Palaye Royale im Interview: „Bei der Show geht es genauso sehr um das Publikum wie um uns“

Palaye Royale
Foto: Promo
Bitte Zählermarke einfügen

Es gibt Bands, die schreiben Songs für Streamingplattformen. Und es gibt Palaye Royale. Musikalisch bewegen sie sich zwischen Alternative Rock, theatralischem Alt-Pop und rauem, von Glam, Art-Punk und Britpop beeinflusstem Gitarrenrock. Die Band selbst bezeichnet diesen Mix als „Fashion-Art Rock“ – ein Begriff, der gut beschreibt, wie eng Sound, visuelle Ästhetik und Inszenierung hier miteinander verbunden sind. Ihre Songs wechseln zwischen düsteren, kantigen Momenten und großen, hymnischen Refrains, wirken dabei aber fast immer so, als wären sie bereits mit Blick auf die Bühne entstanden.

Auch in ihrer Diskografie lässt sich diese Entwicklung nachvollziehen: Auf Boom Boom Room (Side A) von 2016 und Side B von 2018 folgten das deutlich düsterere The Bastards von 2020 und das opulente Fever Dream von 2022. Das bislang jüngste Studioalbum Death or Glory erschien im August 2024 und führt den Sound der Band wieder stärker in Richtung unmittelbarer, kompakter Rocksongs. Stücke wie ShowbizJust My Type und Ache in My Heart verbinden Glam-Rock-Gesten und große Refrains mit jener Energie, die Palaye Royale vor allem auf der Bühne auszeichnet.

Ideen geschrieben für die Bühne

Bei den drei Brüdern Remington Leith, Sebastian Danzig und Emerson Barrett scheint jeder kreative Impuls unweigerlich auf einer Bühne zu enden, immer irgendwo zwischen Moshpit, Wellenbrecher und Festival-Sonnenuntergang. Wer die Band einmal live gesehen hat, weiß: Das ist eine Ganzkörpererfahrung.

Dass Palaye Royale inzwischen weltweit große Hallen und Festivalbühnen bespielen, ist dabei fast ironisch. Denn die Band musste sich ihre Größe erst erarbeiten – auch, indem sie ihre eigenen Visionen zeitweise zurück schraubte. Rückblickend erzählen sie, dass ihre ersten Shows fast schon überambitioniert waren. „Als wir diese Band gegründet haben, hatten wir immer (...) Live-Streicher und Gospelsänger:innen und so weiter am Start“, erinnert sich Emerson. Sebastian ergänzt: „Wir traten im Viper Room mit etwa 12 Leuten auf.“

Die Realität des Touralltags machte diesem ambitionierten Set-Up zunächst einen Strich durch die Rechnung. „Wir hatten im Grunde einen Produzenten, der einfach sagte: ‘Wenn ihr als Tournee-Band auftreten wollt, könnt ihr keine Streicher und Gospelsänger:innen auf der Bühne haben, denn ihr bekommt nur fünf Dollar pro Auftritt und das könnt ihr euch nicht leisten.’“ Also reduzierte die Band ihren Sound – nicht aus künstlerischer Überzeugung, sondern aus Notwendigkeit.

Mit dem neuen Album schließt sich der Kreis

„Zum ersten Mal seit längerer Zeit verwenden wir wieder echte Streicher“, erzählt Sebastian. Die Möglichkeiten seien heute schlicht andere als noch zu Beginn ihrer Karriere. „Wir haben all die Jahre wirklich den Gürtel enger geschnallt. Aber jetzt kommen wir endlich an einen Punkt, an dem wir uns auf der Produktionsseite mehr leisten können.“ Für das kommende Material durfte deshalb wieder größer gedacht werden. Und Remington blickt schon weiter: „Ich würde super gerne riesige Hörner in den Mix integrieren.“

Diese Mischung aus Ambitionen und Pragmatismus zieht sich durch die gesamte Bandgeschichte. Palaye Royale denken nie in Genres, sondern in Atmosphären. Songs entstehen dabei selten nach einem festen Schema. „Es kann mit einer Klaviermelodie oder einer Phrasierung beginnen“, sagt Emerson. „Wir probieren es einfach aus. Wir bauen es wie eine Sandburg und haben dabei jede Menge Spaß.“

Anstatt sich dauerhaft gemeinsam im Studio einzuschließen, treffen sich die Brüder heute gezielt zum Schreiben. „Wir mieten einfach Airbnbs“, erzählt Sebastian. „Wir schließen uns mit unserem Produzenten ein und … dann kehrt die Magie zurück.“

Die Inspiration hält sich ohnehin nicht an Arbeitszeiten. Remington lacht über die absurden Momente, in denen ihm Ideen kommen. „Ich kann gerade mitten in einem Film im Kino sitzen und dann denke ich ‘Alles klar, ich hab eine weirde Idee!’“ Die wird dann als Voicememo festgehalten. Noch absurder werde es nachts: „Immer wenn ich mitten im Traum bin und mir ein Hit im Kopf herumgeht, zwinge ich mich, aufzuwachen und die Melodie aufzunehmen.“ Das Ergebnis am nächsten Morgen? Manchmal Ernüchterung: „Das ist so schlecht.“

Trotz aller Spontaneität kennt die Band ihre kreativen Grenzen erstaunlich genau. Sebastian beschreibt, wie wichtig es sei, Songs loslassen zu können. „Sobald wir merken, dass die Songs durch Meinungen von außen beeinflusst werden, geht die Reinheit der Musik verloren.“ Manchmal entstehen die besten Stücke gerade dann, wenn keine Zeit mehr zum Nachdenken bleibe. Über einen Song des bevorstehenden Albums erzählt er, dass sie das Demo eine Stunde vor Abfahrt aufgenommen hatten, als Versuch, quasi. Der war dann so erfolgreich, dass es jetzt einer seiner Lieblingssongs auf der kommenden Platte ist. Und Loslassen war dann ganz einfach. Die meiste Zeit geht tatsächlich fürs Mixing drauf. 

Perfektion bedeutet für Palaye Royale ohnehin etwas anderes als Fehlerfreiheit. Vielmehr geht es um den Live-Moment und das pure Erleben der Musik. Gerade bei den Texten gilt allerdings ein kompromissloser Anspruch. „Jedes Wort muss eine Bedeutung haben, sonst macht es doch keinen Sinn“, sagt Remington. Musik sei letztlich nichts anderes als die eigene Sicht auf die Welt. „Ehrlichkeit ist das Wichtigste beim Schreiben“

Dieser Gedanke endet nicht im Studio – sondern beginnt dort erst richtig

Palaye Royale definieren sich über den Live-Moment. Sebastian bringt es auf den Punkt: „Wir lieben es, zu entertainen.“ Die Energie zwischen Bühne und Publikum sei dabei keine Einbahnstraße. „Wir lieben es, wenn das Publikum ausflippt, denn dann flippen wir noch mehr aus.“ Deshalb endet ihre Show auch selten auf der Bühne. „Er ist neunzig Prozent der Show in der Crowd“, sagt Sebastian über Remington. Emerson steht bereits beim ersten Song auf dem Wellenbrecher. Die Distanz zwischen Publikum und Band soll möglichst verschwinden. „Bei der Show geht es genauso sehr um sie wie um uns.“

Genau deshalb interessiert Palaye Royale auch nicht die perfekte Reproduktion eines Albums. „Die Leute wollen nicht nur die Platte hören“, sagt Sebastian. „Sie könnten genauso gut nach Hause gehen und sich die Platte anhören.“Remington sieht das ähnlich: „ Es wird wahrscheinlich nicht perfekt klingen, aber man wird Spaß dabei haben. Ich glaube, das ist das Wichtigste.“

Diese Haltung beeinflusst inzwischen sogar das Songwriting. Während frühe Stücke noch im Proberaum entstanden und ganz selbstverständlich auf Live-Energie ausgelegt waren, verlor sich dieser Fokus zeitweise im klassischen Studioalltag. „Man macht Songs und sie klingen großartig im Studio“, erzählt Sebastian. „Aber dann spielt man sie live und denkt sich: ‘Oh, da bewegt sich ja gar niemand.’“

Heute wird deshalb schon beim Schreiben mitgedacht, wie sich ein Song vor tausenden Menschen anfühlen wird. Remington beschreibt sogar, wie er beim Hören neuer Songs automatisch in Bewegung kommt. Sein Fitnessring registrierte dabei unfreiwillig eine Stunde körperliche Aktivität. Für ihn ist das ein gutes Zeichen. „Das möchte ich im Publikum spüren.“

Noch wichtiger sind allerdings diese seltenen Momente, in denen Musik bereits beim Schreiben Bilder erzeugt. „Ich bekomme Gänsehaut und kann mir vorstellen, wie die Fans auf dem Festival eine bestimmte Stelle mitsingen“, sagt Remington. „Genau so schreibe ich am liebsten.“

Vielleicht erklärt genau das, warum Palaye Royale auf Festivals wie Rock am Ring so selbstverständlich funktionieren. Ihre Songs entstehen längst nicht mehr nur für Kopfhörer, sondern für große Gesten, offene Arme und Zehntausende Stimmen.

Und Sebastian denkt ohnehin schon weiter. Über den Opener des nächsten Albums sagt er nur so viel: „Es ist so befreiend, dass es sich anfühlt wie auf der Hauptbühne in Glastonbury.“

Dann lacht er kurz – und formuliert direkt die nächste Vision. „Wir werden auf der Hauptbühne bei Rock am Ring spielen… watch me. Wir manifestieren das einfach.“


Wir haben daran keinen Zweifel und freuen uns schon jetzt auf das Set. 

Weiter stöbern im Circle Mag:

Dein daily News-Update im Circle Mag

Bleib stets up-to-date in Sachen Musik und Popkultur mit unseren täglichen News, Reviews und Features. Viel Spaß beim Stöbern!

Dein neues Zuhause für All Things Vinyl

Von Rock über Pop bis zu Hip-Hop und Jazz – bei uns gibt's alles für dein Plattenregal.