verschiebungen reichen. Dadurch begleitet die Musik die Coming-of-Age-Geschichte, ohne sie ständig zu übererklären.

9. Wie der Wind sich hebt (2013)

Vielleicht einer der stillsten Ghibli-Scores überhaupt. Für die Geschichte des Flugzeugkonstrukteurs Jiro Horikoshi verzichtet Hisaishi weitgehend auf jene großen orchestralen Höhepunkte, die viele seiner bekanntesten Arbeiten prägen.

Stattdessen dominieren transparente, oft kammermusikalische Arrangements. Das passt zu einem Film, der Ambition, Schuld und technische Faszination nicht in einfache Antworten auflöst. Die Musik hält sich entsprechend zurück und überlässt den Bildern einen ungewöhnlich großen Teil der emotionalen Arbeit. Gerade deshalb bleibt sie hängen.

10. Porco Rosso (1992)

Jazz, Klavier, Bläser und eine gehörige Portion europäische Nostalgie: Porco Rosso steht innerhalb von Hisaishis Ghibli-Arbeiten ziemlich für sich. Der Schauplatz an der Adria und die Fliegerromantik der 1920er-Jahre geben ihm Gelegenheit, mit mediterranen Rhythmen und jazzigen Arrangements zu arbeiten.

So beschwingt vieles zunächst klingt, ganz leicht wird die Musik nie. Unter der Oberfläche liegt fast ständig Melancholie – passend zu einer Hauptfigur, die ihrer Vergangenheit nicht entkommt und buchstäblich nicht mehr der Mensch ist, der sie einmal war. Gerade diese Mischung macht Porco Rosso zu einem der eigenständigsten Soundtracks in Hisaishis Ghibli-Katalog.

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