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Schon im vergangenen Jahr haderten wir in dem Artikel „K-Pop und die Grammys: Es ist kompliziert“ mit dem größten Musikpreis der Welt. Kurz darauf konnte man immerhin vermelden, dass mit Golden aus dem Film KPop Demon Hunters zum allerersten Mal ein K-Pop-Song ausgezeichnet wurde – allerdings in der nicht wirklich prominenten Kategorie „Best Song For Visual Media“. Was im Grunde ein schlechter Witz ist, wenn man bedenkt, dass Golden viele Mitnominierte in den Grammy-Königsklassen in Grund und Boden gestreamt hatte.
Viele K-Pop-Fans sind aber schon länger schlecht zu sprechen auf diesen Branchenpreis. Der wird zwar überwiegend von Personen vergeben, die der US-Musikindustrie zuzurechnen sind, aber man rühmt sich bei den Grammys stets, das komplette Musikgeschehen abbilden zu wollen. Wenn man bedenkt, dass K-Pop in den USA in den letzten zehn Jahren einen regelrechten Triumphzug angetreten hat, ist es schon ein wenig verdächtig, dass vor Golden nicht einmal eine Auszeichnung zustande kam.
Grammy-verdächtiger K-Pop fürs Plattenregal:
K-Pop-Stars durften gerne spielen – aber nie gewinnen
Was viele den Grammys übelnehmen: Die Strahlkraft von K-Pop nahm man bei der Verleihung immer gerne mit. BTS spielten bei der 63. und 64. Grammy Awards Show, holten damit ein Millionenpublikum in die Live-Übertragungen und gingen trotzdem leer aus. Wobei man an dieser Stelle auch erwähnen sollte: Die Grammy Awards gelten auch mit Blick auf PoC- und Rap-Artists als problematisch. Die Formulierung „Grammys so white“ kursiert völlig zurecht seit Jahren, weil die Grammy-Preisträger:innen oft weit weniger divers waren als die Chart-Landschaften, die man ja angeblich abbilden will. Außerdem wurden oft popkulturelle Meilensteine aus dem Rap in „urbane“ Preiskategorien verschoben – selbst in den Jahren, in denen Rap kulturell und kommerziell die Welt regierte und das „Album Of The Year“ todsicher im Rap oder im Schwarzen R’n’B zu verorten war.
„Urbaner“ und „Latin“ Pop haben das gleiche Problem
Mit der Vorgeschichte ahnt ihr vielleicht schon, dass die Verkündung der Grammys, ab sofort die Kategorie „Best Asian Pop Music Performance“ einzurichten, nicht nur bedingungslosen Jubel unter den K-Pop-Fans auslöste. Zwar öffnet man nun ein Fenster, dass es vielleicht sogar ermöglicht, ein paar mehr K-, C- oder J-Pop-Bands ins US-Bewusstsein oder auf die Grammy-Bühne zu holen, aber letztendlich machen die Grammys nur das, was sie schon „Urban Pop“, „Latin Pop“ oder „World Music“ (allein das Wort schon!) angetan haben: Man schafft eine kleine Spielwiese und rühmt sich einer Weltoffenheit und einer Diversität, die diese Preise im Ganzen nie abgebildet haben – obwohl „urbane“ und „latin“ Musik und auch K-Pop in den letzten Jahren die US-Musiklandschaft maßgeblich geprägt haben.
Eine Chance, sich zu profilieren?
Die englischsprachige koreanische Zeitung Korea Times zitierte den Sprecher einer koreanischen Produktionsfirma unter der Zusicherung seiner Anonymität mit den Worten: „Da es nun endlich eine Kategorie gibt, in der K-Pop-Künstler:innen offiziell gewürdigt werden können, eröffnet dies weitaus mehr Künstler:innen als bisher die Möglichkeit, sich zu profilieren.“
Außerdem sagt er: „Im K-Pop bedeuten Auszeichnungen Sichtbarkeit, und je mehr K-Pop-Acts für Grammy-Nominierungen in Frage kommen, desto mehr Möglichkeiten werden sie haben, auf einer der größten Bühnen der Branche aufzutreten … Es ist eine Chance, die Präsenz von K-Pop in der globalen Musikindustrie zu stärken.“
Der CEO der Recording Academy, Harvey Mason Jr., sagte der Hauswebsite Grammy.com dazu: „Diese Veränderungen sind auf Anregungen unserer Musik-Community zurückzuführen, die uns mitteilte, dass sie mehr Möglichkeiten brauche, um verschiedene und neue Musikgenres zu feiern“, erklärte er. „Asiatische Popmusik ist eine der bedeutendsten und beständigsten Kräfte in der globalen Musikindustrie. Ihr Einfluss ist fest etabliert, und sie wächst weiter und prägt die Musikkultur auf der ganzen Welt.“
Koranische Musikjournalist:innen bleiben skeptisch
Die koreanische Musikkritiker Jung Min-jae sieht das ein wenig anders. Er sagte in einem Interview: „Der Einfluss von K-Pop und anderer asiatischer Musik nimmt in Nordamerika stetig zu, und der Versuch, auch J-Pop und C-Pop einzubeziehen, scheint zu dieser Praxis geführt zu haben, alles unter dem Begriff ‚asiatisch‘ zusammenzufassen. Dennoch lässt die Zusammenfassung der Musik asiatischer Länder, die nicht viel gemeinsam haben, Raum für Kritik … Ich denke, wir müssen abwarten und sehen, wie sich das im nächsten Jahr entwickelt.“
Gelöst ist also erst einmal gar nichts. Wobei eine passende Antwort auf die berechtigte Kritik aus den Fanlagern von Rap, Latin und K-Pop eh nicht in einer neuen Kategorie zu finden ist. Entscheidend ist, ob sich K-Pop in den Hauptkategorien findet. Wird die Recording Academy den Erfolg von Arirang anerkennen? Werden sie der Tatsache Rechnung tragen, dass die BTS-Welttournee auf einem guten Weg ist, sogar die Eras Tour von Taylor in Sachen Gewinn zu schlagen? Bildet man endlich ab, dass die Stray Kids in den US-Billboard-Charts einen Rekord aufgestellt haben, den vorher nur die Beatles, die Rolling Stones und nicht mal BTS geschafft hatten? Sieht man, dass Cortis definitiv eine der spannendsten neuen Bands des letzten Jahres sind? Und würdigt man vielleicht endlich den Impact von Blackpinks Jennie mit ihrem Album Ruby und ihrem ikonischen Dracula-Part? Und vor allem: Holen sich die Grammys wieder K-Pop-Superstars auf die Bühne, damit die Streamingzahlen stimmen und schicken sie ohne Preis nach Hause? Das alles gilt es noch abzuwarten, bis wir wissen, ob die alte Idee einer neuen Kategorie wirklich etwas bewirkt hat.