„She’s The Best“: Troye Sivan und die Kunst, im Rausch die Ruhe zu finden

Troye Sivan
Foto: Universal Music
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Vom Dancefloor ins Hotelzimmer: Auf She’s The Best schlägt Troye Sivan leisere Töne an. Zwischen Funk, queerer Popgeschichte und intimen Momenten entsteht ein vielschichtiges Album über Begehren, Weiblichkeit und das Gefühl nach dem Rausch.

She’s The Best beginnt mit einer Hymne an Frauen und damit mit einer bewussten Setzung. Schon der vorab veröffentlichte Titelsong gibt vor, wohin Troye Sivan mit seinem vierten Studioalbum will und landet dabei zwischen Feiern, Verführen und Zurückblicken. Doch tut er das deutlich gelöster als noch auf seinem sexuell aufgeladenen Vorgänger Something To Give Each Other aus dem Jahr 2023. Statt maximaler Ekstase herrscht zunächst eine entspannte Selbstverständlichkeit. Das glamouröse Video mit Nicole Kidman, die sich gerade zur Popkultur-Referenz schlechthin entwickelt, verstärkt diesen Eindruck. Denn Sivan präsentiert eine Welt aus Glamour, Weiblichkeit und Nachtleben, ohne sich ihr vollständig auszuliefern. Die eigentliche Überraschung des Albums liegt jedoch darin, dass hinter dieser glänzenden Oberfläche weniger die nächste Party wartet als die Sehnsucht nach einem Ort, an dem der Rausch enden darf.

Das neue Troye-Sivan-Album für Zuhause:

Zwischen Club-Euphorie und queerer Popgeschichte

Das wird bereits in den ersten Minuten deutlich. Auf den Titeltrack folgt Canada Dry, dessen funky Melodie weniger nach großer Dancefloor-Hymne klingt als nach dem Moment davor. Es erinnert an das Aufwärmen, den ersten Drink und den sich anbahnenden Übergang vom Alltag in die Nacht. Ein Hauch von Daft Punk liegt über der Produktion, doch Sivan hält die Spannung bewusst zurück, ohne den Ehrgeiz, daraus sofort die große Hymne zu machen. Party übernimmt anschließend konsequent. Der Song greift eine Funk-Ästhetik auf und verbindet sie mit Sivans minimalistischer, beinahe gesprochener Refrain-Phrasierung. Dass darin auch gleich eine Interpolation des Madonna-Songs Music steckt, gilt schon fast als nostalgischer Popverweis. Troye Sivan stellt sich damit in eine queere und clubkulturelle Folge an Madonna-Samples, die in seinem Track genauso gut funktioniert wie in den Vorgängern. 

Die Songs interessieren sich weniger für den Rausch an sich als für den Kontrast zwischen öffentlicher Ekstase und privater Einsamkeit; das sagt Troye Sivan auch selbst. Der Künstler beschreibt das Album „wie ein Gemälde, das mein Leben in all seinen Stimmungen und Farben einfängt. Es erkundet die intensiven Höhenflüge der vergangenen Jahre, aber auch die Einsamkeit und Sehnsucht, die darunter lagen. Es ist chaotisch, vielschichtig, organisch, aufgewühlt und lebendig. […] Irgendwann wurde mir klar: Die einzige Konstante in meinem Leben, die mich einigermaßen bei Verstand gehalten hat, war weder die Arbeit noch die Männer, sondern das Feminine. Gott sei Dank für sie.“

Diese Aussage erklärt auch, weshalb die Frauen und das Feminine auf dem Album nicht wie ein dekoratives Thema erscheinen. Sie bilden vielmehr einen emotionalen Gegenpol zu Sivans eigener öffentlicher Figur. Wo Something To Give Each Other noch stark von Körper, Sexualität und kollektiver Euphorie lebte, richtet She’s The Best den Blick auf Momente, in denen die Inszenierung abfällt. 

Weniger Rausch, mehr Gefühl

Musikalisch drückt sich dieser Perspektivwechsel als auffällige Entschleunigung aus. Die meisten Songs auf dem neuen Album wirken laid-back und unaufgeregt. I Do This For You wird von einem E-Piano getragen, während sich im Hintergrund Chorelemente öffnen. Der Song wirkt wie ein erster Rückzug. Cowboy führt diesen Gedanken weiter und rückt Sivans Stimme stärker ins Zentrum. Die Produktion wird feiner, emotionaler, weniger an der unmittelbaren Wirkung interessiert. Gerade darin liegt eine der großen Stärken des Albums. Sivan scheint nicht mehr jeden Song mit einem maximal eingängigen Moment rechtfertigen zu wollen. Und das gelingt auf She’s The Best.

Auch Embarrassingly bleibt in dieser Zwischenzone. Die Akustikgitarre verleiht dem Stück eine klassische Pop-Anmutung und bringt etwas mehr Bewegung zurück. Le Boy nimmt anschließend erneut Tempo heraus. Ein Gitarrenriff läuft cool im Hintergrund, während Troye Sivan darüber fast beiläufig singt. Erst gegen Ende verdichtet sich der Song, bevor er wieder in Ruhe und Streicher zurückfällt. Die Songs stehen nicht isoliert nebeneinander, sondern scheinen aufeinander zu reagieren. She’s The Best funktioniert gerade deshalb als Album, weil seine Dynamik nicht unbedingt aus Laut und Leise besteht, sondern unterschiedliche emotionale Aggregatzustände zulässt, auch wenn sie teilweise nur wenige Grad voneinander entfernt liegen.

Zwischen Sexappeal und Verletzlichkeit

Das gilt auch für Sex Star, das auf den ersten Blick eine direkte Verbindung zu Rush aus 2023 herstellt. „I just wanna be a sex star“ heißt es hier, doch die Akustikgitarre und die träumerische Atmosphäre verändern seine Bedeutung. Sexualität erscheint hier weniger als Spektakel als als Wunsch, gesehen und begehrt zu werden. Damit greift der Artist eine vertraute Facette seiner Kunst auf, betrachtet sie jedoch diesmal aus einer anderen Perspektive.

Danach öffnet sich das Album noch einmal. Troye Meets World treibt mit einer rhythmischen Melodie nach vorn, unterschiedlichste Instrumente treffen aufeinander. Doch anstatt einer chaotischen Überproduktion erwartet uns hier eine entschlossene Mischung. FF führt diese Größe fort: Der Refrain ist weit und pathetisch, die Gitarren klingen beinahe monumental, während die Bridge mit unerwarteten E-Bässen einen Bruch erzeugt. Für einen Moment ist der große Popstar wieder vollständig präsent.

Wechselspiel aus Ekstase und Distanz

Doch auch hier verweilt Troye Sivan nicht lange. Love So Big It Hurts führt mit Streichern und Piano zurück in eine intimere Klangwelt. Sein sanfter Gesang macht aus dem großen Titel keine große Geste, sondern eine Studie über die Überforderung durch ein Gefühl, das zu intensiv geworden ist und erzeugt dadurch Spannung. Im Gespräch mit Billboard beschreibt Sivan den Kern dieser Spannung selbst: „Ich wollte dieses Wechselspiel zwischen dem Moment auf der Bühne, in dem ich mich als eine extrem selbstbewusste, sexuell aufgeladene und mit anderen verbundene Version meiner selbst fühle, und der Realität schaffen, danach ins Hotel zurückzukehren und mich manchmal, ganz ehrlich, so isoliert zu fühlen wie noch nie in meinem Leben. Diese Spannung hat in mir den Wunsch geweckt, etwas zu schaffen, das sich wirklich vielschichtig anfühlt.“

Lost Time rundet das Werk als einziger Feature-Track mit Lily-Rose Depp ab. Französischer Gesang, Streicher und eine Auto-Tune-Stimme erzeugen eine schwebende Atmosphäre. Nach der Party, der Selbstinszenierung und den großen Gefühlen bleibt die Sehnsucht. Der Song endet nicht mit einem Höhepunkt, sondern mit einem Gefühl des Offenlassens.

Genau darin unterscheidet sich She’s The Best von Something To Give Each Other. Sivan ist weiterhin ein Popstar, der Lust, Glamour und körperliche Euphorie überzeugend inszenieren kann. Doch er muss diese Seiten nicht mehr zum alleinigen Mittelpunkt machen. Das Album wirkt erwachsener, weil es Widersprüche zulässt. Party trifft auf nächtliche Einsamkeit, Selbstbewusstsein lässt Verletzlichkeit zu, Sexualität erzeugt Sehnsucht. Seine zwölf Songs folgen einem fließenden roten Faden und ergeben weniger eine Ansammlung potenzieller Singles als ein zusammenhängendes Porträt eines Lebens zwischen Bühne und Hotelzimmer. She’s The Best ist damit vor allem eines: ein Album über den Moment, in dem der Rausch langsam nachlässt.

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