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Review: Sam Tompkins tanzt auf „Are We Gonna Sing?“ mit dem Tod
Songwriter Sam Tompkins schwimmt sich auf seinem zweiten Album Are We Gonna Sing? von allen Erwartungen frei. Das führt zu einem berührenden Geniestreich zwischen Indie und Folk, erdacht an den Stränden Brightons und geschrieben, um mit dem Verlust seines Vaters umzugehen.
Die Straßen und engen Gassen Brightons haben es gut. Regelmäßig treten hier Straßenmusiker auf, die eigentlich viel zu gut sind, um nur für ein paar Pfund um ihr Leben zu spielen. Und es dennoch lieben wie nichts anderes. Wer vor einigen Jahren in Englands coolster Küstenstadt zu Besuch war und in den Lanes Vintage-Mode und Vinyl geshoppt hat, ist damals vielleicht an Sam Tompkins vorbeigekommen. Und dann garantiert stehengeblieben. Der 29-Jährige aus Eastbourne nur wenige Kilometer östlich von Brighton ist jahrelang den Weg der Straße gegangen, bis das Unvermeidliche passierte: Er wurde entdeckt.
Das neue Album von Sam Tompkins für Zuhause:
Manifest eines Introvertierten
Seit 2018 veröffentlicht er nun schon Musik; sein Debüt, das introvertierte Hi, My Name Is Insecure bringt ihn aus dem Stand in die Top Ten der UK-Charts. Das passiert alles im Sommer 2024, mehrere Jahre nach seinen Anfängen also. Die Echtheit und Verletzlichkeit der Songs begeistert damals ebenso wie sein breites Repertoire zwischen Liedermacher-Folk, dezenten Hip-Hop-Beats und Lo-Fi-Indie. Darauf baut er zwei Jahre später konsequent auf. Are We Gonna Sing? ist immer noch introvertiert, aber mit diesem zaghaften Gefühl einer Öffnung.
Zwölf neue Stücke hat Sam Tompkins auf diesem zweiten Album versammelt, das man guten Gewissens als kleine Sensation bezeichnen kann. Seine enorm ausdrucksstarke Stimme bekommt noch mehr Raum, kann sich voll entfalten, bricht in berstend intensiven Songs wie 5 O’Clock Somewhere auch schon mal. Da merkt man ganz deutlich, dass hier nichts inszeniert wird, dass hier nicht nach Kalkül Emotion ausgeschüttet wird.
Dialog mit seinem verstorbenen Vater
Im Gegenteil: Sam Tompkins singt sich all den Schmerz von der Seele, der sich seit dem Tod seines Vaters 2023 angesammelt hat. Are We Gonna Sing? enthält die ersten Songs, die er seither geschrieben hat. Im abschließenden Live Where I Don’t Lose You hören wir sogar ein Gespräch zwischen dem kleinen Sam und seinem Vater, das mit der titelgebenden Frage aufhört – are we gonna sing? Wer da noch immer nicht mit den Tränen ringen muss, der ist wirklich nicht zu retten.
Das Album steht für die Bereitschaft, sich auf die Trauer einzulassen, anstatt sie zu umgehen. Sam Tompkins umarmt das Leben, auch wenn es wehtut. Und verlässt sich auf die heilende Kraft der Freundschaft. „Ich glaube, ohne meine Freunde und die Beziehung, die wir zueinander haben, hätte ich den schmerzlichen Verlust meines Vaters – oder auch die anderen schwierigen Phasen, die ich durchgemacht habe – ehrlich gesagt nicht überstanden“, sagt er. „Meine Freundschaften sind mir heilig, und es gibt kaum etwas, das ich nicht für jeden einzelnen von ihnen tun würde.“
Auch davon erzählt das Album mit mal stillen, mal aufbrausenden Tönen. Von der Liebe, die uns die Menschen in unserem Leben geben. Und vom Schmerz, wenn sie gehen. Das kann schnell sentimental oder melodramatisch wirken. Bei ihm wirkt es einfach natürlich. Und echt. Gilt im Übrigen für die gesamte Produktion. Mehr Wärme, mehr echtes Live-Gefühl als polierter Studiozucker. Das Album klingt, als hätte Sam Tompkins seine kleine Band um die Hörer:innen aufgebaut. Er singt den Menschen direkt ins Ohr, das Klavier kommt von links hinten, die Gitarren aus der Tiefe des Raums, die Drums grundieren dumpf.
Keine Anpassung mehr
Mehr als die Hälfte der Songs hat er im Freien geschrieben, meist am Strand von Brighton. Das aufrüttelnde Crawling Out My Skin hat er sogar draußen aufgenommen. All das gehört zu diesem neuen Sam Tompkins, der sich in den letzten Jahren freigeschwommen hat von Erwartungen und Ansprüchen. „Ich habe ziemlich viel Zeit damit verbracht, mich durch die Mühlen der Musikindustrie zu kämpfen und mich zunehmend dem anzupassen, was ich für den Geschmack aller hielt“, sagte er mal. „Auf meinem letzten Album habe ich mich nicht unbedingt verirrt, aber vielleicht spiegelte die Musik nicht so sehr wider, wo ich gerade in meinem Leben stand. Ich habe versucht, so universell wie möglich zu schreiben.“
Das ist vorbei. Are We Gonna Sing? ist so nischig wie er sich das immer schon mal trauen wollte. Ein großes Glück.