features
Mehr Freiheit, mehr Gefühl: So war’s bei James Blake in Berlin
Bitte Zählermarke einfügen
Wabernde Sounds, eine Stimme, die unfassbar zeitlos klingt und Synthesizer, die sich jeglicher Schwerkraft entziehen möchten: Wir waren bei James Blake in Berlin. Im ausverkauften Berliner Astra treffen am 15. Oktober elektronische Wucht, melancholisches Songwriting und die Songs seines neuen Albums Trying Times aufeinander. Dabei steht auch eine Frage im Raum: Wie klingt ein Künstler, der nach Jahren im Major-System jetzt wieder stärker selbst bestimmt, unter welchen Bedingungen seine Musik entsteht?
James Blake im Circle Store:
Monica Martin: Was für eine Stimme
Den Auftakt übernimmt Monica Martin, die auch auf Trying Times zu hören ist. Begleitet von einem Gitarristen schafft sie mit ihrer außergewöhnlichen Stimme und humorvollen Ansagen einen persönlichen Zugang zum Abend. Eine passende Einstimmung auf James Blake.
Ihr Gesang verbindet Wärme mit einer leichten Zerbrechlichkeit, die aber nie schwach wirkt. Ihre Stimme ist beweglich, tänzerisch und träumerisch zugleich. Dazwischen sorgen ihre humorvollen Ansagen für eine angenehm ungezwungene Atmosphäre. Schon ihr Auftritt zeigt, wie viel Wirkung eine Stimme entfalten kann, wenn man ihr Platz lässt.
Monica Martin wurde als Frontfrau der aus Wisconsin stammenden Band PHOX bekannt und entwickelte anschließend ihre eigene Handschrift als Solokünstlerin. Musikalisch bewegt sie sich zwischen Indie-Folk, Soul und zurückgenommenem Pop, getragen von ihrer warmen, leicht rauchigen Stimme. Wie eng bei ihr Nachdenklichkeit und Humor zusammenliegen, zeigt Go Easy, Kid: Der Song beschäftigt sich mit Selbstzweifeln und dem Druck des kreativen Arbeitens, findet darin aber auch eine Einladung zu mehr Gelassenheit. Monica Martins besondere Qualität liegt in einer unaufdringlichen Ausdrucksstärke: Sie kann große Gefühle vermitteln und zugleich so klingen, als würde sie gerade ein sehr persönliches Gespräch führen. Heute noch nicht geträumt? Dann bitte hier:
James Blake: Aufregend unaufgeregt und auf locker sympathisch
James Blake eröffnet mit Walk Out Music, bevor Choose Me und Stop What You’re Doing den Blick in unterschiedliche Winkel seines musikalischen Kosmos lenken. Die Crowd lauscht andächtig und man hat das Gefühl, man kann in den ruhigen Passagen eine Stecknadel fallen lassen, so gebannt schauen alle (zurecht) auf das Bühnengeschehen. Sowieso ist es ungewöhnlich für einen Artist von James Blakes Größe, eine Clubtour zu spielen. Eine bewusste Entscheidung, gegen Arena und Entfernung und für dieses eng aneinander geschmiegte Club-Gefühl.
Der Rahmen dieses Abends passt damit perfekt zu seinem neuem Kapitel. Nachdem er in Berlin bereits die Uber Eats Music Hall und das UFO im Velodrom bespielt hat, steht er diesmal an zwei Abenden im Astra auf der Bühne. Dieser kleinere Rahmen lässt sich als Hinwendung zur unmittelbaren Begegnung lesen – passend zu einem Künstler, der seine Arbeit inzwischen unabhängiger organisiert und das gemeinsame Musizieren ins Zentrum rückt. Die Show gewinnt durch diese Nähe. Zwischen Balladen und Clubmusik bekommt Trying Times hier einen passenden Resonanzraum. Dass Blake schon im März zur Albumveröffentlichung im noch kleineren Lido auftrat, fügt sich in dieses Bild: Sein neuer Abschnitt findet in Berlin auffällig nah an einem emotional aufgeladenen Publikum statt.
Das neue Album findet mit Death of Love und Make Something Up bereits im ersten Teil des Sets direkt statt. Die Dramaturgie gibt dem aktuellen Material damit genügend Raum, einen eigenen Zusammenhang zu entwickeln.
Trying Times ist im März erschienen und beschäftigt sich mit dem Versuch, persönliche Nähe in einer von Krisen und Entfremdung geprägten Gegenwart zu bewahren. Blake selbst beschreibt die Platte als Auseinandersetzung mit Liebe inmitten des Chaos. Das ist ein großes Thema, das seine Musik besonders überzeugend trägt.
Death of Love zieht mit seinem Leonard-Cohen-Sample eine dunkle Linie durch dieses Spannungsfeld. I Had a Dream She Took My Hand setzt mit einem Sample der Soulband Thee Sinseers einen wärmeren Akzent. Solche Gegenbewegungen machen das Album interessant: Verunsicherung und Zuversicht dürfen nebeneinander bestehen, ohne dass eine von beiden sofort das letzte Wort bekommen muss.
Zu dieser Offenheit passt Blakes viel diskutiertes „Indie-Ding“. Trying Times ist sein erstes unabhängig veröffentlichtes Soloalbum nach dem Abschied vom Major-System. Mehr Zeit, mehr Raum für kreative Freiheiten. Das ist natürlich auch für die Live-Show interessant: Blake hat die Tour ausdrücklich als Gelegenheit beschrieben, stärker als Sänger aufzutreten und dem Zusammenspiel mit einer erweiterten Liveband mehr Gewicht zu geben. Die Technik soll auf die Musiker reagieren. Darauf geht er auch in einer seiner Ansagen ein. Das ist eine schlüssige Idee für Songs, deren Reiz oft in winzigen Verschiebungen liegt: einem Atemzug, einer Verzögerung, einer Stimme, die einen Ton etwas länger festhält.
Im Astra bleiben zugleich die vertrauten Fixpunkte erhalten. Limit to Your Love, Godspeed und I’ll Come Too stehen zwischen den neueren Stücken, es ist ein stetiger Tanz zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Was bleibt, ist der emotionale Kern. Das sieht man auch im Publikum: Viele Besucher:innen sind sichtlich emotional ergriffen, der Taschentuch-Counter steigt im weiteren Verlauf des Sets.
Jetzt könnte man argumentieren, dass zu viel ausgestellte Melancholie zu Gleichförmigkeit führt und langweilig wird. Das passiert an diesem Abend im Astra aber ganz und gar nicht, nicht zuletzt, weil auch immer wieder treibende Elemente das Set füllen, elektronische Elemente, die die Crowd zum Mitwippen animieren.
Musikalisch hat man sowieso das Gefühl, man hört hier einem absoluten Genie zu: James Blake gehört zu den wichtigen Vermittlern zwischen experimenteller Elektronik, Songwriter-Pop und zeitgenössischem R&B und Hip-Hop. Er hat diese Verbindungen zusammen mit vielen anderen geprägt. Seine besondere Leistung liegt darin, eine ausgesprochen eigenwillige Klangsprache in große Popzusammenhänge einzubringen, ohne ihre Intimität vollständig aufzugeben.
Zum Abschluss von Say What You Will lässt Blake das Publikum mitsingen. Die Stimme, die zuvor so unverwechselbar allein im Raum stand, bekommt Gesellschaft. Das schafft irgendwie einen ganz besonderen Gemeinschaftsmoment. James Blakes neuer Abschnitt gewinnt an diesem Abend im Astra genau dort Kontur, wo ganz unaufgeregt aufregend einfach nur ein Musiker mit seiner Band und seinen Songs mit Menschen zusammenkommt, die zuhören.