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The Afghan Whigs im Interview: „Nicht alle deine Songs sind gut – du musst sie trotzdem schreiben“
Vierzig Jahre The Afghan Whigs, zehn Alben. Das zehnte, Self Control, kam später als geplant. Weil Greg Dulli auf einen Song wartete, von dem er nicht wusste, welcher es sein würde. Es wurde Loose Talk – als Letztes geschrieben, als Letztes aufgenommen. Damit war Soft Control fertig. Wir baten Dulli zum Gespräch über das neue Album und das runde Bandjubiläum.
Greg, ich würde gern mit Loose Talk anfangen. Du hast gesagt, das sei der Song gewesen, nach dem du gesucht hast.
Es war der Song, der mir gesagt hat, dass das Album fertig ist. Es war das letzte Stück. Als Letztes geschrieben, als Letztes aufgenommen. Als ich diesen Song hatte, wusste ich, dass die Platte fertig ist.
Wie fühlt man so etwas? Hättest du ohne diesen Song weitergearbeitet?
Klar. Ich arbeite an Dingen, bis ich weiß, dass sie fertig sind. Die Platte habe ich vier Monate zu spät abgegeben. Ich hatte gehofft, sie käme im März oder April heraus, aber ich habe sie nicht rechtzeitig fertig bekommen, weil ich gewartet habe. Mir fehlte ein bestimmter Song. Ich wusste nicht, welcher das sein würde, bis ich ihn gehört habe. Dann habe ich ihn gehört und wusste: fertig.
The Afghan Whigs im Circle Store:
War das eine Erleichterung?
Erleichterung nicht unbedingt, eher Freude, ein Gefühl von Vollendung. Man weiß einfach, dass man durch ist. Wie beim Kochen: Du machst das Essen, richtest es an, stellst es den Leuten hin, und jetzt wird gegessen.
Zehn Songs, 37 Minuten. Nicht besonders lang.
Ja, genau. Ich mag keine langen Platten. Für mich ist das die perfekte Länge. Alles über 40 Minuten ist mir zu viel. Ich mag Platten, die kurzen Prozess machen.
Du sagtest, du warst vier Monate hinter deinem eigenen Zeitplan. Wie war die Arbeit im Studio?
Ich nehme ständig auf. Das läuft praktisch durchgehend. Gestern war ich noch im Studio. Ich gehe rein, probiere herum, suche nach etwas. Wenn ich in einen Raum voller Instrumente komme, schreibe ich einen Song. Sich in diese Umgebung zu bringen, ist deshalb das Entscheidende.
Also fällt dir der Einstieg leicht.
Sehr leicht. Wie gesagt: Ein Raum voller Instrumente, und ich fange an, etwas zu machen. Das ist einfach etwas, das ich immer tue. Ein Maler geht in ein Atelier, da stehen Farben, Staffeleien, Leinwände – der fängt auch einfach an. Sobald ich ein Studio betrete, entsteht etwas. Ich weiß nicht, was. Ich weiß nicht, ob es auf eine Platte kommt. Es ist erst mal nur Erkunden. Und wenn ich dann vier oder fünf Songs habe, die mir wirklich gefallen, fange ich an zu denken, dass daraus ein Album werden könnte. Dann reagiere ich auf diese vier, fünf Songs und baue den Charakter der Platte auf.
Hast du ein eigenes Studio?
Nein. Mein Gitarrist hat eines in Joshua Tree, mein Bandkollege Rick eines in New Orleans. Und weil ich zwischen Kalifornien und New Orleans lebe, benutze ich diese beiden am meisten.
Und wie geht es von den ersten Songs bis zur fertigen Platte weiter?
Wenn ich vier habe, die mir gefallen, habe ich schon entschieden, dass diese vier vermutlich das Fundament sind. Ich habe gerade jetzt vier Songs, die auf die nächste Platte kommen. Es sei denn, es kommt etwas wirklich Gutes und kickt einen raus – das passiert auch. Ich baue weiter, bis ich die Songs habe, die ich für genau diese Platte will. Ich habe ein paar gute Songs geschrieben, die nicht draufgekommen sind, weil sie nicht zur Stimmung der Platte gepasst haben. Die klangen anders. Sie sind gut, ich werde sie mir später noch mal vornehmen. Aber um dahin zu kommen, wo ich hinwollte, musste ich wissen, welche zehn Songs es schaffen. Ich hatte neun. Dann kam Loose Talk, und ich wusste, das ist Nummer zehn.
Welcher war der erste Song für diese Platte?
Der erste war My Lover. Der zweite A Simulation. Dann Jungle Roux, glaube ich, als dritter. Danach wird es unscharf. 77 ist auch ein früher. Das sind die Frühen. Die letzten beiden waren Memphis, Texas und Loose Talk. Dazwischen liegen Duvateen, Deepest Part und House of I – das sind die mittleren.
Haben diese ersten vier eine gemeinsame Richtung, an der du dich orientierst?
Ich setze mich mit ihnen hin und höre sie mir im Auto an. Klingen sie zusammen gut oder klingen sie seltsam? Man trägt ja auch kein gelbes Hemd zur roten Hose. So ungefähr. Man denkt: Dich mag ich, aber nicht hier. Man sucht die raus, die man wirklich mag, baut mit denen weiter und sammelt unterwegs Sachen ein.
Lässt du in dieser Phase andere mithören? Freunde, enge Vertraute?
Wer nicht mitspielt oder mitaufnimmt, hört das in der Regel nicht. Vielleicht spiele ich es jemandem vor, wenn es beim Mix angekommen und fertig ist. Meinen Freunden spiele ich es dann natürlich vor.
Reden wir über Duvateen. Der Song ging ursprünglich in eine andere Richtung und hieß Stone's Throw.
Er hieß Stone's Throw, weil er klang wie ein Stück von Exile On Main Street. Sehr nach einem Keith-Richards-Riff. Ich hatte die Gesangsmelodie, die man jetzt hört, schon darübergesungen, aber es funktionierte einfach nicht. Dann habe ich es aufs Klavier verlegt, und da funktionierte es. Ab da wurde der Song zu dem, was er ist. Dann kam mir das Gitarrenriff, und ich habe beide Teile zusammengeführt. Es ist eines meiner liebsten Stücke, die ich je gemacht habe.
Überraschst du dich im Studio noch selbst?
Absolut. Das ist die Magie. Wenn etwas passiert und du wieder Kind sein kannst – es fasziniert dich, es versetzt dich in Staunen, und es kommt aus dir selbst. Das ist das beste Gefühl. Eines der besten, die man als Künstler haben kann. Das würde dir jeder Künstler so sagen.
Gab es solche Momente auch bei anderen Songs der Platte?
Bei allen. Jeder hatte seinen besonderen Moment. Ich weiß noch, wie wir auf das Eröffnungsriff von Jungle Roux kamen – das war aufregend. Ich habe es wieder und wieder gehört, bis ich angefangen habe, den Gesang darüber zu bauen. Und House of I, als wir damit anfingen, war sofort da. Ging sehr schnell, sehr aufregend. Der Song wollte ein Song sein. Wenn Songs dir helfen, heißt das: Sie wollen geboren werden. Deswegen steht man morgens auf. Ich habe damit als Teenager angefangen, und ich habe es geliebt, und ich bin kein Teenager mehr und liebe es immer noch. Da stehe ich.
Und wenn es nicht funktioniert? Hast du eine Strategie für die schlechten Studiotage?
Ja: Trink was. Geh Basketball spielen. Geh spazieren, koch was, mach irgendwas völlig anderes. Bring Abstand rein. Aber ich sage dir was: Nicht alle deine Songs sind gut. Du musst sie trotzdem schreiben, um zu wissen, dass sie nicht so gut sind wie der eine. Deshalb nimmst du 20 Songs auf und wählst zehn. Vielleicht waren drei von denen, die es nicht geschafft haben, gut. Vielleicht waren die anderen sieben eher so lala. Aber ich habe sie gemacht, und das gehört dazu.
Machst du einen Song trotzdem fertig, wenn du schon weißt, dass er nicht auf die Platte kommt?
Nicht immer. Wenn mir klar wird, dass er mich nur noch mäßig interessiert, stecke ich nicht mehr viel rein. Ich gebe ihm, was ich ihm geben kann. Manchmal ist es einfach: Der führt zu nichts. Ich mochte ihn zehn Minuten lang und jetzt nicht mehr. Das ist kein gutes Zeichen für irgendetwas, das halten soll – einen Song, eine Beziehung, was auch immer. Wenn du kein gutes Gefühl dabei hast, sag einfach: Ich habe es mit dir versucht, es hat nicht geklappt, weiter. Vielleicht mochte ich einen Teil von dir und benutze den woanders.
Hörst du eigentlich deine alten Platten?
Eigentlich nicht. Doch, halt, das stimmt so nicht: vor Touren. Manche Sachen muss ich nicht hören, ich weiß, wie sie gehen. Aber es gab Songs, bei denen ich mir die 30, 35 Jahre alte Aufnahme noch mal anhören musste, weil ich dachte: Wie ging das noch? Und es war schön. Es hat mir gefallen. Wenn ich Songs von damals singe, ist es, als würde ich mit einer jüngeren Version von mir abhängen. Du darfst noch mal 23 sein. Noch mal 35. Das sind Momente deines Lebens. Es gibt zehn Whigs-Alben, ich persönlich habe 18 Platten gemacht. Also eine Menge Platten, eine Menge Konzerte, eine Menge Songs. Dass ich das immer noch mit Freude im Herzen mache, ist alles, was ich je wollte.
Entdeckst du mit dem Abstand neue Dinge in den alten Aufnahmen?
Ich liebe es, Platten zu machen, und ich liebe die Kunst der Produktion. Aber am liebsten mache ich einen Song, den ich spielen kann. Auf der Bühne verändert er sich, weil du innerhalb deiner Möglichkeiten spielen musst. Wenn du eine Bläsersektion auf dem Song hast, kannst du die nicht mitnehmen. Also überlegst du, wie du den Verlust ausgleichst, und machst einen anderen Song daraus, ohne Bläser. Das ist eine schöne Aufgabe. Und es zeigt dem Publikum: Hier kommt dieser Song, die Bläser fehlen, aber hört mal, was wir stattdessen machen. Das interessiert mich – das eigene Material interpretieren. Und das alte Zeug ist deshalb in Ordnung, weil es Teil von mir ist. Teil von uns, unserer Geschichte. Da sind Momente, bei denen ich denke: Ich weiß noch, wie ich diesen Song in einer Bar in Kansas gesungen habe und danach auf dem Fußboden von irgendwem geschlafen habe. Wir sind alle eine Zusammenstellung unserer Erinnerungen. Und ich bemühe mich immer, neue zu machen.
Alle fragen dich jetzt nach den 40 Jahren. Du sagst, du machst neue Erinnerungen. Blickst du trotzdem gern zurück?
Ich mag alles davon. Ich bin nun mal hier. Ich bin ein Teil dieser Welt, so wie du auch. Und man macht Dinge, um sich in dieser existenziellen Gegend, in der wir uns aufhalten, zu beschäftigen. Je älter ich werde, desto häufiger habe ich dieses „Was zum Teufel machen wir hier eigentlich?"-Gefühl. Und wenn mir dann klar wird, was zum Teufel ich hier mache, dann ist es das: Ich versuche, etwas zu bewirken. So einfach ist das.
Nach einem anderen Song wirst du vermutlich auch oft gefragt, wegen der Geschichte dahinter: Mariah Luster.
Willst du die Geschichte oder den Song?
Die Geschichte, wenn du magst.
Also: Wenn ich einen Song schreibe oder ein Riff habe und anfange, ein Arrangement zu bauen, komme ich irgendwann zum Scratch-Gesang, also zur reinen Melodie mit Vokalen und Silben. Und der Toningenieur fragt unweigerlich: Wie heißt der Song? Dann muss ich ihm einen Namen geben. Manchmal werfe ich einfach einen hin, weil er gut klingt. Diesmal hatte ich nichts. Ich schreibe mir Notizen ins Handy, Wörter, die ich mag, Wendungen, Namen. Ich habe da durchgescrollt und nichts gefunden. Und dann stieß ich auf eine Notiz, in der stand „Mariah Luster", mit einer 1-800-Nummer, also normalerweise eine Firmennummer. Also sagte ich: Der Song heißt Mariah Luster. Christopher fragte: Wer ist das? Ich sagte: Keine Ahnung, aber da steht eine Nummer, lass uns anrufen und rausfinden, wer das ist. Mariah Luster arbeitete bei meiner Autoversicherung. Ich hatte nie mit ihr gesprochen. Jetzt hat sie einen Song mit ihrem Namen.
Es wäre großartig, wenn sie ohnehin Fan wäre.
Das wäre ein wahnsinniger Zufall und absolut fantastisch. Aber warten wir es ab.
Hast du darüber nachgedacht, sie zu kontaktieren und ihr die Geschichte zu erzählen?
Nein. Ehrlich gesagt gefällt mir das Geheimnis besser. Aber du kannst sie ja auf Instagram suchen.
Das werden vermutlich tatsächlich einige tun.
Das kann sein!
Ist zum 40-Jährigen noch etwas geplant, worüber du sprechen kannst?
Wir spielen noch mal 25 Konzerte. Das ist unsere Feier. Wir haben schon 25 gespielt, jetzt kommen 25 dazu, macht 50. Mehr ist dieses Jahr nicht drin.
Gehst du noch gern auf Tour?
Ich trete gern auf. Das Wegsein von zu Hause, die Flughäfen, das Warten – das mag ich nicht besonders. Aber die Zeit auf der Bühne ist immer noch einer der besten Orte, um sich selbst zu finden.
Du sprachst davon, live ohne Bläser auszukommen. Denkst du im Studio schon daran, wie ein Arrangement auf der Bühne funktionieren soll?
Es gab da einen Song, John The Baptist, auf dem Album 1965. Der hat eine riesige Bläsersektion und ein großes Bläser-Outro, und unsere Freundin Susan hat ihn mit uns gesungen, ein entscheidender Teil der Aufnahme. Wir haben den Song lange nicht gespielt, weil wir weder Susan noch die Bläser hatten. Und dann haben wir ihn eines Tages ohne beides gespielt, und es war immer noch John The Baptist. Er hatte immer noch diese Energie, er war immer noch aufregend, und die Leute liebten ihn. Seitdem ist es mir egal. Wenn ich im Studio etwas auf einen Song legen will, von dem ich weiß, dass ich es live nicht reproduzieren kann, ist mir das gleich. Das sind zwei verschiedene Dinge. Das eine ist eine Platte, das andere ein Konzert. Nirgends auf der Eintrittskarte steht, dass ich die Songs genau so spiele wie auf der Platte. Du brauchst ein bisschen Jazz in deiner Show. Ein bisschen Freestyle. Du musst vor Leuten eine emotionale Umgebung herstellen können.