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Wer sind Angine de Poitrine? Zwischen Milch- und Sesamstraße liegt der Groove begraben
features14.04.26
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Sie sehen seltsam aus, sie klingen seltsam, sie heißen Angine de Poitrine und sie reißen das Internet ab. Aber wie haben es zwei Aliens, die mikrotonalen Math-Rock spielen, plötzlich in den Mainstream geschafft?
Es kneift in der Brust
„Bei Angina pectoris (auf Französisch: angine de poitrine) handelt es sich um Schmerzen oder Beschwerden in der Mitte der Brust, die auftreten, wenn das Herz vorübergehend nicht die Blutmenge erhält, die es für seine Funktion benötigt.“ Bis vor ein paar Wochen wäre das noch das erste, was man gefunden hätte, wenn man „Angine de Poitrine“ googlete. Doch das hat sich in rasanter Zeit geändert. Und wie.
Mittlerweile würde das Suchergebnis wahrscheinlich eher in etwa so lauten: „Angine de Poitrine ist ein kanadisches Musik-Duo, das eine eingängige Form von mikrotonalem Math-Rock spielt. Die zwei Musiker:innen treten in schwarz-weiß gepunkteten Kostümen auf und erlangten im Frühjahr 2026 unerwartet viralen Erfolg.“ Abgenickt. Aber lasst uns das mal etwas weiter aufdröseln.
Hier gibt's die Alben auf Vinyl:
Zahlen, Mikrotöne, Aliens
Zunächst: Für alle, die nicht wissen, was „mikrotonaler Math-Rock“ sein soll: Angine de Poitrine spielen meist Rhythmen in ungewöhnlichen Taktarten, die auch oft wechseln. Auf dem Notenpapier sähe das aus, als schmisse die Band mit Zahlen um sich, daher der mathematische Aspekt. Mikrotonalität wiederum ist ein Konzept, dem man in der westlichen Musik klassischerweise nicht begegnet, denn westliche Musik denkt in zwölf verschiedenen Tönen, die je in Halbtonschritten auseinanderliegen. Würde jedoch zwischen zwei Tasten auf dem Klavier oder zwei Bünden auf der Gitarre noch ein Schritt liegen, hätte man Mikrotöne, die erstmal etwas ungewohnt klängen. Aufgrund dieser noch kleineren Abstände zwischen den Tönen hat die Gitarre, die Khn von Angine de Poitrine benutzt, auch so viele und so schmale Bünde.
Was noch an Khns Gitarre auffallen sollte: Sie hat zwei Hälse, einmal mit Bass- und einmal mit Gitarrensaiten. Rein physisch kann er diese beiden Instrumente natürlich nicht gleichzeitig spielen, aber sein gekonnter Umgang mit dem Loop-Pedal macht’s möglich. Denn Angine de Poitrine sind nur zwei Personen.
Personen ja, aber sind es Menschen? Khn und Klek heißen die beiden Wesen an den Instrumenten, sie kommunizieren miteinander in einer Sprache, die das Publikum nicht versteht, und formen immer wieder mit ihren Händen ein Dreieck. Obendrein sehen sie ulkig aus: Köpfe in geometrischen Formen, Hautfarben aus schwarzen und weißen Punkten, und wunderbare, lange Nasen. Diese beiden müssen sich wohl an der Kreuzung zwischen der Milch- und der Sesamstraße begegnet sein!
Die Identität der tatsächlichen Menschen hinter diesen Aliens ist nicht bekannt und Angine de Poitrine scheinen diese Anonymität vorzuziehen: „Jegliche Spekulationen über die Identität ihrer Mitglieder sind unbestätigt, werden von der Gruppe nicht unterstützt und könnten einen Eingriff in die Privatsphäre darstellen“, heißt es auf der Website der Band. Wie Khn und Klek allerdings erklären, haben ihre Sprache, Erscheinungen und Formen keine tiefe symbolische Bedeutung. Das visuelle Drumherum wie auch die skurrilen Elemente der Musik seien eher ein Ausdruck ihres geteilten absurden Humors.
Spontane Verkleidung, riesiger Internet-Hype
2019 gründete sich das kanadische Duo und spielte die ersten zwei Gigs innerhalb von einer Woche am gleichen Ort. Damit das für die Venue nicht langweilig würde, mussten für den zweiten Gig spontan Kostüme her – die später zu ihrem Markenzeichen werden sollten. Nach der Pandemie hörte man erst 2024 wieder etwas von diesen damals noch ziemlich unbekannten Gestalten, als sie ihr Debütalbum veröffentlichten. Doch der Erfolg kam schlagartig Anfang 2026: Im Februar erschien auf dem YouTube-Kanal von KEXP eine Live-Session, die das Internet binnen weniger Wochen auf den Kopf gestellt hat.
Nun sei erwähnt, was alle erwähnen, nämlich wie ungewöhnlich es ist, dass Angine de Poitrine damit so durch die Decke gehen. Mikrotonalität und Math-Rock sind Dinge, die die Charts wahrscheinlich so oft sehen wie Rechtsrock-Fans einen Linken-Treff. Aber aktuell führen Angine de Poitrine Spotifys globale Viral 50 mit dem Song Fabienk an; und auch einige Single- und Albumcharts verschiedener Länder konnte die Band erreichen. Zum aktuellen Zeitpunkt hat das KEXP-Video fast 10 Mio. Views erreicht, und die Algorithmen sämtlicher sozialer Medien bombardieren Menschen aus allen Generationen mit der Performance des Alien-Duos. Um den Erfolg zu manifestieren, erschien genau zum richtigen Zeitpunkt Anfang April 2026 auch noch ihr zweites Album Vol.II.
Es liegt nicht in der Natur dieser Musik, im Mainstream zu landen – außer sie wird clever inszeniert. Die Kostüme, das Set-Design und die Kommunikation der beiden fallen selbst im schnelllebigen Jahr 2026 auf. Das sieht schon auf den ersten Blick so spannend aus, dass man hinguckt; dann klingt es auch noch so ungewöhnlich, dass man hinhört – und sobald man dadurch dann tatsächlich mal der Musik die bewusste Aufmerksamkeit schenkt, merken auch untrainierte Ohren, wie zugänglich und spaßig solch ausgefallene Musik sein kann.
Mehr als nur ein Gimmick
Denn so kompliziert Angine de Poitrines Songs zu spielen und schreiben sein mögen, so catchy setzen sie sie um. Mit Vol.II schaffen sie es noch besser als auf Vol.1, tanzbar zu sein. Primus trifft auf Polka, atonale Musik trifft auf anatolische Musik. Dabei können sie auch gerne mal heavy und bedrohlich werden und dann singen sie im nächsten Moment wieder wie kleine Würmchen.
Das Duo lebt nicht nur von visuellen und musikalischen Gimmicks, sie schreiben wirklich gute und innovative Songs. Angine de Poitrine sind zwar weiß Gott nicht die erste Math-Rock-Band. Auch Mikrotonalität haben sie nicht erfunden; selbst im Rock-Kontext haben beispielsweise King Gizzard & The Lizard Wizard dieses Konzept schon vor zehn Jahren erfolgreich implementiert. Sie sind nicht mal die erste Band mit Alien-Kostümen und verspieltem Sound; Bands wie Henge machen so etwas schon länger unter dem Radar.
Aber bei Angine de Poitrine greift das alles einfach perfekt ineinander. Wie ein YouTube-Kommentar es beschreibt: „Es ist verrückt, wie sie genauso klingen können, wie sie aussehen.“ Wie Kleks lange Nase beim Spielen herumwippt, passt so gut zum wackeligen Klang der langsam auf- und absteigenden Mikroton-Abfolgen in Sarniezz. Es ist an allen Fronten weird, wonky und goofy, aber das auf eine so rundum stimmige Art, dass man es schon innerhalb der ersten Sekunden ihres KEXP-Sets checkt. Gerade in Zeiten des KI-Überdrusses wirkt eine so originelle Idee besonders erfrischend – und dabei wirken Khn und Klek ja nicht mal wie Menschen!
Selbst die eingangs erklärte Bedeutung ihres Bandnamens ergibt Sinn: „Wir fanden, dass er zu der Idee einer durch Dissonanz verursachten Herzfehlfunktion passt“, erklären Khn und Klek dem Flood Magazine. „Das und das Gefühl der Dringlichkeit, das in einigen Songs zu spüren ist.“ So dringlich, wie Angine de Poitrine sich nun ihren Platz erobert haben, wird auf ihre Konzerte hingefiebert. Und darauf, wie sie ihren tighten Stil auf den nächsten Alben erweitern können.
Angine de Poitrine live erleben:
01.09.: Köln, Live Music Hall
27.10.: Berlin, Astra Kulturhaus
28.10.: Hamburg, Molotow
29.10.: Heidelberg, Metropolink’s Commissary