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Interview mit Nickelback: „Wer es nötig hat, soll uns ruhig hassen“
Ach, es ist so herrlich einfach, Nickelback zu belächeln. Sie können noch so viele Hard-Rock-Kracher wie Rattle The Cage raushauen – und werden für sehr viele doch immer noch die glattgebügelte Corporate-Rock-Variante sein, die allerhöchstens fürs seichte Pop-Rock-Radio gemacht ist. Im Interview spricht Mike Kroeger über die Hater, aber auch über seine ungebrochene Liebe zur Musik. Wird das die Hater überzeugen?
Im Jahr 2023 veröffentlichen Nickelback ihre vielbeachtete Dokumentation Hate To Love: Nickelback. In der thematisieren sie sehr persönlich und in aller Breite die Auswirkungen des teilweise absurden Hasses, der ihnen seit Jahrzehnten entgegenschlägt – auf sie persönlich, aber auch auf ihre Familien und ihr Umfeld. Natürlich ist es einfach, Nickelback für ihren teilweise generischen Sound zu belächeln, doch fern der Singles hat diese Band immer schon mehr als probate und vernünftige Rock-Songs hingezimmert.
Das elfte Album Everything Under The Sun macht da keine Ausnahme, wird aber ebenso wenig etwas daran ändern wie alle davor. Basser und Bandgründer Mike Kroeger weiß das. Und es ist ihm aus vielerlei Gründen mittlerweile egal.
Mike, in der Doku kam raus, dass du vor einigen Jahren einen heftigen Schlaganfall erlitten hast. Was hat das mit dir gemacht?
Es hat alles in eine andere Perspektive gebracht. Wer dem Tod so nah ist, sieht die Dinge anders, merkt auf schmerzhafte Weise, wie zerbrechlich und flüchtig alles ist. Das sollte man sich natürlich jeden Tag bewusst machen, aber wir wissen ja alle, wie es ist. So etwas geht unter im Alltag. Dabei ist es so ein großes Geschenk, am Leben zu sein. Wir klammern uns im Leben oft an Dinge, die wir für wichtig halten. Wir machen uns Stress wegen Dingen, die wir für wichtig halten. Dabei spielt vieles gar keine so große Rolle wie wir immer denken. Wir haben immer noch keine endgültige Antwort darauf, warum mir das passiert ist. Aber das Einzige, was mir wirklich einfällt, ist, dass ich unter einem hohen Maß an selbst auferlegtem Stress stand. Stress ist ein Killer. Also musste ich lernen, damit umzugehen. Und Dinge loszulassen.
Inwiefern hat das deine Rolle als Mitglied und Gründer einer Band wie Nickelback verändert? Nimmst du Dinge weniger ernst oder weißt du sie im Gegenteil sogar mehr zu schätzen?
Beides? (lacht) Ich glaube nicht, dass ich erst einen Schlaganfall haben musste, um zu erkennen, wie besonders selten es ist, so etwas erleben zu dürfen. Aber man muss auch erkennen, dass es nicht alles ist. Dass man Fehler machen kann, ohne sich für sie zu quälen.
Das könnte natürlich auch mit dem Alter zusammenhängen. Ihr seid keine 30, keine 40 mehr...
Ich habe da tatsächlich einen Spruch dazu. Und Chad findet ihn urkomisch, er zitiert mich ständig: Als ich 30 wurde, fing mein Körper an zu schmerzen. Als ich 40 wurde, fing er an, auseinanderzufallen. Und als ich die 50 erreichte, fing er an, auseinanderzufliegen. Aber das ist zum Glück nur körperlich. Geistig merke ich natürlich auch große Veränderungen. Ich werde gelassener, sanfter, rede weniger und höre mehr zu.
Zu beweisen hast du dir schon seit Jahrzehnten nichts mehr. Was treibt dich bis heute an?
Wer sagt, dass ich nichts mehr zu beweisen habe? Ich hatte immer sehr hohe Erwartungen an mich selbst und habe lange den Fehler gemacht, diese Erwartungen auch an andere zu stellen. Das war ein großer Charakterfehler. Ich lerne immer noch, mich selbst und andere zu akzeptieren und zu erkennen, dass jeder irgendwann einmal hinter seinen Erwartungen zurückbleibt. Das bedeutet aber nicht, dass ich mir keine Mühe mehr gebe. Ich glaube nur, es hat dazu geführt, dass es derzeit so viel Spaß wie nie macht, mit Nickelback zu spielen. Ich glaube nicht, dass mir ein anderer Job derart viel Spaß machen würde. Wir dürfen Musik machen und leben gut davon. Ich kann dir gar nicht sagen, wie dankbar ich dafür bin.
Erstaunt es dich manchmal, dass ihr seit gut 25 Jahren enorm erfolgreich seid?
Manchmal? Praktisch konstant! Die Beatles gab es wie lange, acht Jahre? Wir sind schon seit 30 Jahren dabei. Natürlich hatten die Beatles eine völlig andere Rolle und einen Einfluss, von dem wir nur träumen können, und wir sind eben einfach nur eine Rockband, aber es ist schon erstaunlich, wie lange wir das jetzt schon auf diesem Niveau durchziehen dürfen. Was sich gut trifft, denn wir haben immer noch Bock.
Das hört man den Songs auf Everything Under The Sun deutlich an.
Ich glaube, ich hatte noch bei keinem anderen Album so viel Spaß. Wir haben es bewusst locker angehen lassen, ohne Deadlines oder Druck, und wenn wir mal nicht weiterkamen, haben wir einfach eine Pause eingelegt und sind nach Hause gefahren. Eine Woche, zwei Wochen, ganz egal. Bis es eben wieder ging. Dann haben wir weitergemacht. Wir haben diesmal einfach den Druck nicht akzeptiert, schnell etwas abliefern zu müssen. Dafür haben wir auch extra keinen Plattenvertrag unterschrieben, bevor die Platte fertig war.
Hat das die Musik verändert? Oder nur die Art, wie ihr aufgenommen habt?
Das bedingt sich gegenseitig. Es ist doch wie beim Boxen: Wenn man verkrampft und angespannt ist, schlägt man nicht hart zu. Aber wenn man locker und entspannt ist, schlägt man sehr hart zu.
Locker und entspannt scheint ihr mittlerweile auch mit Kritik umzugehen, kann das sein?
Ich glaube, diejenigen, die uns verstehen wollen, tun das auch. Längst. Der Rest wird es nie tun – ganz gleich, was für Musik wir machen würden. Durch die Doku waren wir einfach mal in der Lage, die Geschichte aus unserer Perspektive zu erzählen. Es war an der Zeit, das zu tun. Ebenso wie alle unsere Platten haben wir diese Dokumentation für unsere Fans gemacht, nichts für die Hater.
Warum?
Das ist ein aussichtsloses Unterfangen. Wenn man versucht, es ständig allen recht zu machen, wird man als Mensch niemals Erfüllung finden. Und ich verstehe das ja alles sogar: Dieser Hass hat all unsere Lieblingsbands getroffen, sobald sie wirklich den großen Durchbruch schafften. Bon Jovi, Metallica, ganz egal. Das ist alles so albern und gehört offenbar dazu, wenn man es wirklich geschafft hat. Ich habe früher sehr viel Punkrock und Hardcore gehört, und ausgerechnet in diesen Kreisen waren die Fans immer die gemeinsten. Ich kann dir gar nicht sagen, wie viele Musikjournalisten mir erzählt haben, dass sie gescheiterte Musiker sind. Und das waren sogar einige der besten Interviews, die ich je geführt habe, weil sie verstanden haben, wie schwer es ist. Aber dann gibt es eben noch die anderen, die einfach nur versuchen, ihre Rechnungen zu bezahlen. Ich weiß ja, wie es ist – die Redaktion veröffentlicht deine Artikel etwas prominenter, wenn sie etwas pikanter sind. Ich verstehe das. Jeder muss schließlich etwas essen.
Jeder muss seine Miete bezahlen. Also tu, was du tun musst. Wer es also nötig hat, uns zu hassen, um voranzukommen, soll es bitte tun.