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Emma Ruth Rundle im Interview: „Über mein Privatleben zu singen, wirkt derzeit unangemessen“
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Mit den Worten „Power Corrupting / You had my trust“ eröffnet Emma Ruth Rundle ihr neues Album These Killing Times. Schnell wird klar: Diese Songs sind anders als alles, was man bisher von ihr kennt. Die vergangenen Jahre – das Leben in den USA der 2020er-Jahre – haben sie als Künstlerin politisiert.
Es gibt viel, das Rundles Blick von ihrem emotionalen Innenleben auf die Welt da draußen gelenkt hat: die Trump-Administration, die Epstein-Affäre und die zunehmenden Klimakatastrophen stehen ganz oben auf der Liste. Die Singer/Songwriterin begegnet der menschlichen Hybris und Zerstörungswut mit ihrem abwechslungsreichsten, zutiefst poetischen Album, das zwischen Trauer und Frustration, aber auch der Hoffnung oszilliert, dass am Horizont eine bessere Realität aufleuchtet, die wir miteinander erschaffen können.
Wir sprachen mit Emma Ruth Rundle darüber, wie sie mit These Killing Times ihre eigene Community kreiert und wie Personen wie Noam Chomsky und Jim Henson ihre Arbeit beeinflusst haben.
Emma, seit deinem letzten regulären Studioalbum Engine Of Hell ist schon ein halbes Jahrzehnt vergangen. Wie hat sich diese Zeit für dich angefühlt?
Es hat sich nicht wie eine lange Pause angefühlt. Ich weiß, wenn man von einem halben Jahrzehnt spricht, kommt einem das sehr lang vor, aber ich war mit Engine Of Hell viel auf Tour. Es war einfacher zu touren, weil ich ganz allein unterwegs war. So hatte ich mehr Möglichkeiten, an Orte zu reisen, die ich mir mit einer Band vielleicht nicht hätte leisten können. Außerdem habe ich ein paar Jahre lang an einem Gedichtband gearbeitet, der letztes Jahr veröffentlicht wurde und zu dem es auch eine Platte gab. Ich habe noch viele andere Dinge gemacht. Irgendwann ist mir aber klar geworden: „Wow, mein letztes Album ist schon so lange her.“ Es war an der Zeit für ein neues.
Bei deinem Berliner Konzert im Februar hast du erstmals den Song Powerless gespielt und erzählt, dass der ursprünglich „Noam Chomsky is fucking dead to me“ hieß. Warum war das der Originaltitel und inwiefern hängt der Fall Chomsky damit zusammen, worum es auf dem Album geht?
Der Grund für diesen Arbeitstitel war, dass ich den Song direkt geschrieben habe, nachdem ich über Noam Chomskys Verstrickungen mit Epstein gelesen und Posts gesehen hatte, in denen er Woody Allen verteidigt, diesen schrecklichen Regisseur, der seine Stieftochter geheiratet hat. Vielleicht war dieses Vertrauen fehl am Platz, aber ich bin damit aufgewachsen, zu Noam Chomsky aufzuschauen – als diesen antikapitalistischen Intellektuellen, der eine großartige Art hatte, die Versäumnisse der westlichen Welt aufzudecken, zu vermitteln und zu beschreiben. Ich kann nicht verstehen, wie diese Person so sehr mit den dunkelsten Aspekten der westlichen Welt im Einklang stand.
Die Bridge dieses Songs soll eigentlich aufbauend sein und eine fast schon kommunistische Vorstellung vermitteln. Sie basiert auf der Volkssage von John Henry, einem Mann, der bei der Eisenbahn arbeitete und gegen Maschinen kämpfte. Es gibt da diese Zeile, die in der Volksmusik immer wieder auftaucht: „Herr, lass mich mit einem Hammer in der Hand sterben.“ Das ganze Album beschäftigt sich mit Desillusionierung, Demoralisierung und Wut – weiblicher Wut –, aber auch mit dem Klimawandel. Es stellt die Frage: Was werden wir tun? In welcher Art von Welt wollen wir leben? Und welche Mittel müssen wir finden, um etwas zu ändern?
Glaubst du, dass das Schreiben dieses Albums dir geholfen hat, aus dieser demoralisierten Stimmung herauszukommen?
(schüttelt den Kopf und lacht) In gewisser Weise war ein Teil der Idee hinter dem Album, dass ich wieder mit einer Band spielen wollte. Und zwar um aus der Isolation herauszukommen und mich mit anderen Menschen in meiner Community zusammenzutun. Ich habe eine rein weibliche Band aus unglaublichen Musikerinnen zusammengestellt. Zum Teil dient das meinem eigenen seelischen Wohlbefinden, und ich halte es angesichts dessen, was gerade vor sich geht, einfach für wichtig. Manchmal fühle ich mich hoffnungslos und zynisch, aber es gibt Dinge, die wir tun können, um aktiv zu werden. Ich glaube, Wut ist ein wichtiges Gefühl, weil sie anregend wirkt. Deshalb war es wichtig, sie in das Album einzubringen – und dass ich mit anderen Menschen rausgehen und diese Musik live spielen kann, darauf freue ich mich wirklich sehr.
Ich überlege derzeit, wie wir die Atmosphäre unserer Konzerte verändern können, denn das ist eine Gelegenheit, bei der Menschen im echten Leben zusammenkommen. Sie sind nicht durch Bildschirme getrennt und können echte Freundschaften schließen. Wie kann ich das auf Tour fördern? Darüber denke ich gerade nach. Es ist eine so großartige Gelegenheit, durch das Land und um die Welt zu reisen und Menschen zusammenzubringen. Ich überlege etwa, am Merch-Stand Zines zu verteilen und Merch gegen Spenden für lokale Organisationen zu verkaufen.
Der Schwerpunkt deiner Themen hat sich von Introspektion darauf verschoben, die Welt um dich herum zu betrachten. War das eine bewusste Verlagerung deines Fokus?
Ja, vor allem, weil ich das Gefühl habe, dass alles andere in diesem Moment unangemessen wäre. Ich meine, es ist so heiß draußen, dass wir nicht rausgehen können. Man kann das nicht ignorieren, und über etwas aus meiner Vergangenheit oder meinem Privatleben zu singen, wenn es keinen Bezug zu dem hat, was gerade passiert, wirkt ein bisschen selbstverliebt. Andere Leute sollen tun, was immer sie tun müssen, aber ich persönlich kann an nichts anderes denken. Also schreibe ich darüber.
Spürst du auch eine wachsende Verantwortung als Künstlerin, deine Plattform entsprechend zu nutzen?
Ich glaube schon, denn wenn Leute dir zuhören, kannst du vielleicht irgendjemanden dazu ermutigen, sich in irgendeiner Form zu engagieren. Jeden Tag gibt es ein neues Thema, wegen dem wir Abgeordnete anrufen und protestieren müssen. Ich denke, sich in die Frage zu verstricken, wie effektiv das alles ist, ist nicht sonderlich förderlich, denn man fühlt sich schnell resigniert. Ein Teil dessen, was ich mit meiner Musik mache, ist der Versuch, Authentizität auszudrücken. Das ist, was ich wirklich fühle, und dieses Album ist für andere Menschen, die genauso empfinden. Manchmal bewahrt es einen davor, verrückt zu werden, wenn einfach jemand anderes die eigenen Gefühle und die eigene Realität bestätigt. Als ich anfing, das Album zu schreiben, gab es Momente, in denen ich dachte: „Bin ich verrückt?“ Ich habe das Project 2025 gelesen, bevor Trump gewählt wurde, und dachte: „Das ist die Anleitung dafür, wie man diese Welt in eine faschistische neue Weltordnung verwandelt. Das ist Wahnsinn. Lese ich das richtig? Sieht das noch jemand?“
In deinen Texten arbeitest du viel mit christlicher Mythologie. Warum sind diese Symbole und Narrative der richtige Weg, um das zu vermitteln, was du sagen wolltest – gerade vor dem Hintergrund des zunehmenden christlichen Nationalismus und religiösen Fanatismus?
Ich bin selbst keine Christin, aber das Geflecht christlicher Geschichten ist die vorherrschende Mythologie unserer westlichen Welt. Es ist etwas, das uns – ob wir nun durch unsere Familie oder Gemeinschaft indoktriniert werden – quasi als Hintergrund der Gesellschaft dient. Ganz gleich, ob man in einer christlichen Familie aufgewachsen ist oder nicht, es ist überall präsent. Daher ist es etwas, mit dem wir alle vertraut sind, und es ist eine wirklich zugängliche Geschichte und Mythologie, auf die man zurückgreifen und auf die man sich beziehen kann. Ich denke, das ist hilfreich – eine gemeinsame Geschichte zu haben, die wir als Vorlage nutzen können, um etwas neu zu formulieren oder eine Idee auszudrücken.
Du hast drei Musikvideos veröffentlicht, die wider Erwarten wirklich verspielt sind. Warum war es dir wichtig, diesen Kontrast zu der Dunkelheit der Songs zu schaffen?
Das Video zu Powerless habe ich in letzter Minute mit einer meiner besten Freund:innen, Mason Rose, gedreht. Man kann unsere Verbundenheit zueinander sehen – da ist diese Magie unserer Freundschaft, das Wohlbefinden und die Liebe zwischen uns. Enough war ebenfalls eine Zusammenarbeit mit Mason und mit Blake Armstrong, einem meiner anderen besten Freunde, der einen Dämon spielt. Wir haben monatelang daran gearbeitet, diese Ideen zu entwickeln und diese Figuren und Requisiten zu erschaffen.
Auch für God’s Picture habe ich sehr viel Zeit damit verbracht, Kulissen zu bauen und Hintergründe zu malen. Es war einfach eine gute Möglichkeit, ein wenig in eine Fantasiewelt zu entfliehen, aber gleichzeitig habe ich versucht, die Themen der Songs beizubehalten, in denen es um böse Milliardäre geht, denen die Welt gehört. Enough etwa ist eine Neuinterpretation der Geschichte des Propheten Elija: Anstatt dass er auf diese verehrte Art in den Himmel aufsteigt, wird er in meiner Vorstellung für seine Verbrechen gegen die Menschlichkeit zerrissen, nachdem er versucht hat, die Welt zu kaufen. Blakes Figur repräsentiert gewissermaßen dieses Böse und auch die seltsame Spannung zwischen Patriarchat und Weiblichkeit. Wir beziehen uns auch auf einige Dinge, die uns dazu gebracht haben, Kunst zu machen – besonders Fantasy-Filme der 80er und 90er mit ihren praktischen Spezialeffekten, Sachen von Jim Henson, Märchen, Dracula. Für uns macht das richtig Spaß, und ich finde es wichtig, sich mit Freund:innen zusammenzutun und gemeinsam Kunst zu schaffen.
Jim Henson ist quasi die Verkörperung dieser Art von Unschuld und der Magie der Fantasie, die wir gerade jetzt wirklich brauchen.
Ja, aber er hat sich auch mit einigen dunkleren Themen beschäftigt sowie mit philosophisch tiefgründigen Dingen. In Der dunkle Kristall dreht sich die ganze Handlung um das Gute und das Böse und darum, wie die Welt zerbrach, weil sie zu getrennten Einheiten wurden. Das eigentliche Ziel am Ende ist, einen Weg zu finden, sie zu etwas zu vereinen, das eine weise, ausgeglichene Kraft darstellt, sodass keines der beiden unkontrolliert agiert. Das Labyrinth war auch ziemlich düster, aber auch albern, und ich mag es, wenn etwas viele Facetten hat. Ich finde es auch wichtig, mich selbst nicht immer zu ernst zu nehmen.
Du hast viele Gäste auf diesem Album. Wie sind diese Kollaborationen entstanden?
Bei manchen Dingen wusste ich sofort: Das muss so sein. Auf God’s Picture habe ich einen ganzen instrumentalen Vers bewusst freigelassen, weil ich wollte, dass Patrick [Shiroishi] dort Saxophon spielt, und auch in der Bridge von Enough, wo es diesen wirklich chaotischen, heftigen Teil gibt, wusste ich schon, dass Patrick dabei sein würde. Durch die jahrelangen Tourneen mit verschiedenen Künstler:innen und die Freundschaften, die dabei entstanden sind, denkt man sich irgendwann automatisch: „Mensch, es wäre so cool, auf irgendeine Weise mit dieser Person auf einer Platte zusammenzuarbeiten.“
Bei manchen Leuten gibt es schon eine gemeinsame Geschichte der Zusammenarbeit. Wie bei Troy [Zeigler], der Bass gespielt hat – wir sind mittlerweile seit über 20 Jahren befreundet und haben zusammen in Bands gespielt. Ich war schon immer ein großer Fan von Gina [Gleason], und sie spielt in meiner Live-Band. Es hat nicht geklappt, sie einfliegen zu lassen, damit sie im Studio sein konnte, aber ich wollte trotzdem, dass sie irgendwie dabei ist, also hat sie Parts zu Catherine Wheel beigesteuert. Ich wollte einfach nur Freund:innen dabei haben. Ich habe so viele brillante Leute um mich herum, und ich wollte mit ihnen zusammen sein und einen Grund haben, mit ihnen zu arbeiten.
Jedes deiner Alben hat einen ganz eigenen Sound und Stil. Du hast Instrumentalalben, reduzierte Singer-Songwriter-Alben, Alben mit voller Bandbesetzung... Dieses Album wirkt wie ein Amalgam aus all dem.
Ich wollte es in keiner Weise einschränken und eigentlich genau das, was du beschrieben hast: Ich wollte auf all meine bisherigen Arbeiten zurückgreifen und für alles Platz schaffen, nachdem ich beim letzten Album die Palette einschränken wollte. Engine Of Hell sollte wie Pink Moon von Nick Drake sein – etwas sehr Reduziertes. Bei diesem Album hatte Sonny [Diperri] auch viel damit zu tun. Er hat aufgenommen, den Ton gemischt und mitproduziert. Wir haben viel darüber gesprochen, was wir da eigentlich machen, und ich dachte mir: Lass uns keine Grenzen setzen, was das Genre oder die Art der Sounds angeht. Wir machen einfach einen kompletten Rundgang durch alles, was ich je gemacht habe, und zwar auf eine Art und Weise, die nichts erzwingt, sondern die Dinge einfach so sein lässt, wie sie sind. Wir haben beim Songwriting viel Raum gelassen, damit Dinge entstehen konnten. Wir haben nicht jede einzelne Melodie oder jeden Gitarrenpart voll ausformuliert, sondern wollten, dass vieles davon live im Studio entsteht.
These Killing Times enthält textlich viele offene Fragen. Die letzte Zeile des Albums lautet: Wofür werden wir abseits des Tales der Schatten der Furcht aller Menschen leben? Was könnte deiner Meinung nach eine Antwort darauf sein?
Nun, ich finde es wichtig, darauf nicht zu antworten – weil ich möchte, dass die Zuhörer:innen darüber nachdenken. Es gibt einige Gedichte, die ich gelesen habe, als ich meine „Poesie-Phase“ durchlief, die mit einer offenen Frage beginnen. Das dient dazu, die Leser:innen sofort als Teilnehmer:innen in das Gedicht hineinzuziehen, anstatt sie nur dem Werk auszusetzen. Es gibt also eine Art Interaktion zwischen Zuhörer:innen und der Platte statt eines passiven Hörerlebnisses. Denn wir müssen alle über diese Themen nachdenken und ich denke, dass selbst der kleinste Keim einer Idee wertvoll ist.