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Interview mit Eivør: „Manchmal kommt es mir so vor, als hätte ich schon mehrere Leben gelebt“
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Mit Tungl veröffentlicht Eivør ein einnehmend nordisches Nokturn. Im Interview plaudert die unvergleichliche Künstlerin von den Färöern über die Magie des Mondes, Chelsea Wolfe und ihre ungebrochene Kreativität.
Eivør Pálsdóttir steckt im Stau. Das ist nicht weiter ungewöhnlich, tun wir ja selbst alle ständig. Wenn man aber weiß, dass sie auf den Färöern lebt, eine vulkanische Inselgruppe im sturmumtosten Nordatlantik, dann klingt das fast schon surreal. Gerade mal 50.000 Menschen leben hier versprengt in der majestätischen Natur, verteilt auf 18 Inseln. Und irgendwie ist selbst da Stau. Wenig später schafft sie es aber in ihr gemütliches Wohnzimmer, wo sie sogleich ins Plaudern gerät. Eivør Pálsdóttir redet eloquent, bedacht, aber zügiger als viele ihrer Landsleute.
Vielleicht ja, weil sie viel zu erzählen hat: Mit 43 Jahren hat sie zwölf Alben, unzählige Kollaborationen und mehrere Welttourneen hinter sich gebracht, hat renommierte Preise gewonnen und sich einen Namen als musikalische Stimme der Färöer gemacht – mit einem Sound, der sich nicht so ohne weiteres einnorden lässt. Folk, Ambient, Pop? Elektronische Soundscapes, Neoklassik, Ritual? Die Wahrheit liegt wie immer irgendwo dazwischen, beschienen vom Nordlicht und durchdrungen von einem tiefen nordischen Zauber, den man diesen Sommer auch auf zahlreichen Festivals erleben durfte. „Das war meine bisher größte Festivalsaison“, sagt sie.
Dabei wirst du mittlerweile auf Metal-Festivals ebenso gebucht wie bei Folk-Festen, Klassik-Veranstaltungen, Pop-Open-Airs oder Gothic-Events...
Das ist total spannend für mich. Metal-Festivals waren mir bisher neu, aber beim Summer Breeze hatte ich diesen Sommer beispielsweise eine absolut umwerfende Zeit. Meine Musik war nie nur in einem bestimmten Genre zuhause, weil mich das immer abgeschreckt hat. Mittlerweile finde ich mein Publikum aber überall – ganz gleich, in welchem Rahmen ich spiele. Und das genieße ich sehr.
In den vergangenen Wochen sind viele spannende Releases von Künstlerinnen erschienen. Tungl von dir, aber auch grandiose neue Werke von Chelsea Wolfe oder Emma Ruth Rundle. Wie erlebst du das derzeit?
Ich liebe sehr, was da gerade passiert. Aus allen Richtungen kommen Frauen, die unglaubliche Musik veröffentlichen. Chelsea Wolfe habe ich kürzlich erst geschrieben und ihr zu diesem unfassbaren Album gratuliert. Ich spüre da eine ganz wunderbare Gemeinschaft zwischen all diesen Künstlerinnen, die in den letzten Jahren zum Vorschein gekommen sind und eine Menge Aufmerksamkeit bekommen. Das darf gern so weitergehen.
Das neue Eivør-Album im Circle Store:
Du bist auf den Färöern aufgewachsen, hast aber lange auch in Island gelebt und bist auf der ganzen Welt aufgetreten. Was hat dieses viele Reisen mit deinem künstlerischen Ausdruck angestellt?
Ich mache seit rund 30 Jahren Musik, was sich ziemlich surreal anfühlt. Manchmal kommt es mir so vor, als hätte ich schon mehrere Leben gelebt. Ich durfte so viel erleben und wachsen in den letzten Jahren, und das konnte ich immer an mein Publikum weitergeben. Ich wollte immer schon um die Welt reisen und meine Musik zu den Menschen bringen. Dass ich das schon so lange tun darf, ist das Großartigste für mich.
Und wie haben deine Reise deinen Blick auf die Färöer verändert?
Ich glaube, ich habe das Leben hier nie vollständig verstanden, ehe ich die Färöer verlassen habe. Als ich 17 war, zog ich nach Island und war plötzlich allein. Dann setzt du dich auf eine ganz andere Weise damit auseinander, wer du bist und wo du herkommst. Heute sind mir meine Wurzeln sehr wichtig. Ich genieße die Zeit, wenn ich zuhause bin, und fülle sie mit Dingen, die für die meisten wahrscheinlich sterbenslangweilig sind, mir aber große Freude bereiten.
Was denn so?
Im Wald spazieren gehen. Gärtnern. Brot backen. In die Sterne schauen.
Das bringt uns ja direkt zu deiner neuen Platte Tungl, was so viel bedeutet wie Mond.
Der Mond ist wie eine Art Nordstern für dieses Album. Er ist mehr oder weniger in allen Songs als Metapher präsent. Der Mond ist unser Begleiter, unser Anker am Nachthimmel. Ich habe meinem Mann zum Geburtstag ein Teleskop geschenkt, das meistens ich benutze, und damit schaue ich mir für mein Leben gern den Mond an. Das macht etwas mit dir: von unserem kleinen Planeten in den Weltraum zu schauen.
Der Mond steht auch für Zyklen, für Übergänge und Neuanfänge. Jetzt, wo die Welt sich wieder der Dunkelheit zuwendet, ist das natürlich auch passend.
Genau dieses nächtliche Flair schwebte mir für dieses Album vor. Ich betrachte Tungl als Schwester von Enn, meinem letzten Album. Damals brachte ich viele Wochen damit zu, den richtigen Sound für das Album zu finden. Diesen Sound habe ich diesmal verfeinert. Was die Songs angeht, kann ich nur sagen, dass ich das Gefühl hatte, sie immer schon in mir gehabt zu haben.
Was brauchst du, um kreativ arbeiten zu können?
Kaffee? (lacht)
Dann aber wahrscheinlich eine ganze Menge Kaffee, oder? Enn ist gerade mal zwei Jahre jung und in der Zwischenzeit warst du praktisch nur auf Tour.
Sehr viel Kaffee, ja! Es lief aber einfach. Als wir von der Tour nach Hause kamen, gingen wir direkt ins Studio. Ich fühlte, dass diese Songs in mir waren. Ich hatte gar keine andere Wahl.
Welche Entscheidungen haben dich als Künstlerin am meisten geformt?
Viel zu viele, um sie hier aufzuzählen. Wichtig ist mir aber, dass es sowohl die guten als auch die schlechten sind. Nein, stopp, vielleicht sogar eher die schlechten. Und somit gibt es also eigentlich keine schlechten Entscheidungen, weil ich sonst nicht dort wäre, wo ich heute bin.