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Foto: Brian Ziff

Interview: 5 Seconds Of Summer und das ewige Werden

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Zwischen Albumarbeiten, Soloprojekten und den Nachwehen einer „Boyband“: 5 Seconds Of Summer denken sich neu, und ihre Tour gleich mit. Wir haben Calum Hood und Ashton Irwin zum Gespräch getroffen.

Es gibt Bands, die irgendwann an einem Punkt ankommen, an dem sie entscheiden müssen, ob sie sich wiederholen oder riskieren, sich selbst zu verlieren, um sich neu zu erfinden. 5 Seconds Of Summer haben diese Entscheidung längst getroffen. Mit ihrem aktuellen Album Everyone’s A Star setzen sie nicht nur einen weiteren Marker in ihrer Diskografie, sondern formulieren einen Anspruch: Veränderung ist kein Risiko, sondern Voraussetzung. „Es geht darum, anders zu sein. Sonst lohnt es sich nicht, etwas zu veröffentlichen“, sagt Ashton Irwin früh im Gespräch. Ein Satz, der weniger nach Promo-Statement klingt als nach künstlerischem Credo und damit den Ton für alles Weitere vorgibt.

Zwischen Anspruch und Rückblick

Drei Jahre Arbeit stecken in Everyone’s A Star und damit eine Zeitspanne, die in der schnelllebigen Popwelt fast schon als Luxus gilt. Für Ashton ist das Ergebnis jedoch weniger ein Produkt als vielmehr ein erfülltes Versprechen an sich selbst: „Es hat ungefähr drei Jahre gedauert, das Album zu machen (…) und die Wahrnehmung davon war erfreulich, weil es sich so anfühlt, als hätte es die Vision und den Traum erfüllt, die wir dafür hatten.“

Damit verschiebt sich der Fokus weg vom reinen Output hin zu einer tieferen Ebene künstlerischer Kontinuität. Es geht nicht nur um Klang, sondern um Wandel als Prinzip. Jede Veröffentlichung soll wie ein Bruch wirken und gleichzeitig Teil eines größeren Ganzen sein. „Wir gehen jedes Album mit dem Anspruch an, die Band komplett neu zu erfinden“, erklärt er. Der Blick ist dabei bemerkenswert langfristig: eine Diskografie, die in zwanzig Jahren nicht homogen, sondern vielschichtig wirken soll.

Gerade dieses Denken hebt die Band aus der klassischen Pop-Logik heraus. Statt Wiedererkennbarkeit um jeden Preis setzen sie auf Entwicklung als Identität. Everyone’s A Star wird so zum vielleicht konsequentesten Ausdruck dieser Haltung: „Ich habe das Gefühl, es ist unser am weitesten entwickeltes Album, klanglich und visuell.“

5 Seconds Of Summer für Zuhause:

Die Strategie der permanenten Veränderung

Diese Haltung setzt sich im Sound fort, der bewusst nicht statisch gedacht wird. „Der Sound verändert sich immer, weil sich die Welt verändert“, sagt Ashton und formuliert damit einen fast schon soziologischen Zugang zu Popmusik: Musik als Spiegel einer sich wandelnden Gegenwart. In diesem Spannungsfeld bewegt sich die Band gezielt zwischen ihren Wurzeln und ihrem Anspruch. Pop ist ihr Fundament, Rock ihre Herkunft, und genau in dieser Reibung entsteht Bewegung. „Wir sind eine Popband mit Rock-Einflüssen: Wir versuchen immer, uns im Pop herauszufordern (…) in unserer gegenwärtigen Denkweise.“

Was hier mitschwingt, ist der Versuch, Authentizität gerade durch Veränderung zu bewahren. Für 5SOS scheint genau das zum Motor geworden zu sein, der ihre Entwicklung vorantreibt.

„Boyband“ als Label und Selbstermächtigung

Gerade weil Veränderung für 5SOS zentral ist, spielt auch die Fremdzuschreibung eine Rolle, durch die sie sich von der gewünschten Weiterentwicklung abhalten lassen könnten. Aber 5SOS haben einen Weg gefunden, damit umzugehen. Kaum ein Begriff hat die Gruppe über Jahre so begleitet wie der der „Boyband“, oft mehr als Abwertung denn als neutrale Beschreibung. Heute jedoch hat sich der Umgang damit verschoben und fügt sich nahtlos in das größere Narrativ der Selbstdefinition ein. Ihr Song Boyband, der auf Everyone’s A Star erscheint, nimmt sich diese Deutungshoheit bewusst zurück.

„Ich fühle mich wirklich gut damit. Ich glaube, es repräsentiert tatsächlich, wie ich die Band sehe. Wir haben alle andere Rollen und sind so viele verschiedene Dinge“, sagt Calum Hood überraschend gelassen. Was früher als Einschränkung wahrgenommen wurde, ist inzwischen Teil der eigenen Erzählung geworden. „Als wir jünger waren (…), da hatte ich das Gefühl, Leute sagen damit, dass wir künstlich produziert sind oder so etwas. Ich bin aber älter geworden, ich habe viele dieser Gedanken und viele dieser Verbindungen dazu losgelassen. Wir nutzen das jetzt als Ermächtigung“, so Calum. Ashton formuliert es noch zugespitzter: „Alles, was wir ins künstlerische Feuer werfen können, damit es verbrennt, ist wirklich nützlich.“ Der Begriff wird zur Ressource; ein Reizwort, das Aufmerksamkeit erzeugt und genau deshalb künstlerisch verwertbar ist.

Schreiben im Kollektiv

Diese neue Form der Selbstermächtigung zeigt sich auf dem aktuellen Album auch inhaltlich. Songs wie Ghost oder I’m Scared I’ll Never Sleep Again offenbaren eine Band, die sich emotional zunehmend öffnet. Die Frage, ob die Vulnerabilität mit zunehmendem Alter leichter oder schwieriger wird, beantworten die 5SOS-Mitglieder entsprechend nüchtern. Der sichere Ort des Studios ist nach wie vor gegeben: „Es gibt einen ziemlich sicheren Raum im Schreibzimmer“, sagt Calum, „Man kann in das Leben der anderen Bandmitglieder eintauchen.“

Gerade dadurch verliert die Verletzlichkeit ihren exklusiven, isolierenden Charakter. Sie wird zu einem gemeinsamen Aushandlungsprozess. Calum beschreibt es als „vielseitiges Gefühl“, das unterschiedliche Perspektiven zulässt. Entscheidend ist dabei, dass Offenheit nicht als Belastung empfunden wird. Im Gegenteil: Die Band wird zum Schutzraum, der kreative Risiken überhaupt erst ermöglicht.

Die Bedeutung der Solo-Projekte

Diese Entwicklung wurde durch die Solo-Projekte der Bandmitglieder zusätzlich verstärkt. Sie fungieren gewissermaßen als Gegenpol zur kollektiven Arbeit und machen Unterschiede sichtbar. Für Calum war diese Erfahrung besonders prägend: „Ich habe gelernt, dass es eine völlig andere Erfahrung ist, alles selbst zu machen. Ich habe die Präsenz der Jungs im Raum wirklich vermisst. Aber ich habe dabei viel über meine Stärken und Schwächen gelernt und über meine eigene künstlerische Identität. Ich glaube, das hat mich nützlicher gemacht, als ich wieder in diese Band-Perspektive zurückgekehrt bin. Und es hat mir klar gemacht, wie verdammt sehr ich 5 Seconds Of Summer liebe. Teil davon zu sein ist einfach so großartig.“

Und auch für Ashton bleibt entscheidend, dass das Besondere nur im Zusammenspiel entsteht. „Glück“, sagt er knapp, als es um das geht, was die Band einzigartig macht. Ein Begriff, der hier weit über Zufall hinausgeht. Für ihn geht es dabei um Timing, um Chemie, um Momente, die sich nicht planen lassen: „Es ist magisch, selten und besonders.“ 

Live als ultimative Form

All diese Entwicklungen kulminieren schließlich im Live-Kontext, der für die Band zur eigentlichen Zielgröße wird. „Ich glaube, wir sind auf der Bühne gewissermaßen auf einer völlig anderen Basis unterwegs als im Studio. Live hat einfach einen ganz eigenen Sound und eine ganz andere Energie. Und wenn man die Songs live präsentiert, denkt man nicht mehr nur rein klanglich, da passiert so viel anderes gleichzeitig. Genau das ist das Coole an der Tour, die wir jetzt auf die Beine stellen,“ erzählt Calum. Songs werden hier nicht einfach gespielt, sondern neu interpretiert. „Wir können die Seele davon nehmen und etwas Neues erschaffen.“ Genau darin liegt die Konsequenz ihres künstlerischen Ansatzes: Musik bleibt in Bewegung.

Auch die aktuelle Tour ist darauf ausgelegt, diese Dynamik sichtbar zu machen. Mit mehr Interaktion, stärkeren visuellen Elementen und einem erweiterten Verständnis von Performance.

Ashton sagt zur Everyone’s A Star-Tour: „Es gibt so viele Elemente, die spannend sind und die Show wie eine sehr durchdachte, weiterentwickelte Version von dem wirken lassen, was wir 2015 gemacht haben. Es ist jetzt zehn Jahre her und so anders, obwohl es sich immer noch vertraut anfühlt. (...) Es ist keine Show, die man nur einmal sehen soll. Wir wollen, dass man sie mehrmals sehen möchte. Und genau auf dieses Erlebnis zielen wir ab.“

Die Rolle der Fans

In diesem Zusammenhang verändert sich auch der Blick auf die eigene Vergangenheit. Obwohl es sich um eine Albumtour handelt, integriert die Band bewusst ältere Songs, oft basierend auf Fanwünschen. „Es ist zwar eine Albumtour, aber irgendwie auch nicht. Wir haben rund 200 veröffentlichte Songs“, sagt Ashton und verweist damit auf das gewachsene Repertoire, „Songs kommen und gehen in ihrer Beliebtheit bei der Fanbase. Nur weil ein Song neu ist, ist es nicht unbedingt der beliebteste.“ Die Band beobachtet diese Verschiebungen genau und reagiert darauf. Ältere Tracks können plötzlich wieder an Relevanz gewinnen, manchmal sogar stärker als neue. Diese Offenheit schafft eine besondere Verbindung zum Publikum. Die Fans werden nicht nur adressiert, sondern aktiv in die Entwicklung eingebunden.

Was bleibt ist das Werden

Am Ende fügt sich all das zu einem klaren Gesamtbild zusammen. Die aktuelle Phase ist Teil eines fortlaufenden Prozesses im Kosmos von 5SOS. Für Ashton ist die Einordnung eindeutig: „Diese Ära dreht sich darum, 5 Seconds Of Summer als einen der größten Live-Acts der Welt zu festigen.“ Ein ambitioniertes Ziel. Aber eines, das auch nicht ganz unlogisch aus ihrer Entwicklung hervorgeht. Es geht für sie längst nicht mehr nur um Songs oder Alben, sondern um ein Gesamterlebnis mit langfristigem Anspruch.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Konstante von 5SOS: die konsequente Weigerung, stehen zu bleiben. Everyone’s A Star ist kein Endpunkt, sondern ein weiterer Schritt in einem offenen Wachstum. Oder, wie Ashton es formuliert: „Wir wollen diese Band weiterbringen, als es sich jemals irgendjemand hätte vorstellen können.“

5 Seconds Of Summer auf Tour:

13.04.26 - KÖLN - LANXESS ARENA
14.04.26 - HAMBURG - BARCLAYS ARENA
21.04.26 - BERLIN - UBER ARENA
27.04.26 - MÜNCHEN - OLYMPIAHALLE

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