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Interview mit Evanescence: „Wir spielten auf Metal-Festivals und ich war die einzige Frau“
features05.06.26
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2003 Jahren schießen Evanescence mit Fallen in den Mainstream. Auch 23 Jahre später ist die Band um Frontfrau Amy Lee eine der wichtigsten und stärksten Kräfte monumentaler, cinematischer Rockmusik. Mit Sanctuary legt die Band aus Arkansas ihr stärkstes Album seit Jahren vor – es ist Zufluchtsort, Silberstreif und Revolution in einem. Sängerin Amy Lee über ihre Idole, ihre Rolle als Vorbild und die Rolle der Musik als Waffe in Zeiten wie diesen.
Sanctuary ist ein Album, das Licht und Schatten gleichermaßen einfängt. Es macht Mut, aber es verschließt auch nicht die Augen vor der Realität. War diese Balance schwierig?
Ich bin so froh, dass es so rüberkommt. Genau das hatte ich mir erhofft. Man schießt bei so etwas leicht über das Ziel hinaus, wenn man sich zu wichtig nimmt, aber wir wollten eine Platte, die die Welt widerspiegelt. Das Leben im Jahr 2026 ist eine große Herausforderung, so groß wie lange nicht. Wir stehen vor vielen Problemen, gewaltigen Problemen, die uns alle betreffen. Wir fühlen uns zunehmend ausgeliefert und allein gelassen, überall geschehen grausame Dinge und es wird sehr viel Kraft kosten, sich gegen all das zu wehren. Deswegen gibt es Sanctuary. Damit wir uns gemeinsam wehren können..
„Ich hatte noch nie so viel Spaß mit meiner Musik wie heute“
Was gibt dir in diesen Zeiten Halt und Hoffnung?
Ich glaube an die Kraft der Liebe. Sie ist stärker als alles andere, weißt du. Das vergessen wir gern, aber es ist die Wahrheit. Wir alle sollten versuchen, so viel Liebe zu geben wie möglich. Wir tun das mit unserer Musik, aber jede:r kann das auf seine Weise tun. Musik war immer schon mein Zufluchtsort, und 2026 erkenne ich das mehr denn je – bei mir, aber auch bei unseren Fans.
Wann hat sich das Konzept hinter Sanctuary konkretisiert?
Es gab diesen einen ganz bestimmten Moment, als wir auf Tour in Australien auf der Bühne standen. Ich weiß nicht mehr, in welchem Teil des Sets, aber ich sprach gegen Ende der Show zum Publikum und sagte: „Das ist unser Zufluchtsort.“ Später dachte ich darüber nach, was mir da über die Lippen gekommen war – und merkte erst dann, wie wahr und wichtig diese Worte waren.
Hast du das Gefühl, dass Musik in politisch oder gesellschaftlich instabilen Zeiten eine andere Verantwortung hat?
Ich denke, Musik kann und darf alles sein. Musik hat die Gabe, Menschen zu bewegen. Zu verändern. Denk mal an die Protestsongs in den Sechzigern. Da hat teilweise ein einziges Lied gereicht, um eine Veränderung anzustoßen.
Hat sich dieses Album anders angefühlt als all die anderen?
Einige der Muster waren dieselben. Ich überlasse es gern dem Universum, Songs zu uns zu bringen. Ich mag es, Gelegenheiten zu schaffen, in denen wir gemeinsam kreativ sein können. Dieses Mal waren mehr Leute beteiligt als üblich bei uns, aber es war dasselbe Mantra wie immer: Folge deinem Herzen. Manchmal sitze ich hier in meinem Wohnzimmer und schreibe einen Song, manchmal sind wir als Band zusammen im Studio. Manchmal ruft Zach Servini an und sagt: „Wollt ihr mit mir und Jordan Fish ins Studio gehen?“ Wir lassen uns bewusst auf alles ein, weil wir wissen, dass Inspiration aus allen Himmelsrichtungen kommen kann. Musik ist keine Mathematik. Musik muss Spaß machen und von Herzen kommen. Der Rest passiert dann von ganz allein.
„Musik war immer schon mein Zufluchtsort“
Ihr scheint euch derzeit eh in einer unheimlich kreativen Ära zu befinden.
Man kann den Zug manchmal nicht anhalten, weißt du? (lacht) Es war definitiv eine sehr inspirierende Zeit, ja, aber auch mit heißer Nadel gestrickt. Es war ein Sprint bis zum Schluss, weil wir die US-Tour schon gebucht hatten und die Platte unbedingt davor veröffentlichen wollten. Wenn man dann aber zwischendrin noch gefragt wird, ob man einen Film-Soundtrack schreiben und mit Metallica auf Stadiontour gehen möchte, sagt man natürlich auch nicht Nein. Ich kann überhaupt nur sehr schlecht Nein sagen, also haben wir einfach noch härter gearbeitet.
Was würde die 13-jährige Amy, die die Band gegründet hat, über die heutige Amy sagen?
Sie würde es nicht glauben können. Es sind so viele Dinge in meinem Leben passiert, die ich mir einfach nicht hätte vorstellen können. Es ist einfach zu unglaublich. Ich hatte definitiv ein Leben voller Extreme. Ich habe einiges gesehen, ich habe einige wirklich schmerzhafte Dinge durchgemacht. Ich weiß aber auch um die Kraft des richtigen Songs zur richtigen Zeit. Und diese Songs für Menschen da draußen geschrieben zu haben, ist das größte Geschenk. Und dass wir das auch über 20 Jahre nach unserem Durchbruch noch tun dürfen, ist ein riesiges Privileg, für das ich jeden Tag dankbar bin. Mit 13 hätte das alles einfach unglaublich und eigentlich auch ein bisschen beängstigend geklungen. Da ist eine Menge Druck im Spiel, weißt du. Aber jetzt hier zu sein, mit über 40, ist das Allergrößte überhaupt. Ich hatte noch nie so viel Spaß mit meiner Musik wie heute. Wir müssen das nicht tun. Evanescence ist nichts, was nötig ist, um die Rechnungen zu bezahlen. Wir haben mit dem Erfolg von Fallen ein unglaubliches Geschenk erhalten. Und ruhen uns dennoch keinen einzigen Tag lang darauf aus.
„Meine Vorbilder waren Frauen, die provokante Dinge sagten“
2003 war die Rockmusik eine andere. Damals behandelte die Branche Bands mit Frontfrauen oft wie eine Kuriosität, reduzierte sie auf Äußerlichkeiten. Ihr wart damals ganz oben, heute gibt es mit Nova Twins, Poppy oder Spiritbox zahlreiche andere Bands und Projekte, die in deine Fußstapfen treten. Aber fühlst du dich überhaupt wie eine Pionierin, wie eine Galionsfigur für all das?
So viele großartige Rockerinnen kamen vor mir, um mich zu inspirieren und mir zu zeigen, dass es möglich ist, diesen Weg zu gehen. Als wir 2003 rauskamen, war es wirklich eine andere Welt, wie du sagst. Wir spielten auf Metal-Festivals und ich war die einzige Frau. Das war für eine 22-Jährige sehr einschüchternd. Und wenn ich ehrlich sein soll, hat mich das überrascht: Ich bin in den Neunzigern aufgewachsen und habe schon immer alle Arten von Musik gehört, aber meine Vorbilder, nun... mehr als die Hälfte davon waren Frauen, die provokante Dinge sagten. Tori Amos, Alanis Morissette, Shirley Manson – sie waren einfach sie selbst in der Welt, selbstbewusste Frauen. Das sind meine Heldinnen, die meinen Weg geebnet haben. Im Metal-Genre war es aber dann ein ganz anderes Gefühl. Bei bei Rock am Ring dachte ich nur: „Oh, das ist anders. Ich muss mich beweisen. Ich muss beweisen, dass es keinen Unterschied gibt und dass wir keine Zugeständnisse für mich machen.“ Doch das Schöne ist: Es gibt jetzt so viel mehr von uns, und jede einzelne Person, die es schafft, bahnt sich diesen Weg ein kleines Stückchen weiter, sodass die Straße breiter und leichter zu bewältigen ist. Ich bin so stolz, ein Teil davon zu sein. Und es macht so viel Spaß, eine Tour auf die Beine zu stellen, nach dem Motto: Mädels nach vorn.