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Die neue Post-Punk-Hoffnung Grenzkontrolle im Interview: „Wir wollen Musik für alle machen“

Grenzkontrolle ist eine der vielversprechendsten neuen Post-Punk-Bands in Deutschland. Mit politischen Botschaften, skurriler Präsentation und einer Liebe für die Neue Deutsche Welle sind sie nun bei ihrer zweiten EP Piraten angelangt. Wir haben mit der Drummerin Roza Rot gesprochen.

In Anlehnung an die Edelweißpiraten

Zu Beginn eine Quizfrage: Wer waren die Edelweißpiraten? Wer im Geschichtsunterricht aufgepasst hat, weiß: eine Bewegung aus jugendlichen Widerstandsgruppen in der NS-Zeit. Einige von ihnen wurden für ihre Haltung hingerichtet, woran ein Mahnmal in Köln-Ehrenfeld bis heute erinnert. Jahrzehnte nach dieser Zeit kommt auch eine junge Punk-Band aus Köln daran vorbei und bemerkt: „Da wurden junge Menschen, noch bevor sie wirklich ihr Potenzial überhaupt erreichen konnten, hingerichtet – nur, weil sie frei sein und Musik hören wollten, weil sie anders als das Regime dachten. Das ist in den heutigen Zeiten wieder ein kurzer Wake-up-Call: Sachen können sich sehr schnell ändern, auch Weisen des Lebens. Das beeinflusst auch die Freiheit junger Menschen und wir dürfen uns das nicht gefallen lassen, was auf der Welt gerade passiert.“

Das sind die Worte von Roza Rot, der Schlagzeugerin der Kölner Band Grenzkontrolle. Das Thema der Edelweißpiraten kommt auf, da Grenzkontrolle diese Woche, am 29. Mai, ihre zweite EP, Piraten, veröffentlichen. Die Debüt-EP aus dem letzten Jahr hieß – wie soll es anders sein – Edelweiß. Warum wollen Grenzkontrolle auf die Geschichte der Edelweißpiraten aufmerksam machen? „Wenn man sich mal die Geburts- und Todestage anschaut, sieht man, wie jung die Leute waren“, erklärt Roza Rot. „Und die wollten ja nie politischen Aktivismus machen, nicht so aktiv wie die Weiße Rose, die so politische Aktionen gemacht haben. Aber bei den Edelweißpiraten ging es mehr um freies Leben, um Musik, um Jugendfahrten, die unabhängig von der Hitlerjugend organisiert wurden. Die hatten keinen Bock auf diese stringente, dogmatische Art der Hitlerjugend und haben dadurch ihren ganz eigenen Raum in der NS-Zeit geschaffen.“

Mit ihrer Musik machen Grenzkontrolle ebenfalls einen Raum für politische Diskussionen auf und drücken sich frei aus. Obwohl die Band erst seit 2025 Musik veröffentlicht, hat ihr Name mit einer Handvoll Songs schon schnell Fahrt aufgenommen. Grenzkontrolle werden von vielen als eine wichtige, neue Stimme gesehen: zum einen für ihren Sound, der an den deutschen Post-Punk der 80er erinnert; zum anderen für ihre stabile und laute Haltung.

Ungewöhnliche Gründungsgeschichte

Don L. Gaspár Ali (Gesang, Gitarre) ist schon vor Grenzkontrolle als Aktivist und Organisator von Black-Lives-Matter-Demos tätig, er schreibt Gedichte und trägt diese auf Theaterbühnen vor – sogar Ambitionen als Profifußballer hat er hinter sich. Doch eines Tages entscheidet er sich dazu, eine Band gründen zu wollen, also sucht er online nach gleichgesinnten Musiker:innen. Daraufhin meldet sich Drummerin Roza Rot, die ebenfalls schon lange politisch engagiert ist, und bald lernen die beiden per Zufall den Gitarristen Kodia Funk in einem Musikladen kennen. Zum Schluss kommt noch der Bassist Schuttland hinzu – dessen Name eher wie ein verlorenes Einstürzende-Neubauten-Mitglied klingt – und seitdem ist das Quartett komplett.

Schon mit ihren ersten Songs hinterlassen Grenzkontrolle 2025 einen starken Eindruck. Erinnerungen an Fehlfarben und Nina Hagen kommen auf, während Don L. Gaspár Ali von dem singt, was innerlich und äußerlich vorgeht: Wohnungsnot, Rechtsruck, keine Zeit für Therapie, Katy Perry fliegt zum Mond, Zitate von Rainer Maria Rilke – nicht nur Parolen und gezielte Botschaften.

„Uns geht es nicht primär darum, Musik mit politischer Message zu machen – obwohl ein großer Teil unserer Musik und unserer Wut das widerspiegelt“, erklärt Roza. „Dons Texte sind meistens ein Resultat von all den Sachen, die geschehen, ob privat oder im soziokulturellen Kontext unserer Zeit. Es ist eher ein Ausdruck von Wut gegen all das, was gerade passiert.“

Dass das bei so vielen Leuten Anklang findet, überrascht Roza nicht, denn: „Es gibt sehr viele, auch junge Menschen, die aktuell wirklich unter ihrer Würde leben müssen. Sogar Liebe verfällt langsam dem Kapitalismus und wir nähern uns Zeiten, wo es schwer ist, sich über Wasser zu halten, bei den steigenden Miet- und Spritpreisen. Um eine fünfköpfige Familie zu ernähren, muss man eigentlich mindestens ein fünfstelliges Gehalt beziehen und wer hat das heutzutage wirklich? Das sind alles so Fragen, wo man wieder zu dem Punkt kommt: Für wen ist die Musik, für wen sind solche Luxusgüter wirklich geschaffen? Wir wollen Musik machen, die für alle ist und in der Leute sich widergespiegelt sehen. Wir wollen nicht nur über das tolle Leben als Künstler:in singen, wie es in unserer aktuellen Zeit auch oft der Fall ist.“

Eine Collage des Unheils

So klingt auch die neue EP Piraten nicht gerade rosig. Der Opener Neumarkt handelt vom gleichnamigen Platz in Köln, an dem Don schon als Kind oft umsteigen und den Junkies beim Spritzen zusehen musste. In der Bridge des Songs knautschen sich plötzlich alle Sounds zusammen, der besungene Druck in der Brust ist spürbar. Traum ist aus wiederum wirkt wie eine Collage aus Bildern des Unheils: „Schwarzer Rabe, führe mich ins Nichts / Seifenblasen verpass‘ ich den Stich“, heißt es hier. Roza sagt dazu: „Es geht um einerseits das Skurrile im persönlichen Leben und parallel dann: Bomben schlagen ein, Kinder sterben auf der Welt – irgendwie passieren diese Realitäten zeitgleich nebeneinander. Sie sind so weit voneinander entfernt und trotzdem ist dieses Unheil in beiden Welten vertreten.“

In Tür ist dann Rassismus präsent: „Dunkelschwarz in diesem Land steht man mit dem Rücken an der Wand“, singt Don stoisch. Ähnlich stoisch klingen die Grooves aus Bass, Gitarre und Drums – typisch Post-Punk. Insbesondere die deutschen 80er hört man heraus; das Schrille der Neuen Deutschen Welle kommt in Dons Gesang sowie den altmodischen Synthesizern herüber. Kodia Funk an der Gitarre liebt vor allem Funk – wer hätte es gedacht? –, Roza mag Psychedelic Rock und Schuttland Krautrock. Aber auch aktuelle junge Künstler:innen wie Nils Keppel, Leftovers und Die Verlierer, die einen ähnlichen Sound aufgreifen, schätzen sie sehr.

Nicht nur genretechnisch, sondern auch in der Produktion – dieses Mal von Moses Schneider geleitet – lassen Grenzkontrolle sich von ihren alten Vorbildern inspirieren: Kein Metronom, viel analoges Equipment, ein kalter Gitarrensound. Minimalismus nennt Roza als wichtiges Merkmal der Band. „Heutzutage wird so viel in Musikproduktionen gesteckt und manchmal werden gewisse Stilmittel auch inflationär benutzt. Dabei hat man in der Vergangenheit oft gesehen, dass ganz simple Methoden auch ihren Job tun und ihre ganz eigene Klangästhetik haben.“

Skurrile Realität

Auf die Präsentation der Band hat zudem Dons Erfahrung auf Theaterbühnen einen Einfluss: „Da geht es immer um dieses Skurrile, Dadaistische. Das, was wir in Texten und auf musikalischer Ebene herauslassen, ist auch ein wichtiger Bestandteil unserer bildlichen Sprache in Videos. Aber auch auf der Bühne: Meistens fangen wir unsere Shows mit einem kurzen Kabarett an. Das ist meistens improvisiert, aber immer irgendetwas, was klang- und bildtechnisch das Skurrile im Leben hervorheben soll.“

Skurril, aber real – das ist das Bittere, an dem, was Grenzkontrolle erzählen. Aber die Augen verschließen bringt eben auch nichts, daher muss die junge Generation auch so politisch bewusst sein, erklärt Roza: „Man muss sich aktuell als junger Mensch sehr früh mit seiner eigenen Freiheit auseinandersetzen. Die ganzen Jahrgänge, die jetzt zur Musterung reingerufen werden und all diese Sachen; das sind wichtige Sachen, gegen die man sich auflehnen muss. Und da gerät man zwangsläufig zu dieser Frage: Entweder ich bilde mich jetzt als junger Mensch politisch weiter oder ich nehme das einfach so hin, was aktuell passiert.“ Grenzkontrolle nehmen es nicht hin.

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