Gracie Abrams
Foto: Universal Music

Review: „Daughter From Hell“ zeigt Gracie Abrams von ihrer dunkelsten Seite

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Auf ihrem dritten Album Daughter From Hell biegt Gracie Abrams von ihrem Pfad ab und schlägt den Weg in den düsteren Sumpf ihrer eigenen Abgründe ein. Das beschert uns ein Album, das die Melancholie von Taylor Swifts Folk-Platten mit der Americana-Dunkelheit von Ethel Cain verwebt.

Es gibt genug Dunkelheit da draußen für uns alle. Ist natürlich noch lange kein Grund, ihr auch zu verfallen, doch für Gracie Abrams gab es diesmal offenbar keinen anderen Weg. Nachdem sie mit ihren zwei ersten Alben Good Riddance und The Secret Of Us zum Popstar wurde und mit Taylor Swift und Olivia Rodrigo tourte, biegt sie am Scheideweg ihrer Karriere in die Schatten ab. Daughter From Hell ist aber nicht nur deswegen so beeindruckend, weil es in die deutlich weniger erwartete Richtung abbiegt. Sondern weil sie in den wogenden Moll-Stürmen dieses neuen Sounds, in den schleppenden Beats und verhallenden Southern-Gothic-Melodien erstmals zu ihrer ganzen Größe findet.

Daughter From Hell von Gracie Abrams im Circle Store:

Wieso darf sie kein Sad Girl sein?

Dafür sorgt natürlich auch wieder Berufsmelancholiker Aaron Dessner, der mit The National den gesamten Kosmos der amerikanischen Traurigkeit vermessen hat. Er hat das Album mit ihr produziert und geschrieben, Unterstützung gab es zudem von Aarons Bruder Bryce Dessner, Justin Vernon und Marcus Mumford. Schon diese Kuration zeigt, dass Gracie Abrams keine große Pop-Platte schreiben wollte. Sondern ein Album, das wie ein Sturz in ihr Innenleben ist.

Es wird ihr dennoch schwerfallen, es der Welt da draußen recht zu machen. Seit sie vor rund fünf Jahren mit ihren ersten Songs auf sich aufmerksam machte, musste sie sich den Vorwurf gefallen lassen, ein „Nepo-Baby“ zu sein, eine verwöhnte junge Frau, die gern das Sad Girl gibt, aber mit einem reichen Vater wie J.J. Abrams gar nicht das Recht hat, traurig zu sein. Bullshit natürlich. Aber so tickt das Internet.

Eine Jugend in Los Angeles

Gracie Abrams geht konfrontativ damit um, gibt ihrem Album den provokanten Titel Daughter From Hell und ignoriert das weiße Rauschen der ach so sozialen Medien. Stattdessen schreibt sie ein schmerzhaft schönes Album, das wunderschöne Klavierballaden wie The Knife mit mitreißenden Singles wie Look At My Life zusammenbringt. Das klingt mal wie Taylor Swifts Folklore-Phase, mal wie Mazzy Star, im Titeltrack hingegen wie eine Southern-Gothic-Elegie von Ethel Cain. Oder ebn ein Konglomerat großer Künstlerinnen, die sie auf ihre Weise ehrt.

Abrams singt von Geistern, imaginären Freunden, verstummenden Motoren und möglichen Zugkollisionen. Ein wenig ominös ist das alles, mehr als ein wenig düster und wunderbar abgründig. Vor allem aber klingt das alles echt. Aus der Seele geschnitten und auf ein Album gebannt. Nicht, dass sie davor unglaubwürdig, unauthentisch wirkte. Es hat einfach den Anschein, dass dieser folkig-melancholische Americana-Ausdruck ihr Seelenleben am besten einfängt.

Im Zentrum des Albums steht ihr Aufwachsen, ihre Jugend in Los Angeles und die schwierige Person, die sie eigenen Angaben zufolge als Teenagerin war. „Ich bin oft heimlich abgehauen. Ich glaube, ich habe mich manchmal in Situationen gebracht, die nicht sicher waren“, so erklärt sie den Titel. Wenn man ein junges Kind ist, vor allem wenn man in Los Angeles aufwächst, hat man vielleicht schon früh Zugang zu Dingen, bei denen ich – wenn ich mich in die Lage meiner Eltern versetzen würde – manchmal auch verdammt Angst hätte, weißt du? Ich habe einfach viel gelogen.“

Opulente Dunkelheit

Nach den Bedroom-Pop-Stücken ihrer früheren Werke wagt Gracie Abrams auch in Sachen Arrangements eine Abkehr vom gewohnten Erfolgsrezept. Und wird mit einem großen, opulenten, eleganten und ultimativ auch reiferen (blödes Wort, dennoch) Sound belohnt. So viele verzerrte Gitarren und Schichten gab es bei ihr zumindest noch nie. Und nach den beiden Vorgängern war das eine Häutung, die ebenso nötig wie gelungen ist. Als wüsste sie, dass sie dazu auch ein wenig mehr singen und weniger hauchen muss, legt sie am Mikrofon ordentlich zu und liefert ihre bislang beste Gesangsleistung.

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