BOUNDARIES
Foto: Sarah Holick

Interview mit BOUNDARIES: „Ich habe versucht zu schreiben, wenn es mir gut geht, aber es klappt einfach nicht“

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Im Gespräch mit BOUNDARIES-Sänger Matthew McDougal bei Rock am Ring wird schnell klar: Diese Band schreibt keine Songs, um Schmerz ästhetisch hübsch zu verpacken. Sie schreibt Songs, weil manche Dinge anders nicht aus dem Körper kommen. Über Metalcore als Zufluchtsort, geteilte Traumata, die Kraft einer Szene und das neue Album Yearning: The unbeautiful after.

Metalcore war nie nur ein Genre. Natürlich kann man über Breakdowns reden, über Doublebass, Riffs, Two-Step und so weiter. Aber: Metalcore ist auch immer ein Ort für Menschen, die mit etwas herumlaufen, das sie allein nicht gut tragen können.

BOUNDARIES verstehen das vielleicht besser als viele andere Bands ihrer Generation. Die Band aus Connecticut klingt nicht nach Eskapismus, sondern nach Konfrontation. Ihre Songs sind keine Flucht vor Schmerz, sie sind der direkte Weg hinein. Das funktioniert gerade weil es unangenehm, brutal und oft überwältigend ist. BOUNDARIES transportieren dabei nicht nur Aggression, sondern auch Scham, Trauer, Wut, Überforderung und dieses schwer greifbare Gefühl, sich selbst mit sich nicht ganz sicher zu sein.

„Ich nehme einen Monat lang meine Medikamente nicht. Ich werde voll auf ‘Doom’ gehen. Ich werde mein Gehirn einfach loslaufen lassen, weil ich das Gefühl habe, dass ich dann erst all den Lärm und den Schnickschnack hinter mir lassen kann. Dann komme ich zu Dingen, die mir wahr erscheinen und für mich Sinn ergeben.“

Im Interview spricht Sänger Matthew McDougal offen darüber, wie tief seine Texte mit seinem eigenen Innenleben verbunden sind. Er schreibt ständig, sagt er. Journals, Notizen, einzelne Zeilen. Bevor ein Song überhaupt existiert, gibt es bei ihm bereits ein ganzes Archiv aus Gedanken. Erst später werden diese Fragmente mit der Musik zusammengeführt. Entscheidend ist dann, was der Song verlangt: Ein Stück, das nur aus Härte, Breakdowns und Fight-Riffs besteht, braucht für ihn eine andere Art Text als ein Song, der mehr Raum lässt. Nicht jedes Thema passt in jede musikalische Form. 

Genau darin liegt eine der Besonderheiten von BOUNDARIES: Die Band versteht Schwere nicht eindimensional. Es geht nicht nur darum, möglichst brutal zu klingen. Es geht darum, die richtige Form für ein Gefühl zu finden.

Metalcore als gemeinsames Nervensystem

Wer sich ein bisschen in der Szene auskennt, weiß: Sie hat ihre Widersprüche, ihre Probleme, ihre Gatekeeper und ihre dunklen Ecken, aber im besten Fall ermöglicht sie Fans einen Raum, in dem extreme Gefühle nicht pathologisiert oder weggelächelt werden, sondern einfach da sein dürfen.

Für viele Fans ist genau das der Punkt. Metalcore bietet keine einfache Lösung für mentale Krisen, Traumata oder innere Leere. Kein Tanzen, Drüberlächeln, Wegwischen. Aber er schafft einen Moment, in dem diese Dinge nicht mehr isoliert wirken. Man steht in einem Raum voller Fremder und merkt: Ich bin nicht die einzige Person, die so fühlt.

Matthew erzählt im Interview von einer ähnlichen Erfahrung mit der Band Senses Fail. Die Lyrics eines bestimmten Songs hätten damals seinen ganzen Horizont erweitert: Da war ein Mann, den er nie getroffen hatte, mit einem komplett anderen Leben – und trotzdem landeten beide an einem ähnlichen emotionalen Punkt. Die Umstände waren andere, das Gefühl war dasselbe. Genau darin sieht McDougal etwas Besonderes: Man kennt sich nicht, vielleicht wird man niemals aufeinander treffen, aber für einen Moment gibt es etwas Gemeinsames, das echt und authentisch ist. 

BOUNDARIES bauen ihre Musik genau um diesen Moment herum. Ihre Songs sind keine distanzierten Beobachtungen von Schmerz. Sie sind noch mittendrin entstanden. Manchmal fast zu mittendrin. McDougal beschreibt den Schreibprozess für das neue Album als hart, stressig und emotional auslaugend. Nach zwei Touren am Stück ging die Band ins Studio, ohne die Menge an vorbereitetem Material zu haben, mit der er sich wohlgefühlt hätte. Ein paar Demos waren da, mehr nicht. Der Rest musste unter Druck entstehen.

Für manche Künstler:innen wäre das ein Albtraum. Für McDougal ist es offenbar beides: Albtraum und Motor. Er sagt, dass Stress und Druck ihn in einen Zustand bringen, in dem die Zahnräder anfangen zu greifen. Wenn alle Zeit der Welt da wäre, würde er es aufschieben. Für ihn gilt: Wenn die Wände näher kommen, kann er am besten arbeiten.

McDougal spricht offen darüber, wie zerstörerisch sich dieser Weg anfühlen kann: Im Schreibprozess des Albums gab es Tage, an denen er allein im Hotel zurück blieb, traurige Filme schaute, las, sich mental an einen Ort brachte, von dem aus er dann etwas Echtes entstehen lassen konnte. Es gibt Tage, an denen die anderen aus dem Studio zurückkommen, voller Energie, während er selbst völlig erschöpft ist, weil er emotional an Stellen gegraben hat, die wehtun. Diese Offenheit ist stark, aber sie ist auch eine Erinnerung daran, dass Kunst und Selbstschutz manchmal gefährlich nah beieinanderliegen.

Yearning: The unbeautiful after – Sehnsucht mit Kante

Das neue Album Yearning: The unbeautiful after wirkt schon jetzt wie ein konsequenter nächster Schritt für BOUNDARIES. Nach Death Is Little More scheint die Band nicht glatter, sondern noch entschlossener zu werden. Der Titel allein trägt bereits diese typische BOUNDARIES-Spannung in sich: Sehnsucht, aber nicht als schöner Zustand. Keine Romantik, sondern etwas, das Konsequenzen hat. Was willst du? Was gibst du dafür auf? Wohin führt dich das, woran du dich bindest?

Die bisherigen Singles zeichnen ein klares Bild. Skies cast amber black setzt den Ton mit jener unnachgiebigen Schwere, die BOUNDARIES so kompromisslos macht: Riffs wie Betonplatten, Vocals wie ein Nervenzusammenbruch. Death will follow me klingt schon im Titel nach Verfolgung, nach etwas, das man nicht abschüttelt. Und dann ist da May this pain never leave, ein Song, der Trauer nicht als etwas beschreibt, das möglichst schnell verschwinden soll, sondern als Gewicht, das auch Bedeutung trägt.

„Es ist ein echter Gewinn, mit anderen Menschen zusammen zu sein und zu denken: Wir kennen einander nicht so gut. Aber zwischen dir und mir gibt es etwas, das einfach immer wahr bleiben wird.“

Gerade dieser Gedanke ist zentral für BOUNDARIES. Schmerz ist bei ihnen nicht automatisch etwas, das ausgelöscht werden muss. Manchmal ist er auch ein Beweis dafür, dass etwas wichtig war. Das macht ihre Musik so tröstlich. Die Message ist nicht „Alles wird gut“, sondern vielmehr „Es ist gerade gar nicht gut, aber du bist damit nicht allein.“

Musikalisch bleiben BOUNDARIES dabei eine Band, die Metalcore wieder gefährlich klingen lässt, mit einer Dringlichkeit, die dem Genre oft dann am meisten fehlt, wenn es zu perfekt produziert und zu poliert klingt. Die Band setzt auf Kanten. Auf Brüche. Auf Songs, die mit der Tür ins Haus fallen. Gleichzeitig zeigt das neue Material, dass sie Dynamik ernst nehmen. Zwischen den brutalsten Momenten eröffnen sie Räume zum Luftholen und kurz mal Reinfühlen.

Das ist moderner Metalcore, der seine Wurzeln nicht verleugnet. Gleichzeitig wirken BOUNDARIES nicht wie eine Band, die alte Blaupausen abarbeitet. Sie klingen, als würden sie das Genre wieder an seinen Kern erinnern: Diese Musik soll etwas auslösen. 

Warum die Szene solche Bands braucht

Die Szene war schon immer ein Sammelbecken für Menschen, die mit Intensität umgehen können, weil ihr eigenes Innenleben intensiv ist. Viele Fans kommen nicht zu dieser Musik, weil sie „aggressive Musik“ hören wollen. Vielmehr geht es darum, verstanden zu werden, Gleichgesinnte zu finden und Frustration gemeinsam aushalten zu lernen. 

McDougal bringt das im Gespräch auf den Punkt, ohne es theoretisch auszubreiten. Er begann zu schreiben, weil er über Dinge sprechen musste, die er anders nicht ausdrücken konnte. Wenn er sich gut, verstanden und stabil fühlt, fehlt ihm nach eigener Aussage manchmal der Treibstoff. Die Songs entstehen aus dem Bedürfnis, tiefer zu graben, neue Teile von sich selbst freizulegen, Dinge auszusprechen, für die es im Alltag keinen Platz gibt.

„Senses Fail war eine Band, bei der sich, als ich einen bestimmten Songtext zum ersten Mal hörte, mein Horizont unglaublich weitete – durch die Erkenntnis, dass ein Mann, den ich nie getroffen hatte und der ein ganz anderes Leben führte als ich, genau das Gleiche durchmachte wie ich, und zwar unter ganz anderen Umständen.“

Und genau damit können sich viele Fans identifizieren, selbst wenn nicht jede Person exakt dieselbe Geschichte erlebt hat. Traumata sind nicht vergleichbar. Depression, Verlust, Angst, Selbsthass, Wut – jede:r hat da seine eigene Geschichte.. Aber Musik kann einen gemeinsamen Nenner schaffen. 

Und genau dieser gemeinsame Nenner wird besonders bei Live-Shows spürbar. Matthew erzählt von einem Videodreh in der Heimat der Band, bei dem Fans über eine Einladungsliste zu einer Art Pseudo-Show kamen. Die Band spielte den Song mehrfach für das Video. Damit die Fans aber nicht nur für den Dreh anreisten, spielten BOUNDARIES noch ein komplettes Set. Für Matthew war das euphorisch: in die Augen der Menschen zu schauen und das Gefühl zu haben, dass alle es verstehen und mit ihm diesen Moment teilen. 

Härte als Form von Nähe

In den Songs von BOUNDARIES geht’s ordentlich rund: Kreischende Gitarren, krasse Vocals, treibende Drums. Yearning: The unbeautiful after dürfte eines der härtesten Statements des Metalcore-Jahres werden. Aber das wirklich Interessante ist nicht die Härte. 

Diese Band nutzt diese Härte, um an Stellen zu gelangen, an denen andere Genres vielleicht abprallen würden. Sie lässt Gefühle ganz roh nebeneinander existieren: zerstörerisch und verbindend, erschöpfend und befreiend, persönlich und kollektiv.

Das neue Album wirkt dadurch wie ein Dokument einer Band, die sich selbst keine einfachen Auswege erlaubt, sondern Fragen aufwirft, wie: Was bleibt nach der Sehnsucht? Was liegt hinter dem Ziel, das man unbedingt erreichen musste? Und was passiert, wenn man merkt, dass Schmerz nicht nur Hindernis ist, sondern Teil der eigenen Geschichte?

Für BOUNDARIES scheint die Antwort in der Musik zu liegen. Nicht als Heilung oder Therapieersatz. Sondern als Ort, an dem etwas ausgesprochen werden kann, um es dann mit Gleichgesinnten zu teilen. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum Metalcore so vielen Menschen weiterhin so viel bedeutet.

Am Ende bleibt von diesem Gespräch vor allem folgendes Gefühl: BOUNDARIES machen Musik für Menschen, die etwas mit sich herumtragen. Für Menschen, die wissen, dass Schmerz nicht immer verschwindet, auch wenn man genau weiß, wo er herkommt. Und am wichtigsten bleibt: Es geht nicht darum, dass alles gut wird. Sondern darum, dass man es nicht allein aushalten muss

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