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Bei Rock am Ring treffen wir Volbeat-Drummer Jon Larsen und sprechen mit ihm darüber, wie schwierig es ist, die perfekte Festival-Setlist zusammenzustellen und warum Volbeat nach 25 Jahren noch immer nicht genau wissen müssen, was sie eigentlich sind.
Jon Larsen, Schlagzeuger und Gründungsmitglied von Volbeat, wirkt im Interview so angenehm unaufgeregt, wie man nur wirken kann, wenn man seit einem Vierteljahrhundert auf riesigen Bühnen steht und trotzdem noch nicht ganz glauben kann, dass da draußen wirklich tausende Menschen auf einen warten.
Genau jetzt ist auch ein spannender Moment, um mit Larsen über die Band zu sprechen. God Of Angels Trust, das neunte Studioalbum der Dänen, hat gerade seinen ersten Geburtstag gefeiert. Ein Jahr, in dem Volbeat wieder einmal bewiesen haben, wie stabil ihre Verbindung zum Publikum ist: Die große Europatour lief hervorragend, viele Shows waren ausverkauft – vor allem in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Der Schlagzeuger fasst das mit typisch trockenem Humor zusammen: Die Bandmitglieder seien vier glückliche kleine Kobolde gewesen.
Angesprochen auf weitere Glücksmomente der Band, erinnert sich Larsen an die Anfangstage mit Michael Poulsen: Er hörte die ersten Ideen und fragte sich ernsthaft, wer sich das anhören würde. „Ist das Metal? Wahrscheinlich nicht. Ist es Punkrock? Absolut nicht.“ Poulsens Antwort war damals sinngemäß: Egal. Wir spielen einfach, was uns in den Kopf kommt, und schauen, was passiert.
Was passiert ist, wissen wir heute: Aus dieser Weigerung, es sich in nur einer Schublade zu bequem zu machen, wurde einer der unverwechselbarsten Sounds im modernen Hardrock. Volbeat klingen, als hätten Motörhead, Johnny Cash, Social Distortion, frühe Metallica und ein 50s-Rock’n’Roll-Geist in einer verrauchten Bar eine Band gegründet. Mit der einzigen Ausnahme, dass am Ende doch niemand anderes so klingt wie Volbeat: Irgendwo zwischen Stadionrock mit Dreck unter den Fingernägeln und Heavy Metal, der keine Angst vor großen melodischen Hooks hat.
Hier gibt’s das neue Volbeat-Album für euer Plattenregal:
Zurück zum Bauchgefühl
God Of Angels Trust spielt genau darauf an: Das Album versucht nicht, die Volbeat-DNA neu zu programmieren. Larsen erzählt, dass die Idee hinter der Platte war, wieder organischer zu klingen. Nicht alles bis zur Sterilität bearbeiten, nicht jeden kleinen Moment glattziehen. Wenn ein Snare-Schlag nicht exakt so laut ist wie der nächste, aber sich gut anfühlt, dann bleibt er drin. „Nicht zu viel daran herumfummeln“, beschreibt der Drummer die Haltung. Die modernen Samples sollten weg, der Sound sollte wieder mehr nach Band klingen.
Das hört man, auch wenn God Of Angels Trust natürlich keine rohe Proberaumplatte ist. Volbeat sind zu erfahren, zu präzise und zu groß, um plötzlich so zu tun, als hätten sie keine Ahnung von Produktion. Aber die Songs atmen. By A Monster’s Hand und Demonic Depression tragen diese typische Volbeat-Mischung aus Druck, Melodie und dunkler Theatralik in sich. Time Will Heal öffnet die emotionale Seite, ohne ins Glatte zu kippen. Und schon an Titeln wie dem Opener Devils Are Awake oder In The Barn Of The Goat Giving Birth To Satan’s Spawn In A Dying World Of Doom merkt man: Die Band hatte ganz offensichtlich Spaß daran, die eigenen Dämonen diesmal besonders sichtbar auf die Bühne zu stellen.
Larsen betont, dass die Platte extrem schnell entstanden ist. Rund drei Monate, zehn Songs, viel Instinkt. Eine Probe am Dienstag, eine Idee, zwei Tage später ist der Song fertig. Weiter. Nächster. Genau darin liegt vielleicht die eigentliche Frische dieses Albums: Volbeat sind hier – und so scheint es der generelle Modus der Band zu sein – effizient und zielstrebig vorgegangen, statt sich monatelang im Studio zu verschanzen. Sie wissen nach 25 Jahren Bandgeschichte eben ganz genau, was sie tun.
Festivalshows sind unberechenbar
Und das nicht nur im Studio, auch live sind Volbeat absolute Entertainment-Garanten. Festivals sind dabei für Larsen ein anderes Tier als Arenashows. In der Halle habe man mehr Kontrolle, vor allem beim Sound. Open Air dagegen ist alles ein bisschen unberechenbarer: Wetter, Zeitpläne, kein richtiger Soundcheck, Technik auf Zuruf. Bei Rock im Park habe die Band auf der Bühne Soundprobleme gehabt, erzählt er. Nicht dramatisch, niemandes Schuld, einfach Festivalrealität. Draußen im Publikum habe es vermutlich kaum jemand gemerkt. Und falls doch? Dann hätten die Fans eben „etwas Besonderes“ mitbekommen.
Denn am Ende des Tages hat man vieles nur bedingt in der Hand: Festivals können großartig sein oder schrecklich. Arenen übrigens auch. Am Ende hängt alles am Tag, am Moment, am Publikum.
Und beim Publikum sind wir bei Volbeat ohnehin schnell beim Kern der Sache. Die Band hat Hits, die man kaum aus der Setlist nehmen kann, ohne einen mittelschweren Aufstand zu riskieren. Lola Montez zum Beispiel, seit 2013 quasi Dauerinventar bei jeder Show. Einmal habe man versucht, den Song rauszunehmen, erzählt Larsen.
Trotzdem versuchen Volbeat, ihre Sets lebendig zu halten. Für die aktuellen Festivalshows haben sie ältere Songs wie The Mirror And The Ripper und Guitar Gangsters & Cadillac Blood zurückgeholt. Gleichzeitig sind neue Stücke von God Of Angels Trust im Programm. Der Drummer nennt Demonic Depression als Song, der ihm live Spaß macht, wenn er richtig sitzt, und By A Monster’s Hand als Herausforderung, die sich lohnt. Und dann ist da natürlich Still Counting, dieser ewige Volbeat-Schlusspunkt, bei dem laut Larsen oft die ganze Crowd aussieht „wie ein Weihnachtsbaum“.
Gerade Deutschland spielt in der Band-Geschichte eine besondere Rolle. Larsen sagt, die Fans hier seien extrem loyal. Die Band erkennt noch heute Menschen wieder, die schon damals in kleinen deutschen Clubs vor der Bühne standen. Das klingt wie eine nette Floskel, ist bei Volbeat aber glaubwürdig. Diese Band ist nicht über Nacht in die Arenen gefallen. Sie hat sich ihr Publikum erspielt, Stadt für Stadt, verschwitzter Club für verschwitzter Club, bis aus einem eigenwilligen Hybrid plötzlich eine der verlässlichsten Live-Bands Europas wurde.
25 Jahre Volbeat – und kein Ende in Sicht
Nach 25 Jahren gibt es für Larsen viele Erinnerungen, die als Highlights hängen geblieben sind: die Hauptbühne in Roskilde, weil er als Kind selbst vor diesem riesigen orangefarbenen Zelt stand und davon träumte, einmal dort oben zu sein. Das ausverkaufte Parken-Stadion in Kopenhagen, das zuerst wie eine absurde Idee klang und dann tatsächlich funktionierte. Madison Square Garden mit Metallica. Und auch Rock am Ring 2010, damals noch auf der zweiten Bühne. Diese Meilensteine lesen sich ein bisschen wie eine Musiker:innen-Bucketlist und Volbeat können an alle einen Haken setzen.
Trotzdem klingt Larsen nicht wie jemand, der seine eigene Legende poliert. Eher wie jemand, der immer noch ein bisschen staunt. „Ich bin immer noch überrascht, dass Leute auftauchen“, sagt er. Vielleicht ist genau das Teil der Volbeat-Sympathie: Diese Band hat große Gesten, aber kein großes Gehabe. Sie kann Stadionhymnen schreiben und gleichzeitig so wirken, als sei ihnen der ganze Wahnsinn selbst nicht ganz geheuer.
Was kommt als Nächstes? Nach dem Festivalsommer will die Band erst einmal kurz Luft holen: Familie, Urlaub, ein paar Wochen Pause. Danach geht es wieder zusammen in den Proberaum. Erste neue Ideen wurden bereits angespielt, aber Larsen bleibt vorsichtig. Manchmal bringt Michael Poulsen fast fertige Songs mit, manchmal nur Fragmente. Dann wird gejammt, verworfen, behalten, umgebaut. Im Studio selbst sind Volbeat dann sehr vorbereitet. Keine sechs Monate herumprobieren, keine endlosen offenen Baustellen. Die Band geht rein, spielt ihre Songs ein und fertig. Weil sie ganz genau wissen, wie das Ergebnis klingen soll.
Und vielleicht ist das die beste Beschreibung von Volbeat im Jahr 2026: Sie wissen, was sie tun wollen, auch wenn sie nie ganz festlegen mussten, was sie sind. Kein Metal im engen Sinne. Kein Punkrock. Kein klassischer Rock’n’Roll.
Auf Larsens persönlicher Wunschliste stehen noch Japan und Australien. Orte, an die Volbeat gern zurückkehren würden. Aber die größere Antwort ist weniger geografisch: Es geht darum, weiterzumachen, solange es sich richtig anfühlt. Der Musiker sagt, sie würden merken, wenn es Zeit wäre aufzuhören. Noch sei dieser Punkt nicht da.
Zum Glück. Denn Volbeat klingen auf God Of Angels Trust nicht wie eine Band, die sich in Routine eingerichtet hat. Sie klingen wie eine Band, die ihre eigene Formel nicht neu erfinden muss, weil sie noch immer aufgeht: laute Gitarren, große Refrains, dunkle Geschichten, trockener Humor, Herz vor Kopf.
Vielleicht ist genau das das Geheimnis von Volbeat: Sie haben nie versucht, perfekt in die Rockgeschichte zu passen. Sie haben einfach so lange gespielt, bis die Rockgeschichte Platz für sie gemacht hat.