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Foto: Brianna Bryson/Getty Images for Coachella

Lykke Li findet Schönheit in der Melancholie

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The Afterparty, das klingt nach Katerstimmung, nach kleinen Toden und großen Pupillen. Schwedens Electropop-Visionärin Lykke Li macht daraus in nur 24 Minuten eine elegische Ode an die Euphorie, ein Abschiedswerk voller Schatten und Zweifel.

Wir alle gleiten in unseren Leben durch verschiedene Ären. Zeitabschnitte, die wir mit einem gewissen Mindset, einem Style oder einem Lieblingsessen verbinden. Lykke Li tritt mit The Afterparty klar, deutlich und kühn in eine neue Ära ein. Mehr denn je scheint es ihr egal zu sein, was die breite Masse, der Mainstream von ihr denkt. Hier ist eine Künstlerin, die sich an den Randgebieten des Popkulturkosmos immer schon wohler gefühlt hat als in der Mitte, der Sonne.

Ihr letztes Album?

Kürzlich ist sie 40 geworden. Auch so ein Alter, an dem Menschen nachdenken, Bilanz ziehen. „Is it over? Are We happy now?“ singt sie nachdenklich, beinahe flehend in ihrer neuen Single Happy Now. Das klingt erst mal ominös, immerhin häufen sich die Gerüchte, dass The Afterparty ihr sechstes und zugleich letztes Album sein wird. Also noch mal alles sagen, alles drauf packen, alles rausholen? Nö. Lykke Li zieht Bilanz. Aber anders, als man das erwarten würde. Sie sei „bruised and broken“, singt sie in Lucky Again, schlägt eh überwiegend ruhige, nachdenkliche Töne an.

In ihrer Karriere hat die Schwedin die Tiefen der Liebe in all ihren komplexen, überwältigenden, unverständlichen Formen ausgelotet. Und wurde in ihrer Musik immer mehr zur Sucherin. „Ich habe das Gefühl, dass alle großen Künstler – Bob Dylan, John Lennon, George Harrison – irgendwann an diesen Punkt gelangen, an dem man einfach anfängt, den Sinn der Dinge zu hinterfragen“, meint sie in einem aktuellen Interview.

Reise durch die Nacht

Durchaus bezeichnend, dass sie sich für diesen finalen Akt ihrer musikalischen Reise gerade mal knappe 25 Minuten gönnt, verteilt auf neun Lieder. Sie nimmt mit auf eine Reise durch die verschwommenen Überreste einer durchfeierten Nacht, sitzt bei Sonnenaufgang irgendwo allein auf einer Parkbank und fragt sich, was das jetzt noch alles kommen soll. Nach dieser Nacht, aber auch in diesem Leben.

Der Electropop von The Afterparty ist sehr reduziert und vereint die eigentlich gegensätzlichen Welten Euphorie und Melancholie. Die Endorphine kicken noch, aber der Weltschmerz wartet an der Bar. Wir feiern noch. Aber wir wissen eigentlich gar nicht so genau, was. Dazu passt diese surreale Traumstimmung, die immer dann einsetzt, wenn man nach durchwachter Nacht das erste Morgenglimmen am Himmel sieht – noch dazu durch die kalifornische Linse: Lykke Li schrieb das Album größtenteils in dieser chimärenhaften Illusion namens Los Angeles, setzte sich mit Rache, Scham und Verzweiflung auseinander.

„Ich bin ein Fuckboy“

Für die Aufnahmen kehrte sie dann nach Stockholm zurück, wo sie mit einem 17-köpfigen Orchester arbeitete. Das gibt The Afterparty zusätzlich einen existentiellen, filmografischen Ansatz. Wir hören Bongos und Jazz-Bläser, perlende Pianos und verschleppte Beats. Über allem legt ihre flehende, sinnliche, intensive Stimme. So Happy I Could Die bringt schon mit dem Titel die Stimmung der Platte ausgezeichnet auf den Punkt.

Das Album ist beherrscht von Dualitäten. Nacht und Tag, Melancholie und Euphorie, Rampenlicht und Abtauchen. „Als Frau wird man ständig beurteilt, vom ersten Moment an, in dem man gesehen wird, und das ist so ein beengender Ort“, so Lykke Li. „Als ich dieses Album schrieb, dachte ich mir also wirklich: ‚Ich werde ein Rockgott sein. Ich bin ein Fuckboy.‘ Ich lasse alle britischen Rockgötter durch die Zeit zu mir sprechen: Mick Jagger, Primal Scream, Oasis, Mike Skinner, Ozzy Osbourne. Ich trete dem Club bei.“

Nur zu gern. Doch da haben wir wieder ein Problem. Während es Hunderte Vorbilder männlicher Rockstars gibt, hält sich die Menge an weiblichen Role Models jenseits der Vierzig eben immer noch in Grenzen. Es wäre daher sehr schade, wenn Lykke Li der Musik jetzt tatsächlich den Rücken kehrt. Sie gäbe auch mit 50 oder 60 ein fantastisches Vorbild ab.

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