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„Time Warp“: Die ungeschminkte Wahrheit hinter dem queeren Halloween-Klassiker
It’s a jump to the left: Was als Parodie auf die albernen Tanzsongs der Fünfziger begann, hat sich längst zum unverzichtbaren Halloween-Evergreen entwickelt. Hier kommt die Geschichte des Time Warp aus der Rocky Horror Show.
Der Begriff „Kult“ wird heutzutage inflationär verwendet. Hierfür wurde er erfunden: Sowohl das Bühnenspektakel The Rocky Horror Show als auch die Leinwandadaption The Rocky Horror Picture Show sind glühend heiß geliebte und kultisch verehrte Leuchttürme der Popkultur. Aus verdammt guten Gründen: Schöpfer Richard O’Brien wühlt sich genussvoll und voller Liebe durch sämtliche B-Movie-Horrorklischees, knüpft das Ganze aber an den Glitzer und die Queerness eines Glam-Rock-Konzerts.
Sexuell befreite Transsilvanier:innen
Ob eine Drag Queen aus dem Weltall oder eine Horde sexuell befreiter Transsilvanier:innen: Hedonismus und freie Liebe kennen im Musical wie auch im Film keine Grenzen. Das macht die Rocky Horror Show zu einem frühen Hohefest der sexuellen Selbstermächtigung. Und jede neue Musical-Tournee zu einem Stelldichein der Drag Queens, Reiswerfer:innen und Freund:innen des bewusst schlechten Geschmacks. Auch mehr als 50 Jahre nach seiner Uraufführung.
Das liegt auch an der Musik. Oder sagen wir: vor allem an der Musik. Allen voran natürlich The Time Warp, das Stück, das sich wahrscheinlich am stärksten verselbstständigt hat und heute längst ein geisterhaftes, untotes Eigenleben führt. Eine Tanzanleitung, die von jemandem geschrieben wurde, dem man sehr wahrscheinlich keine Anleitung anvertrauen sollte. Man springt nach links, macht einen Schritt nach rechts, legt die Hände in die Hüften – und plötzlich ist ein Raum voller respektabler Menschen in eine wild wogende Menge aus Netzstrümpfen, Glitzer und nackter Haut verwandelt.
B-Movies, Glam und Parodien
Wer hat das eigentlich verbrochen? Geschrieben wird die Nummer vom Schöpfer Richard O’Brien, allerdings in engem Tandem mit Richard Hartley. Die beiden teilen eine Liebe zu B-Movies, Glam und Parodien. Und planen, all das zusammenzubringen. „Ich hatte in Jesus Christ Superstar und Hair mitgespielt und begann zu denken, dass ich gerne mal ein Musical sehen würde, das mich als ewigen Jugendlichen anspricht“, so erinnerte sich O’Brien vor vielen Jahren mal. „Dann bat man mich zum Vorsingen für ein Theaterstück am Londoner Royal Court. Dort lernte ich Richard Hartley kennen, der die Begleitmusik dafür schrieb.“
Die beiden klicken sofort, überzeugen den Regisseur Jim Richard (den dritten Richard praktisch!) von ihrer wilden Idee eines Glam-Space-Rock-Musicals – ohne selbst daran zu glauben. „Ich hätte nicht gedacht, dass es ein Hit werden würde“, so O’Brien. Sein musikalischer Parnter Richard Hartley ergänzt: „Richard und ich haben in unserer Jugend dieselben Platten gehört, also haben wir einfach alles, was wir liebten, in das Stück einfließen lassen. Man hört die Einflüsse: ein bisschen Chuck Berry und ein bisschen Rolling Stones . Es ist zwar selbstverliebt, aber die Songs sind keine Pastiche wie die in Grease.“
Time Warp: Geschrieben an einem Abend
Stattdessen sind es regelrechte Perlen, denen man die Liebe ihrer Schöpfer anhört. Das gilt auch für Time Warp – auch wenn diese Nummer tatsächlich aus der Not heraus geboren wurde. „Time Warp wurde während der Proben hinzugefügt, weil man in einem Musical eine Tanznummer braucht“, verriet Hartley mal. „Außerdem mussten wir das Ganze etwas aufstocken: Die Show dauerte nur etwa 40 Minuten. Es entwickelte sich spontan, alles innerhalb von drei Wochen.“
Eine der legendärsten Tanznummern der Musical-Geschichte, einer der beliebtesten Halloween-Songs und einer der coolsten Momente der Filmgeschichte – alles nur Zufall also. Und noch dazu an nur einem Abend geschrieben. Tanzschritte inklusive!
Bis heute tanzen Menschen weltweit zu diesem Song, die sonst nicht tanzen. Weil es ihnen von der Bühne aus befohlen wird. Und weil man irgendwie nicht anders kann. Der Bann dieses Songs ist bis heute stark und ungebrochen. Und erlebt Jahr für Jahr zu Halloween eine ganz besondere Renaissance.