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Wir treffen Mehnersmoos bei Rock am Ring, kurz nachdem Fred und Tobi auf der Utopia Stage offenbar den Weltfrieden durch Dosenbier und Rap neu verhandelt haben. Es geht um Frankfurt, Festivals, das kommende Album saufen. Und natürlich um die große Frage: Wie viel Arsch passt eigentlich in eine Karriere?
Man kann bei Mehnersmoos einiges kritisch hinterfragen: Vorbildfunktion. Benehmen. Einen verantwortungsvollen Umgang mit Wortspielen. Aber eins ganz sicher nicht: dass sie genau wissen, wer sie sind. Fred und Tobi stehen irgendwo zwischen Deutschrap, Abriss, pubertärem Unfug, treffsicheren Pointen und der seltenen Fähigkeit, dass selbst die dümmste Zeile nach drei Bier plötzlich wie eine kulturwissenschaftliche Erkenntnis klingt.
Bei Rock am Ring passt das erstaunlich gut. Zwischen Metalcore-Breakdowns, Stadionrock-Pathos und Menschen, die seit Donnerstag nicht mehr genau wissen, ob sie Sonnencreme oder Mayo im Gesicht haben, sind Mehnersmoos die logische Ergänzung des perfekten Festivalnachmittags. Schneller als man gucken kann erwischt man sich dabei, dass man Zeilen mitschreit, bei denen man zu Hause noch behauptet hätte: „Nein, Mama, sowas höre ich nicht.“
Fred beschreibt den absurdesten Moment, in dem er gemerkt hat, dass das jetzt wirklich ihr Job ist, natürlich so: „Heute bei Rock am Ring auf der Utopia Stage vor 80.000 Menschen, die uns zugejubelt haben, Tränen geweint haben vor Glück.“ Übertreibung? Vielleicht. Wahrheit? Irgendwie auch. Denn genau darin liegt der Mehnersmoos-Zauber: Alles ist Quatsch, aber der Quatsch macht einfach unglaublich viel Spaß.
Die große B-Ebene des Lebens
Wer Mehnersmoos verstehen will, muss Frankfurt verstehen. Oder zumindest so tun, als ob. Nach den Top-drei-Tourispots gefragt, landen Fred und Tobi sofort bei einem Dreiklang, der eine ganz besondere Erlebniswelt aufzumachen scheint: Khan Kiosk, Mainufer, Café Sugar Mama. Dazu irgendwo Bahnhofsviertel. Fertig ist das perfekte Frankfurt-Erlebnis zwischen Koffein, Kippe und Kontrollverlust. Ihre Lieblingsorte haben die beiden kürzlich auch dem Hessischen Rundfunk vorgestellt:
Wir steigen noch eine Ebene tiefer ein, als wir im Interview fragen, wie die beiden ihre Show als Geruch beschreiben würden. Vorab: Bier sei zu einfach. Fred sagt direkt: „Arschschweiß.“ Tobi denkt länger nach und landet bei einer fast poetischen Beschreibung der B-Ebene in der U-Bahn: Pisse, Kaffee, Menschengeruch, Parfüm, Schweiß, Maschinen. „Weil wir sind ja Maschinen.“ Das ist erstaunlich präzise.
Dass sie auf Festivals so gut funktionieren, ist kein Zufall. Tobi sagt selbst: „Ich glaube, wir haben irgendwie Glück, dass wir so eine Festivalband sind.“ Stimmt. Mehnersmoos sind keine Band, die man erst erklären muss. Die Stimmung ist irgendwo zwischen Klassentreffen, Abrissbirne und betreutem Alkoholkonsum. Man ist sich ziemlich schnell einig, versteht die Musik und die Songs und hat dann einfach eine gute Zeit. Und wer es nicht versteht, hat sich laut Fred vermutlich einfach nicht ausreichend mit Platon, Plotin und Sokrates beschäftigt. Kann passieren.
saufen.: Ein Albumtitel wie ein feuchter Händedruck
Am 2. Oktober 2026 erscheint das neue Mehnersmoos-Album saufen.. Der Titel ist so simpel, dass er schon fast nach Konzeptkunst klingt. Oder nach Fiebertraum. Vielleicht beides. Dazu passt natürlich auch die anstehende Deutschland-Tour mit dem illustren Titel Tour De Arsch, die im Oktober startet.
Auf die Frage, wie man vom Albumtitel saufen. auf die Tour de Arsch kommt, erklärt Fred: „Wir denken eigentlich gar nicht nach.“ Meistens müsse es schnell gehen, irgendwer kichere blöd, und dann stehe der Titel. Einfach wie genial.
Inhaltlich wird saufen. laut Fred von den großen Themen der Menschheit handeln: „Es geht um Arsch. Es geht um Bier. Es geht um Freundschaft. Es geht um Liebe. Es geht um eine gute Zeit.“ Und genau das ist vermutlich der Punkt. Mehnersmoos machen keine Musik für Menschen, die beim Hören bedeutungsschwanger aus dem Fenster schauen und überlegen, ob die eigene Existenz eine Metapher ist. Mehnersmoos machen Musik für Menschen, die beim Hören ein Bier öffnen, zwei Freund:innen anrufen und danach drei (oder mehr) im Nachhinein fragwürdige Entscheidungen treffen.
Von Nachteule bis Ausländer: Saufen mit Haltung
Die ersten Vorboten zeigen schon, wohin die Reise geht: Nachteule, zusammen mit den Drunken Masters, ist ein Abriss zwischen Rap, Club-Energie und diesem sehr speziellen Mehnersmoos-Zustand, in dem man nicht mehr sicher ist, ob man noch wach ist oder schon im Delirium. Der Track passt perfekt zu dem, was Tobi im Interview über das neue Album sagt: Es gibt typische Live-Banger, aber auch Ausflüge in andere Welten. Nachteule ist genau so ein Song, der komplett auf Bewegung ausgelegt ist.
Tobi sagt, das neue Album sei „gut für Live“. Die Songs müssen auf Festivals und in großen Hallen funktionieren, sie müssen sofort zünden. Fred verspricht „katastrophal geile Live-Banger“.
Von den bisher erschienenen Singles wollen wir hier nochmal den Song Ausländer besonders hervorheben, weil Mehnersmoos hier zeigen, dass ihr Humor nicht nur Arsch-Bier-Konfetti ist, sondern durchaus Zähne zeigen kann. Der Song nimmt rassistische Reflexe, Stammtischparolen und die absurde deutsche Angst vor allem, was nicht ins eigene Kleingarten-Weltbild passt, einmal kräftig in den Schwitzkasten. Natürlich passiert das nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit maximaler Überzeichnung, Geballer und diesem typischen Mehnersmoos-Grinsen, bei dem man nie ganz sicher ist, ob man gerade lachen darf. Genau dadurch funktioniert die Gesellschaftskritik: Ausländer macht sich nicht über Betroffene lustig, sondern über die Idiotie derer, die ihre Vorurteile für gesunden Menschenverstand halten. Zwischen Blödsinn und Abriss steckt plötzlich ein ziemlich klarer politischer Schlag ins Gesicht im besten Sinne.
Ganz frisch dazu kommt Wahnsinn, und allein der Titel klingt wie der natürliche Aggregatzustand dieser Band. Wer einen Rap-Song mit einem Wolfgang-Petry-Zitat einleitet, hat vielleicht alles an Popkultur verstanden, was man verstehen muss.
Mehnersmoos können Songs schreiben. Das wird manchmal vom ganzen Arsch-Bier-Feuerwerk verdeckt, aber genau deshalb funktionieren die Gags ja so gut. Ein schlechter Witz mit schlechtem Beat bleibt ein schlechter Witz. Pointierte Texte mit Wortspielen, zweimal um die Ecke gedachte Gags und hier und da politische Messages, ohne den Partyspaß zu verlieren, bilden neben gut ballernden Beats vielleicht die Holy Trinity der Mehnersmoos-DNA.
Der Mehnersmoos-Sound: Trap, Rap, House, Rock und mehr
Soundtechnisch bleiben Fred und Tobi dem bekannten Wahnsinn treu, aber offenbar wird saufen. nicht einfach nur ein weiterer Durchlauf aus dem gleichen Fass. Fred kündigt einen Rocksong an. Tobi spricht von typischen Live-Bangern, von trappigen und rappigen Sachen, aber auch von einem „sehr housigen Song“, etwas, das sie so bisher noch nicht hatten. Dazu kommt diese Rock-Nebenrealität, deren Tür sie mit den Sons of Huens bereits geöffnet haben – als hätten Mehnersmoos beschlossen, dass Rap allein für all ihre wilden Ideen einfach nicht genug Platz bietet.
Das passt zu ihrer gesamten Ästhetik. Mehnersmoos sind im Kern Rap, aber sie behandeln Genregrenzen eher wie Geschwindigkeitsbegrenzungen auf der Autobahn: Man sieht sie, man versteht ungefähr, wofür sie da sind, und dann fährt man manchmal trotzdem zu schnell. Ihre Musik lebt von harten Beats, Refrains, die sofort im Kopf kleben bleiben und von diesem permanenten Gefühl, dass alles gleich auseinanderfliegt, während im Hintergrund jemand erstaunlich sauber den Song zusammenhält.
Apropos Zusammenhalten: Für das Albumcover zu saufen. war ebenfalls eine ganze Menge Körpereinsatz notwendig. Tobi betont im Gespräch: keine KI. Stattdessen echtes Mofa, echtes Feld, echtes Rauchen, echte Stürze. Fred berichtet von Schmerzen am Steißbein, „als ob mich der Herrgott höchstpersönlich mit seinem Huf getreten hätte.“
Tour de Arsch und der Bildungsauftrag
Nach dem Album geht es auf Tour de Arsch. Ein Titel, der in seiner Eleganz irgendwo zwischen Tour de France und gastroenterologischer Warnmeldung liegt. Auf die Frage, wie viele ernsthafte Meetings es gebraucht habe, bis der Name offiziell war, sagt Fred: „Ich glaube, wir hatten noch nie ein ernsthaftes Meeting. Von daher keins.“ Das erklärt vieles. Vielleicht alles.
Tobi freut sich auf der Tour vor allem darauf, die neuen Songs zu spielen. Und das ist bei all dem Quatsch dann doch der schöne Kern: Mehnersmoos wissen sehr genau, dass ihre Musik live am meisten Sinn ergibt.
Und dann ist da noch die vielleicht wichtigste Aussage des ganzen Interviews. Auf die Frage, was die Leute nach einer Mehnersmoos-Show gelernt haben sollen, sagt Tobi: „Musik ist positive Energie.“ Das klingt für ungefähr zwei Sekunden fast rührend. Dann redet Fred über Stirnlappenbasilisken, über Shows für Pflanzen und Blattläuse als Zahlungsmittel. Aber der Satz bleibt trotzdem hängen.
Denn am Ende sind Mehnersmoos genau das: positive Energie in maximal bekloppter Verpackung. Eine Band, die sich komplett daneben benimmt und dabei erstaunlich vielen Leuten den Tag rettet. Manchmal reicht es, wenn zwei Frankfurter auf einer Festivalbühne stehen, über Arsch, Bier und Freundschaft rappen und alle im Publikum für einen Moment gleich glücklich sind.
saufen. wird wahrscheinlich kein Album, das man bei Kerzenschein analysiert. Es wird eher eins, das man direkt mitgrölen kann und am nächsten Tag mit leichter Scham wieder anmacht. Also eigentlich genau das, was ein Mehnersmoos-Album sein sollte.
Oder wie man in der Philosophie sagt: Platon hätte geballert.