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Dass wir uns ausgerechnet zur Weihnachtszeit von Chris Rea verabschieden müssen, ist gleichermaßen traurig wie passend. Denn im Dezember ist Rea mit Driving Home For Christmas allgegenwärtig. Gerade noch hatten wir uns über seine Erzählung vom Fahrverbot während der Entstehung dieses Songs amüsiert, da erreichte uns am 22. Dezember die Nachricht, dass Rea im Alter von 74 Jahren gestorben ist.
In Erinnerung an Chris Rea
Chris Rea war jedoch natürlich weit mehr als nur der Mann hinter Driving Home for Christmas. Und genau deshalb widmen wir uns hier sechs Dingen, an die wir uns immer erinnern werden.
1. Sein Slide-Gitarrenton
Chris Rea entwickelte eine ganz eigene Art, Slide-Gitarre zu spielen und war als Gitarrist weniger Virtuose als Stilist. Sein Slide-Spiel war beeinflusst von Ry Cooder und George Harrison, klar verwurzelt im Delta-Blues, zugleich aber offen für Pop- und Rockstrukturen. Rea nutzte die Slide nicht als blueshistorisches Zitat, sondern als erzählerisches Mittel innerhalb seiner Songs. In Stücken wie The Road to Hell (Part 2) oder Auberge zeigt sich, dass es ihm weniger um technische Brillanz ging als um Klang, Raum und dramaturgische Funktion. Die Gitarre ergänzt die Stimme, setzt Akzente, schafft Atmosphäre und wurde so zu einem der zentralen Markenzeichen seines Sounds.
2. Seine Resilienz
Gesundheitliche Rückschläge begleiteten Chris Rea über Jahre – und prägten sein Werk nachhaltig. Mitte der 1990er-Jahre wurde bei ihm Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert. Es folgten zahlreiche, teils gravierende Eingriffe, lange Klinikaufenthalte und die Entfernung mehrerer Organe, darunter Bauchspeicheldrüse, Gallenblase und Teile der Leber. Später kam eine insulinpflichtige Diabetes hinzu; Rea beschrieb diese Zeit als Alltag unter medikamentöser Dauerbelastung. Auch danach blieb ihm weiteres Leid nicht erspart: 2016 ein Schlaganfall, ein Jahr später ein Zusammenbruch während eines Konzerts in Oxford. Dennoch hielt er an der Musik fest, veröffentlichte weiter Alben und kehrte noch einmal auf die Bühne zurück.
3. Driving Home For Christmas
Klar, Chris Reas Weihnachtsklassiker dürfen wir hier nicht vergessen. Die Entstehung von Driving Home For Christmas folgt keiner großen Dramaturgie, sondern einem beiläufigen Moment. Anfang der 1980er-Jahre entstand der Song unterwegs, im Auto, auf dem Heimweg, im winterlichen Stillstand zwischen Tourterminen und Verpflichtungen. Müdigkeit, Stress, Stau. Driving Home For Christmas funktionierte nie als klassisches Weihnachtslied, sondern als Stimmungsprotokoll und wurde genau deshalb zu einem der langlebigsten Titel im Repertoire von Rea.
Erst vor Kurzem hat Rea selbst noch einmal über die beinahe absurde Entstehungsgeschichte seines bekanntesten Weihnachtssongs gesprochen. In einem aktuellen Interview erzählte er, dass das Stück ausgerechnet in einer Phase geschrieben wurde, in der er wegen eines Fahrverbots gar nicht selbst fahren durfte. Vielleicht erklärt gerade dieser Widerspruch den Ton des Songs: nicht verbittert, sondern zugleich frustriert und tröstlich, getragen von jener eigentümlichen Mischung aus Stillstand und Hoffnung, die viele mit der Heimreise kurz vor Weihnachten verbinden. Dass das Lied bis heute funktioniert, führt Rea auf eine simple Beobachtung zurück: Jahr für Jahr sitzen zur selben Zeit unzählige Menschen im selben Stau, mit denselben Gedanken.
4. Sein trockener Humor
Reas pragmatisch-trockener Humor zeigt sich auch, wenn es um seinen Weihnachtshit geht. In Interviews erzählte Rea gern, dass er, wenn er im Stau auf der Londoner M25 stehe – für ihn selbstironisch „the road to hell“ –, das Fenster herunterlasse und anderen Autofahrern den Refrain von Driving Home For Christmas vorsinge. Die Reaktionen seien durchweg freundlich, fast dankbar, als würde man den Menschen im Nebenwagen ein kleines Geschenk machen, sagte er einmal gegenüber dem Independent. Auch live war der Song lange kein Selbstläufer. Rea hatte ihn jahrelang nicht auf der Bühne gespielt, bis ein Konzert am 21. Dezember in der Londoner Hammersmith Odeon den Ausschlag gab. Die Roadcrew drängte ihn, den Song endlich ins Set zu nehmen. Reas Reaktion: Wenn schon, dann richtig. Er ließ kurzerhand zwölf Schneekanonen installieren. Als das Stück begann, ging der Jubel im Saal im Lärm unter, dann setzte der künstliche Schneefall ein und legte den Zuschauerraum unter einer dicken Schicht Kunstschnee lahm. Die anschließende Reinigung kostete ihn 12.000 Pfund – eine Summe, die Rea später mit hörbarer Amüsiertheit kommentierte.
5. Seine großen Alben
Chris Reas Karriere lässt sich am sinnvollsten über seine Alben lesen. The Road To Hell (1989) markiert dabei den zentralen Punkt. Das Album verbindet Blues, Rock und gesellschaftliche Beobachtung, ohne sich festzulegen oder zu erklären. Rea reagierte auf ein Gefühl von Stillstand und Überforderung und übersetzte es in klare, reduzierte Songs. Auberge (1991) folgte als bewusste Öffnung. Die Produktion ist breiter angelegt, die Songs stärker auf Melodie und Struktur konzentriert. Titel wie Auberge oder Looking For The Summer zeigen Rea auf dem Höhepunkt seiner Kontrolle über Form und Ton, ohne den Anspruch zu erhöhen.
Bereits Shamrock Diaries (1985) deutete diese Entwicklung an. Persönlicher und zurückhaltender als seine Vorgänger, markiert es den Übergang von klassischem Pop zu einem stärker erzählerischen Ansatz. Zusammen stehen diese Alben für ein Werk, das sich konsequent weiterentwickelte und nicht auf einzelne Erfolge angewiesen war.
6. Seine Kompromisslosigkeit – weg vom Pop, hin zum Blues
Chris Rea traf früh eine Entscheidung, die ihn Reichweite kostete, ihm aber künstlerische Kontrolle sicherte. Nach dem Höhepunkt seines kommerziellen Erfolgs zog er sich bewusst aus dem Pop-Mainstream zurück und orientierte sich zunehmend am Blues. Er versuchte erst gar nicht, wechselnden Trends oder neuen Chartlogiken hinterherzuhängen, sondern folgte konsequent seinem eigenen musikalischen Kompass.