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Castle Rat sehen so aus wie eine Mischung aus Masters Of The Universe, frühen Manowar und alten Fantasy-Romanen. Erstaunlicherweise klingen sie auch so. Wir haben das größte Heavy-Metal-Phänomen des Jahres mal unter die Lupe genommen.
Heavy Metal ist eine ernste Sache. Das wissen wir ja. Es gibt Regeln, und an diese Regeln hat man sich zu halten. Es ist ein Genre, in dem man übertrieben heftig darüber diskutierte, als sich James Hetfield damals die Haare abgeschnitten hat. Das mag man Oberflächlichkeit nennen (und sollte das auch tun), es zeigt aber die tiefe Connection, die Fans seit jeher mit diesem Genre und seiner visuellen Repräsentation haben. Die Haare müssen lang sein, die Kutte voller Patches (aber den richtigen Patches, natürlich), die Artworks entweder satanisch oder aus einer Fantasywelt, der Sound entweder roh oder bombastisch, die Gitarrensoli endlos.
Ist ja alles schön und gut. Wurde aber von Bands wie Manowar eher an den Rand der Persiflage gebracht. Dabei ist die pure Essenz dieser Musik – Mystik, Magie, fremde Welten, der Reiz des Okkulten – ja durchaus etwas Phänomenales. Mit Castle Rat gibt es jetzt endlich eine Band, die all diese Tugenden (also den Pathos, das Melodrama, den Kitsch, das Übertriebene, das Geheimnisvolle, das Andersweltliche) mehr absorbiert hat als wahrscheinlich jede andere Band vor ihnen. Die diesen Spirit lebt. Und damit gerade viral geht – im Netz und im wirklichen Leben. Das gefällt Heavy-Metal-Gralshütern wie Uwe (49) aus dem Controlling oder Jürgen (52) aus der Buchhaltung natürlich gar nicht, denn Heavy Metal ist schließlich ihre Sache. Und ihre Sache allein.
Heavy Metal, aber destilliert
Doch während diese Weekend-Warrior weiterhin fein säuberlich darauf achten, dass die Kutte einmal im Jahr für Wacken aus dem Schrank geholt wird, dreht sich die Welt des Metal weiter. Und schenkt uns 2024 eine Band, die es selbst in diesem vor Heldenmut, Fantasy, Kriegertum, Magie und Säbelrasseln nur so triefenden Genre noch nie gegeben hat. Hier kommt alles zusammen, was diese Musik in den Achtzigern ausgemacht hat. Doch während die Schöpfer:innen dieses unvergleichlichen Stils damals noch nicht genau wussten, was sie da überhaupt erschufen, können sich Castle Rat an einem ausformulierten Regelwerk bedienen.
Das ist in etwa so, als würde man immer nur die allererste rudimentäre Beta-Version von Dungeons & Dragons spielen. Und dann irgendwann auf eine vervollkommnete Fassung stoßen, die dieselbe Magie, denselben Charme transportiert – nur eben ausformuliert und destilliert. All das geht auf das Jahr 2019 zurück, als sich Sängerin und Gitarristin Riley Pinkerton in Brooklyn nach Mitstreitern für ihre neue Band umsieht. Die „Rat Queen“, wie sie genannt wird, schart Henry „The Count“ Black, Ronnie „The Plague Doctor“ Lanzilotta und Joshua „The Druid“ Strmic um sich wie eine Heldin eine neue Gruppe im Rollenspiel. Ihr Ziel: Fantasy-Welten wie Conan oder die Reiche von Michael Moorcock in jubilierenden, heroischen Heavy Metal voller mittelalterlicher Magie zu kleiden.
Videos wie 1982
Dazu braucht es natürlich auch eine Antagonistin. Auftritt Madeline Wright, die als Rat Reaperess fester Teil der Band ist und bei den legendären Liveshows der Band stets im Duell gegen die Rat Queen antritt. Ernsthaft.
Man merkt also schnell: Das ist mehr als eine weitere Proto-Metal-Band, die sich am Geist der Achtziger labt. Das ist eine Band, die von diesem Geist besessen ist und ihn in ganz neue Sphären bringt. Denn während die obskuren Bands der Achtziger durchaus eher etwas für Liebhaber:innen sind, sind Castle Rat ein virales Phänomen. Ihre Videos sehen irgendwie aus, als hätte ein italienischer Regisseur 1982 einige Episoden für Masters Of The Universe gefilmt. Und sie werden millionenfach geklickt. Ihr erstes Album Into The Realm brachte sie 2024 urplötzlich auf Bühnen in aller Welt, mittlerweile sind ihre Shows in Windeseile ausverkauft.
139.000 Dollar in 37 Minuten
Im Januar 2025 wollten sie ihre neue Albumproduktion mit Kickstarter finanzieren. In nur 37 Minuten hatten sie 139.000 US-Dollar beisammen. Die ganze Welt wollte hören, was Castle Rat als nächstes in diese Welt bringen würden. Und wurde nicht enttäuscht: The Bestiary kam dann im September 2025 und wurde zum Phänomen. Das hier war Kreaturen-Metal, Rollenspiel-Metal, Zauberer-Metal, ein Album wie eine D&D-Kampagne gegen feindselige Monster in Sümpfen, Dungeons und Türmen.
Castle Rat ist aber eben mehr als Optik und Atmosphäre. Ihre Musik ist schauerlich authentisch und klingt wie ein verloren geglaubtes Album von Witchfinder General. Oder wie ein frühes Sabbath-Bootleg. Es ist doomig, es ist episch, es steckt mitten in der Heavy-Metal-Ursuppe der Siebziger. Als das Genre noch wusste, dass es eigentlich Blues ist. Den Unterschied zu all den anderen Bands macht aber eben die Hingabe, mit der die Band diese Musik exerziert. Und mit der die Rat Queen singt. Das hier sind Litaneien, Anrufungen, Zaubersprüche, keine Metal-Vocals. Da ist die Queen eher bei Grace Slick als bei Doro. Mal allgemein gesprochen. Außerdem sieht sie aus wie eine Chappell Roan aus einem Achtziger Fantasy-B-Movie. Besser geht’s nicht.
Musik wie ein Gemälde von Frank Frazetta
„Letztendlich möchte ich einfach nur die Musik spielen, die ich liebe“, fasst die Rat Queen zusammen. „Ich glaube, dass man leicht in die Falle tappen kann, sofort altmodisch zu klingen, wenn man sich zu sehr bemüht, mit der Zeit zu gehen. Wenn man weit genug zurückgeht, wird es aber einfach zu einem Klassiker. Ich möchte einfach nur in dieser Welt leben, umgeben von Gemälden von Frank Frazetta und mit Black Sabbath als Soundtrack.“ Das bringt die Essenz von Castle Rat auf den Punkt – es gibt keinen ikonischeren Fantasy-Künstler als ihn und keine ikonischere Band als Sabbath.
Besonders wirkungsvoll ist das außerdem, weil hier nichts auf Hochglanz poliert ist wie bei vielen Testosteron-Banden. Castle Rat sind DIY. Und das sieht man in jedem Detail ihrer Vintage-Ästhetik. Alles analog, die Kostüme sichtbar handgenäht und ein wenig trashig. Wie ein alter Peter-Jackson-Film. Und eben so, als würde sich eine Gruppe Amateure zum Live-Rollenspiel im Wald treffen und in handgemachte Gnom- und Zauberer-Kostüme schlüpfen. Genau das macht den Reiz aus. Und dass sie unfassbar packende Hymnen schreiben können, nun, das schadet natürlich auch nicht.
Lang lebe die Ratte!