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Wenn Jake Kiszka von Greta Van Fleet und Chris Turpin von Ida Mae eine gemeinsame Band gründen, wird es wohl laut. Mirador heißt das Projekt der beiden und es scheint auf dem Debüt, als hätten die zwei Gitarristen ihre Seelen an den Teufel verkauft – an einer Kreuzung in der Nähe des Mississippi Delta.
Viele Musik-Fans kennen die sagenumwobenen Geschichten um Blueslegende Robert Johnson, der genau jenen Deal mit dem Gehörnten eingegangen sein soll, um richtig gut Gitarre spielen zu können – und unter anderem seine Fußstapfen sind es, in die Mirador auf ihrem Debüt treten. Rock trifft Blues trifft Folk trifft Southern Rock. Ja, sogar ein wenig Proto-Punk ist dabei. Jake Kiszka und Chris Turpin verneigen sich vor der Rockmusik, zitieren ihre Wurzeln, wiederholen sie aber nicht bloß. Sie beherrschen die leisen Töne, saugen ihre Zuhörerschaft in einen Bann, können aber auch wachrütteln, damit es nicht zu gemütlich wird. Doch was genau bedeutet das? Steigen wir ein in das Debüt einer Gruppe, die den Rock so sehr durchdringt, dass sie ihn modern klingen lassen kann.
Hier gibt's Mirador auf Vinyl:
Mirador: Ein Debüt, das Lust auf mehr macht
Das Album beginnt mit Feels Like Gold, einem Opener, der den Anschein erweckt, als hätten Deep Purple, Led Zeppelin und Alice In Chains gleichermaßen ihren Senf dazugegeben. Besonders der erste ruhigere Gitarrenpart zeugt von einem Verständnis für musikalische Feinheiten, das es heute im Rock nicht mehr oft zu hören gibt. Weniger ist mehr und der Turm wird zu Beginn bewusst kleingehalten, damit Mirador ihn später umso höher aufbauen und mit einem gut anderthalb-minütigen Ausflug in die Klangwelten von Pink Floyd unterbrechen können. Ein echtes Schmankerl ist auch die hervorragende Produktion, die einen Wünschen lässt, Black Sabbath könnten ihre ersten Alben noch einmal in dieser Qualität aufnehmen.
Mit Songs wie Raider entführen uns Mirador tief in den Süden der USA und liefern den perfekten Soundtrack für einen Ausflug mit dem Musclecar in den Wald – abseits der Straße. Stücke wie Must I Go Bound hingegen stellen unter Beweis, dass die Band auch Balladen kann und klingen deutlich gemütlicher als das bisherige Programm auf dem Album. Generell könnte man sagen, dass Mirador die zweite Hälfte ihres Debüts etwas ruhiger gestalten, unterbrochen durch straighte 70er-Rocker wie Ashes To Earth und Heels Of The Hunt. Ein besonderer Anspieltipp unter den entspannteren Nummern ist der Song Ten Thousand More To Ride, der klingt, als hätten Bon Jovi ihn gleich nach Wanted Dead Or Alive komponiert. In dieselbe Kerbe schlägt auch Skyway Drifter drei Songs später.
„Ich habe diese Obsession, Songs zu schreiben, die so klingen, als gäbe es sie schon seit 100 Jahren.“
Eine Liebeserklärung an den Rock
Geschrieben wurde das Mirador-Debüt beinahe vollständig auf Akustikgitarren, wie Kiszka und Turpin im Interview mit Guitar World verraten. „Das würde man nicht erwarten, wenn man hört, wie rockig das Album geraten ist“, findet Kiszka. Turpin erklärt die Herangehensweise beim Songwriting folgendermaßen: „Ich habe diese Obsession, Songs zu schreiben, die so klingen, als gäbe es sie schon seit 100 Jahren.“ Mission erfüllt. Denn obwohl das Mirador-Debüt lupenrein produziert ist und von zwei jungen Männern komponiert wurde, die weit nach den Sechzigern und Siebzigern aufgewachsen sind, wirkt die Platte zeitlos und so, als wäre sie das schon immer gewesen. Dafür gibt es auch einen Grund, denn Kiszka und Turpin orientieren sich null an aktuellen Trends.
Was man dem Mirador-Debüt schon nach dem ersten, vor allem aber nach dem zehnten Durchgang anhört, ist die tief verwurzelte Zuneigung zur Musik im Allgemeinen. Keine Sekunde vergeht, ohne dass die beiden Bandleader Kiszka und Turpin facettenreiche Details, genreübergreifende Übergänge und gewaltige Melodien in ihre Songs bauen. Jeder Ton sitzt dort, wo er sitzen soll; jedes Riff zündet sofort. Klar, die Regeln für Rocksongs sind längst geschrieben, doch Mirador gelingt es (noch mehr als Greta Van Fleet und Ida Mae), sich das Genre zu eigen zu machen und ein Debüt an den Start zu bringen, das zwar nach vergangenen Zeiten klingt, aber niemals in vergangenen Zeiten hätte erscheinen können. Eine Empfehlung für alle, die Rock für tot halten.