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Foto: Jana Legler / Getty Images

Bowie und mehr: Alexander Scheer mit neuem Programm „Heroes“ auf Tour

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Alexander Scheer sucht den Bruch, die Reibung. Ob auf der Leinwand oder der Bühne. Ab Ende März ist der Schauspieler und Musiker mit seiner David-Bowie-Hommage Heroes live auf Deutschland-Tournee zu erleben.

Er liebt die Herausforderung. Das Unvorhersehbare. Und die Transformation. Als kämpferischer Strafverteidiger in der vielfach preisgekrönten Kinoproduktion Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush, als Lord Byron in Frank Castorfs moderner Faust-Adaption an der Berliner Volksbühne oder als zerrissener Liedermacher Gerhard Gundermann im gleichnamigen Biopic: Mit seiner einnehmenden Performance und seiner künstlerischen Wandlungsfähigkeit zählt Alexander Scheer längst zu den außergewöhnlichsten und spannendsten Schauspielern Deutschlands. Nachdem er 2018 die Hauptrolle im David-Bowie-Musical Lazarus übernommen hatte und drei Jahre später als Thin White Duke in der Neuverfilmung von Wir Kinder vom Bahnhof Zoo zu sehen war, widmet er sich mit Heroes – Alexander Scheer singt David Bowie erneut der britischen Musiklegende. Alexander Scheer im Vier-Augen-Gespräch über die Annäherung an einen Unsterblichen.

Alexander Scheer im Interview

Herr Scheer, wie hat sich Ihre erste Berührung mit der Musik David Bowies gestaltet?

Meine erste Begegnung fand selbstverständlich in Form von Heroes statt, irgendwann als kleiner Junge. Dieses Lied war immer da und ist für mich so essenziell wie die Sonne, der Mond und die Sterne. Der erste Song, zu dem ich mit 3 Jahren auf der Couch hüpfend so richtig abgegangen bin, war allerdings von einem seiner großen Vorbilder: Little Richard. Lucille lief damals bei uns in Dauerschleife, während ich unser Sofa malträtiert habe. Es ist von Bowie überliefert, dass er während einer Schaffensphase ein gerahmtes Foto von Little Richard vor einem pinken Cadillac aufs Mischpult gestellt und seinem Producer gesagt hat: SO soll mein Album klingen!

Wie haben Sie sich auf das Heroes-Programm vorbereitet?

Ich mag es, mich mit den Leuten zu beschäftigen, mit denen ich beruflich zu tun habe. Ich bin an allem interessiert, was ich nicht kenne und will von jeder Arbeit etwas lernen. Über Bowie hatte ich natürlich ein gewisses Grundwissen; alles über diesen Künstler zu wissen, ist einfach unmöglich. Schon als ich vor ein paar Jahren in Lazarus in Hamburg gespielt habe, bin ich tief in den Recherche-Tunnel eingebogen. Das war der Anfang einer wirklich aufregenden Reise.

2018 waren Sie im Musikfilm Gundermann zu sehen. Ebenfalls eine gute Vorbereitung?

Absolut. In Gundermann hat es sich ergeben, dass ich plötzlich als Sänger vorm Mikrofon stand. Von selbst hätte ich mich nie vorne hingestellt und von mir behauptet, ich wäre jetzt ein Sänger. Ich habe als Schlagzeuger angefangen. Als Motor für den Beat einer Band verantwortlich zu sein, ist ein enorm geiles Gefühl. Ich habe das immer sehr genossen, bis mir klar wurde, dass ich doch mehr Rampe brauche. Über meine Rolle in Das wilde Leben habe ich mich als Keith Richards an die Rhythmusgitarre vorgeschummelt, bis dann das Angebot für Gundermann mit 14 Songs, einer Platte plus einer Tour kam und ich plötzlich Sänger war. Von Gundermann zu Bowie war dann noch ein ganz anderer Schritt, der aber gut funktioniert hat.

Sie haben eine Vorliebe für Suchende und Zerrissene. Was ist der besondere Reiz an David Bowie?

Diese ständige Unberechenbarkeit, nie gewusst zu haben, was als nächstes kommt. Der Wille, nicht stehen zu bleiben. Die einzige Konstante im Leben ist Veränderung. Bowie hat in nicht mal fünf Jahren drei völlig unterschiedliche Platten aufgenommen. Eine als Außerirdischer vom Mars, auf der er queeren Rock‘n’Roll macht (The Rise And Fall Of Ziggy Stardust And The Spiders From Mars, Anm. d. Red.). Dann nimmt er in Philadelphia ein astreines Soul-Album (Young Americans, Anm. d. Red.) auf, um danach in Berlin geradezu avantgardistischen Synthesizer-Pop (Station To Station, Anm. d. Red.) zu komponieren. Er hat sich nie wiederholt, sondern immer neue Wege ausprobiert. Das fasziniert mich wahnsinnig und darin finde ich mich auch persönlich wieder. Ich weiß, was ich kann. Mich interessiert, was ich nicht kann.

David Bowie im Circle Store:

Welche Gemeinsamkeiten gibt es noch mit Bowie, mit welchen Fremdheiten konnten Sie sich dagegen nicht anfreunden?

Bowie ist nach Mozart der einzige Künstler, der sich mit Blackstar sein eigenes Requiem geschrieben hat. Bei beiden gab es keine Grenze zwischen ihrem Privatleben und der Kunst. Das Schaffen wird bis in den Tod hinein zur Kunst. Niemand ist jemals weiter innerhalb der Popmusik gegangen, den eigenen Tod in letzter Konsequenz in Kunst zu verwandeln und zwei Tage nach Album-Release als Major Tom wieder auf seinen Heimatplaneten zurückzukehren. Diese Ambition ist mir fremd. Man könnte sich mit Krebs auch einfach zurückziehen und es gut sein lassen. Bowie hat noch ein Musical geschrieben, eine Platte aufgenommen und einen Videoclip gedreht.

Sie haben radikale Charaktere wie Blixa Bargeld, Andy Warhol oder den Mörder und Geiselnehmer Dieter Degowski verkörpert. Was genau sind die Kriterien, nach denen Sie Ihre Rollen auswählen?

Mal vorausgeschickt: 80 Prozent der Beschäftigten in unserer Branche können nicht von ihrem Beruf leben. Ich bin sehr, sehr privilegiert. Das ist mir bewusst. Ich suche mir die Figuren nicht aus, sie kommen zu mir. Apropos Dieter Degowski: Das Casting für diese Rolle fand einen Tag nach Bowies Tod statt. Im Radio liefen seine Songs rauf und runter. Für das Vorsprechen hatte ich mich komplett in Degowski verwandelt. Schwarze Lederjacke, gleiche Frise, Klobrillen-Bart, dunkle Augenringe und dieser leicht debile Blick. Außerdem hatte ich die Replika einer Schusswaffe dabei. Während des Casting rief mich Leander Haussmann an und fragte, ob ich sofort ins Berliner Ensemble kommen und am nächsten Abend eine Rolle übernehmen könnte. Also habe ich mich als Dieter Degowski in der Theaterkantine mit dem Dramaturg des BE getroffen, der mir vorschlug, etwas mit Bowie zu machen. Daraus wurde dann das Heroes-Programm entwickelt. Das ist jetzt genau zehn Jahre her.

Aber was macht für Sie eine interessante Rolle aus?

Ich habe einen 5-Punkte-Plan, nach dem ich zu- oder absage: Spaß, gute Leute, die Frage, ob ich etwas dabei lernen kann, Ruhm und Ehre, Geld. Heroes hat alle fünf Punkte erfüllt. Das gab es bei mir noch nie. Zu wagen, in Bowies Fußstapfen zu treten, ist nicht ohne. Da ich, auch durch die Rollen, die ich bisher gespielt habe, ein wenig größenwahnsinnig bin, habe ich mir gesagt: Let´s do it (lacht).

Sie legen Wert darauf, in Heroes keine Rolle zu verkörpern, sondern Sie selbst zu bleiben.

Richtig. Ich gehe auf die Bühne als Alexander Scheer. Es ist keine Tribute-Show, in der ich mit Perücke etc. auftrete, sondern eher eine Hommage, eine Annäherung. Wie soll man auch David Bowie sein? Das geht nicht. Ich habe für mich rausgefunden, dass die Bühne kein Ort ist, an dem man sich verstellen kann. Im Film ist es einfacher. Die Kamera ist sehr mikroskopisch und erlaubt, durch kleinste Details eine Figur vor der Linse zu erschaffen. Auf einer riesigen Bühne würde das nicht funktionieren. Unter Frank Castorf habe ich an der größten Bühne Berlins, der Volksbühne gespielt. Ein echtes Monster, ein Schlachtschiff von den Ausmaßen her. In einer 6-stündigen Dostojewski-Aufführung spielt man nicht seine Rolle, sondern wird von der Rolle gespielt. Wer auf der Bühne nicht absolut ehrlich ist, hat dort nichts verloren.

Wie würden Sie die Show beschreiben?

Ich möchte die Leute mitnehmen in den Bowie-Kosmos. Ich stelle seine wichtigsten Songs und die Bücher vor, die ihn inspiriert haben. Die Setlist ist mehr oder weniger gesetzt. Trotzdem gehe ich jeden Abend an seine Bibliothek und ziehe zufällig Bücher raus, aus denen ich dann vorlese. Jeder Auftritt ist anders. Ich lasse mir immer ein bisschen Freiraum für Improvisationen und dafür, nicht genau zu wissen, was als nächstes passiert.

Welche Bücher in Heroes haben für Sie eine besondere Bedeutung?

Zum Beispiel die Nummer 22 auf der Liste der Bücher, die sein Leben am meisten geprägt haben: Christa Wolf, wohlgemerkt eine Autorin aus der DDR, und Nachdenken über Christa T. Es kam 1976 raus und wurde ein Jahr später in der englischen Übersetzung veröffentlicht. Bowie hat das Buch in Berlin gelesen. Anfang 2013 erschien dann über Nacht und ohne jede Vorankündigung die Single Where Are We Now? – eine Berlin-Hymne in Retrospektive. Dieses Lied ist durchdrungen von den poetischen Sprachbildern Christa Wolfs. Das ist für mich der Glutkern des Abends. Auch weil meine Mutter das Original von Nachdenken über Christa T. im Schrank stehen hatte. Als ich es aufschlug, stand dort „Margitta Scheer, Juni `76“. Ich bin am 1. Juni 1976 zur Welt gekommen; das Buch war offenbar ein Geschenk zu meiner Geburt. Und sie hat es gelesen, während sie mich stillte. Ich habe Christa Wolf sozusagen mit der Muttermilch zu mir genommen. Im August 1976 ist Bowie nach Schöneberg gezogen - ich war also vor ihm in Berlin (lacht).

Einen wichtigen Einfluss auf Bowie hatten auch Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz oder Otto Friedrichs Weltstadt Berlin. Haben diese Bücher dazu beigetragen, Ihre Heimatstadt ebenfalls nochmal mit eigenen Augen aus einem anderen Blickwinkel wahrzunehmen?

Absolut! Wobei mir nicht klar gewesen ist, dass Westberlin in den `70ern genauso trist wie Ostberlin in den `80ern war. Eine eingemauerte Inselstadt; ein Dorf, in dem absolut nichts los war und in dem es keine Sau interessierte, dass ein Superstar wie Bowie, der ultimative Glam-King der Welt, im Holzfällerhemd auf dem Fahrrad durch die Potsdamer Straße fährt. Typisch Berlinerische Arroganz, die ihn auch geheilt hat, nachdem er schwerst kokainabhängig von L.A. nach Berlin gezogen ist. Er war auf 40kg abgemagert, hat jeden Tag fünf Gramm Koks plattgemacht und angefangen, Geister im Swimmingpool zu sehen. Zum Clean-Werden ist er dann nach Berlin gegangen; in die Hauptstadt des Heroin-Konsums...

Sie waren 12, als die Mauer fiel. Wie haben Sie die neue Freiheit der Post-Wende-Jahre im wiedervereinigten Berlin erlebt?

Berlin war Anfang der `90er der freieste Ort im gesamten Universum. Die Teilung der Welt in Ost und West, NATO und Warschauer Pakt waren aufgehoben. Der Eiserne Vorhang war weg und jeder Tag wurde zelebriert. Ich wurde dual, um nicht zu sagen bipolar sozialisiert. Es gibt keine Worte, um zu beschreiben, was dieser Epochenbruch in einem heranreifenden jugendlichen Gehirn anstellt. Es passierte in so kurzer Zeit so viel, es war einfach irre. Wir sind einfach nicht gealtert. Ich werde dieses Jahr 50; gleichzeitig feiern wir mit dem Programm auch fünfzig Jahre Bowie in Berlin.

Mit Oskar Roehler oder Frank Castorf haben Sie sich immer sehr exzentrische Regisseure zur Zusammenarbeit gesucht. Warum dieses Faible für schwierige Typen?

Nobody said it would be an easy ride... Ernsthaft: Es macht keinen Spaß, wenn es zu einfach ist. Ich suche mir Menschen zur Zusammenarbeit aus, die im Bestfall etwas wollen, was ich nicht will. Ich stelle mich aber trotzdem zu hundert Prozent zur Verfügung, als ginge es um mein Leben. Aber nach drei Monaten bin ich wieder weg. Ich gehe ein halbes Jahr durch die Hölle für eine Figur; danach muss ich wieder andere Erfahrungen machen. Mein Luxus ist, viele verschiedene Leben leben zu dürfen. Ich kann durch Raum und Zeit reisen. In die Romantik, in die Renaissance, in die 1920er Jahre. Deswegen recherchiere ich auch so gern. Durch Bowie habe ich kapiert, dass man auch Bücher lesen muss. Früher habe ich nur Sachbücher und Biografien gelesen. Doch gerade die Belletristik ist eine totale Zeitmaschine. Und ich hoffe, auch weiterhin mit Menschen arbeiten zu dürfen, die genauso einen Knall haben wie icke.


Alexander Scheers Heroes-Tournee beginnt am 28. März 2026 in Hannover und macht anschließend in mehreren Städten Station, darunter Düsseldorf, Stuttgart, Hamburg, Leipzig, Berlin, Köln und Dresden.

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