Vor circa zehn Jahren wurde Lindsey Jordan aka Snail Mail schon im Teenagerinnen-Alter berühmt, weil sie den Zeitgeist perfekt traf: Sie schrieb verletzliche, queere Indie-Rock-Lovesongs, die direkt nostalgisch wirkten. Vom „Sad Girl“-Stempel will sie sich nun aber bewusst trennen, erklärt sie im Interview. Daher klingt ihr neues Album Ricochet, das am 27. März erscheint, reifer und auch musikalisch größer. Kommt das mit dem „Alter“ (sie ist nun 26)? Zudem hatte sie sich seit dem letzten Album ja fünf Jahre Zeit genommen. Was ist passiert?
Snail Mail im Interview
Während der letzten fünf Jahre hast du unter anderem dein Debüt als Schauspielerin in I Saw The TV Glow gegeben. Hat dich diese Erfahrung auch für die Musik inspiriert?
Vielleicht habe ich nicht genug geschauspielert, um die Antwort zu wissen, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass Musik und Schauspiel sich gegenseitig ergänzen – außer, dass ich darauf achten muss, auf der Bühne kein Bitchface zu haben. Das ist die einzige Überschneidung, die mir persönlich einfällt.
Ich hatte nämlich das Gefühl, dass die neue Platte filmischer klingt, weil sie mehr Streicher und ähnliches hat. Was hat dein Interesse an einem größeren Sound geweckt?
Viele der Songs hatte ich bereits mit Streicherparts geschrieben, die später verbessert wurden. Beim Schreiben spiele ich oft auf einem Mellotron und das hat Fake-Streicher-Sounds. Aber ich glaube, was es wirklich filmisch gemacht hat, war, dass ich einen Komponisten hatte, der die Streicher meine Melodien anders spielen ließ, „staccato“ oder was auch immer, davon habe ich keine Ahnung. Ansonsten liebe ich den Klang und viele meiner Referenzen für Streichinstrumente waren ziemlich filmisch. Ich bin ein großer Filmnerd.
„Ohne Grund episch sein ist schlecht“
Es ist lustig, dass du ein The-Verve-Poster hinter dir hast, denn ich wollte gerade sagen: Einige Stellen des Albums erinnern mich in den Streichern auch an den Britpop der 90er, wie The Verve. Du magst die 90er ja generell, oder?
Total! Das ist nur eines meiner Verve-Poster, ich habe noch mehr im Haus. Für mich ist Britpop definitiv eine Inspiration. Ich mag es nicht, wenn Musik absichtlich episch ist, aber ich liebe es, wenn sie filmisch ist. Ich versuche also, die Mitte davon zu finden. Beispielsweise ist Fix You der Coldplay-Song, den ich am wenigsten mag – von damals, als Coldplay gut war. Ohne Grund episch sein ist schlecht, aber ein wunderschöner, filmischer Streichersatz ist für mich das Coolste überhaupt.
Die neueren Coldplay waren doch noch viel mehr „ohne Grund episch“.
Das ist tatsächlich so wahr! (lacht). Immerhin hatte Fix You einen Grund, episch zu sein.
Butterfly schien mir der musikalisch ambitionierteste und abwechslungsreichste Song zu sein, den ich bisher von dir gehört habe. Wie kamst du auf die Idee, so einen Song zu machen?
Interessanterweise kamen all diese Gitarrenschichten zum Schluss. Da waren wir bereits im Studio fertig und dann machte ich das alles bei mir zu Hause, weil ich Zeit allein damit brauchte. Und dann war es nur noch: Loopen, hinzufügen, loopen, hinzufügen, bis es wie eine Gitarrensymphonie war. Es war kein absichtlich eigenartiger Song, aber so kam es einfach zusammen. Auch den letzten Teil mit diesen Woodstock-artigen Akkorden hatte ich definitiv nicht geplant. Ich spielte nur lange damit herum und hörte viel Radiohead. Aber alles in dem Song kam ziemlich schnell, bis auf den ganzen Gitarrenkram am Ende. Es ist auf jeden Fall einer meiner Lieblinge.
Wenn du auf deine ersten Werke zurückblickst, war deine Herangehensweise an die Produktion damals ganz anders. Glaubst du, das hat die Stimmung, die du damals erreichen wolltest, im Vergleich zu heute verändert? Früher war es ja viel mehr lo-fi.
Jetzt habe ich das Gefühl: Wenn ich in die Vergangenheit reisen könnte, würde ich jede Platte so wie die neue machen. Einer meiner engsten Freunde [Anm. d. Red.: der Produzent auf Ricochet ist Aron Kobayashi Ritch, der Bassist der Band Momma] hat mit mir daran gearbeitet und wir haben so viel Zeit miteinander verbracht, um das Klanguniversum zu erschaffen.
Die anderen beiden Alben entstanden eher aus meinen Umständen. Bei der ersten EP Habit war der einzige Ort, an dem wir es aufnehmen konnten, der Keller meines Kumpels. Bisher hatten viele Produktionssachen fast außerhalb meiner Kontrolle gelegen. Viele der Dinge, die die Platten zu dem gemacht hatten, was sie sind, waren für mich erledigt worden. Es war cool, dieses Mal mit jemandem in meinem Alter zu arbeiten, der genauso sehr wissen wollte, was ich wollte, wie ich wissen wollte, was er wollte. Und er kennt mich wirklich gut, also konnten wir bei jeder einzelnen Sache sehr absichtlich sein. Dieses Mal fühlte sich der Produktionsprozess für mich am ehesten so an, wie ich es mir von Anfang an vorgestellt hatte.
Bei deinen frühsten Sachen macht es auch die Magie davon aus, dass sie im Vergleich so lo-fi klingen. Aber Dinge müssen ja nicht lo-fi sein, um ehrlich zu klingen.
Da stimme ich dir zu, ich würde nichts daran ändern. Ich meine eher die Art und Weise, wie wir es überhaupt angehen wollten. Diesmal haben wir es in einem Studio aufgenommen, das in der Nähe meines Hauses liegt und von dem ich noch nie gehört hatte. Es war klein und intim und fühlte sich an, als geschähe alles mit dem Wissen: Jetzt habe ich es so oft gemacht, dass ich genau weiß, was ich will. Aber nichts davon geschah, weil ich berühmtere Produzent:innen oder ein besseres Studio gefunden habe. Ich habe das Gefühl, dass Bands oft dazu ermutigt werden, dem zu folgen. Aber für mich war es das erste Mal, dass ich wirklich wusste, was ich von einer Arbeitssituation erwarten würde. Ich würde aber nichts von früher ändern, ich mag, wie unterschiedlich die Platten klingen.
„Ich wollte nicht mehr so viel zum Sad-Girl-Universum beitragen, denn ich hasse es, in so eine Schublade gesteckt zu werden.“
Ich habe gelesen, dass du keine unglücklichen oder selbstmitleidigen Texte mehr schreiben wolltest. Wie bist du es stattdessen angegangen?
Ich fing an, wirkliche Sorgen zu verspüren, als ich aus dem Teenageralter in die Mitte der Zwanziger kam. Ich sagte mir: Zum einen habe ich kein Mitleid mit mir selbst, zum anderen wird das alles ein bisschen langweilig. Ich ertrinke nicht mehr so oft in meinen Emotionen wie als Teenagerin. Für mich war der Gedanke beängstigend, wieder zu schreiben, denn früher hatte ich so viele Emotionen, die ich damit herausbringen musste. Ich wollte nicht mehr so viel zum Sad-Girl-Universum beitragen, denn ich hasse es, in so eine Schublade gesteckt zu werden.
Dieses Mal habe ich zuerst die Musik geschrieben: jede Bridge, jeden Gitarrenteil, jede Gesangsmelodie. Und dann habe ich alle Texte gleichzeitig geschrieben. Daher war es für mich viel einfacher, eine Welt aufzubauen, in der die Songs aufeinander Bezug nehmen. Da steckt viel Angst vor dem Leben nach dem Tod und solchen Dingen drin, bei denen ich mich frage: „Was ist meine einzigartige Perspektive?“ Es gibt Milliarden Menschen, die sich so fühlen, und ich weiß auch nicht alles über Religion – ich bin Agnostikerin, was eher uninteressant ist. Es hat also sehr lange gedauert, bis ich dachte: „Das wird meine Stimme dazu sein.“ Da ist bedrückendes Zeug drin, viele große Universums-Fragen, aber in manchem steckt auch Optimismus. Aber ich wollte auch einfach nicht nur über Liebe schreiben.
Ein Thema, das ich in Songs wie Tractor Beam, Cruise oder Light On Our Feet aufgegriffen habe, schien mir: die Probleme im Leben anerkennen, aber das für einen Moment beiseiteschieben und einfach in einem Moment der Leichtigkeit oder Ungewissheit existieren wollen. Stimmt das?
Wie ich das beschreiben würde, ist: mir bewusst zu sein, wie abgestumpft und dissoziiert ich mich oft fühle, aber etwas Positives darin zu finden. Ja, vielleicht habe ich oft das Gefühl, außerhalb meines Körpers zu sein – aber das Leben geht weiter. Cruise thematisiert es, so präsent und verwurzelt in allem zu sein, was um einen herum geschieht, aber dass das alles einfach zu viel ist. Manchmal ist es dann schön, das Gefühl zu haben, ein wenig zu schweben.
Wenn man eine Chronologie für deine Alben erstellen müsste, hätte ich das Gefühl: Lush behandelt den Umgang mit unerwiderter Liebe; Valentine ist ein Trennungsalbum – und Ricochet ist eine Übung im Eskapismus?
Du hast recht, es ist Eskapismus. Und Angst vorm Älterwerden und davor, Menschen zu verlieren. Außerdem ist da der Wunsch, ein guter Mensch zu sein inmitten der fiesen Hölle, die die Unterhaltungsindustrie ist. Ich versuche, mich von meinen abgestumpften Teilen zu trennen, um die aufrichtige Person zu bleiben, die ich sein möchte.
„Ein bisschen Optimismus und Liebe in diesem brennenden Müllcontainer zu finden, ist wirklich schön.“
Es ist aber nicht alles optimistisch?
Nein, es gibt definitiv viel Schwere. Aber das ist ein Geben und Nehmen. Light On Our Feet ist ein Liebeslied für meine Freundin, nach dem Motto: „Oh mein Gott, weil ich dich liebe, habe ich zusätzliche Angst vorm Tod!“ Und Reverie ist so: „Verdammt, ich hasse alles hier!“ Aber dann ein bisschen Optimismus und Liebe in diesem brennenden Müllcontainer zu finden, ist wirklich schön. Alles, was scheiße ist, macht die Dinge, die nicht scheiße sind, noch schöner. Deswegen singe ich immer wieder über unschuldige Tiere. Manchmal habe ich besonders viel Angst vor der Zerstörung unserer Erde, weil es so unschuldige und magische Kreaturen gibt. Es gibt einfach kleine Hasen, aber auch Strauße, shit is crazy on earth! Es ist wunderschön und das macht alles noch viel trauriger.
Ich glaube, viele Menschen können sich mit deiner Musik identifizieren, weil sie das Gefühl einfängt, jung zu sein. Wie siehst du das jetzt, wo du „älter“ wirst?
Ich höre mir die alten Songs tatsächlich selten an. Ich bin immer überrascht, wenn ich wieder ein Lied von Lush höre, weil ich denke: „Verdammt, ich habe vergessen, dass es überhaupt so klingt!“ Als wir letzte Woche geübt haben, hat jemand Speaking Terms angemacht, und ich heulte mir die Augen aus und sagte: „Mach den Scheiß aus!“ Ich liebe alles von mir, aber da ist etwas an meiner jungen Stimme, das mich traurig macht, wenn ich das höre. Ich denke mir: „Oh, sie hatte keine Ahnung.“ Ich habe nicht einmal das Gefühl, dass das alles so lange her ist. Da ist nichts, wo ich mir denke: „Das bin nicht ich!“ Aber manches davon spielen wir immer noch und ich denke mir: „Das ist immer noch traurig, shit!“
Fühlt sich die Musik, die du jetzt machst, immer noch jung an?
Sie fühlt sich nicht alt und weise an. Für ältere Leute wird sie wahrscheinlich jung klingen. Ich vertrete nicht die Perspektive, alles zu wissen, und ich denke, dass diese Art von Neugier immer noch jugendlich ist. Aber ich bin gespannt, was ich denken werde, wenn ich 35 bin. Im Moment denke ich, dass es totale Mitte-20-Musik ist.
Lustig, ich bin erst heute auf diese Zeile in einem älteren Lied von dir gestoßen, in dem du sagtest: „When I’m 30, I’ll laugh about how dumb it felt.“
Ich habe vollkommen vergessen, dass diese Zeile existiert! Crazy! Ich bin 26, beim nächsten Presse-Zyklus werde ich wahrscheinlich 30 sein. Aber das ist verrückt, darüber nachzudenken!