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Wie Frank Ocean mit „Blonde“ einen Klassiker schuf – und verschwand
10 Jahre Blonde: das R&B-Album, das eine Generation prägte. Das bewerkstelligte Frank Ocean vor allem durch Minimalismus. So fesseln die echten Emotionen von Blonde noch heute.
Es beginnt mit einem Foto
Eyes vom Fotograf:innen-Duo The Collaborationist ist ein Bild, das Frank Ocean eines Tages im Internet aufschnappt. Darauf sieht man ein blondes Mädchen, das auf dem Rücksitz eines Autos sitzt und die Hände vorm Gesicht verschränkt. Dabei verdeckt sie aber nicht ihre Augen, sondern umrahmt sie mit den Fingern und schaut in die Kamera. „Wahrscheinlich machte ich die Geste, als würde ich ein Foto aufnehmen“, erklärte sie Jahre später in einem Interview. „Ich ahmte nach, wie sie die Kamera auf mich richteten. Oder vielleicht versuchte ich, einen Rahmen zu bilden, in den sie hineinblicken konnten.“
Das Bild entstand aus einem spontanen Moment heraus. Die 12-Jährige war auf dem Weg zu einer Trauerfeier für ihre Mutter. Auch wenn Frank Ocean auf Blonde recht andere Geschichten als diese erzählt, bewegte ihn das Bild so sehr, dass er es als zündenden Inspirationsfunken für sein Album sieht. Vielleicht inspirierte ihn an Eyes unter anderem die Idee, trotz Trauer gefasst in die Kamera zu blicken und mit den Fingern sogar einen Rahmen zu formen, quasi um seine eigenen Emotionen öffentlich zu präsentieren. Denn Ocean tut etwas Ähnliches auf Blonde, einem offen verletzlichen Album, das sich nicht darum schert, diese Verletzlichkeit irgendwie aufzuhübschen.
Subtil und ikonisch
Blonde ist natürlich schon ein exzentrisches Werk. Es hat Streicher von Radioheads Jonny Greenwood und Backing Vocals von Beyoncé. Es begleitet ein ganzes Magazin mit Fotografien von Wolfgang Tillmans, einem Interview mit Lil B und einem von Kanye West verfassten Gedicht über McDonald's. Das Album erschien independent, nur einen Tag nachdem Frank Ocean das sperrige Visual-Album Endless veröffentlicht hatte, nur um den Vertrag bei seinem damaligen Label zu erfüllen – ein legendärer Move in die künstlerische Freiheit.
Aber musikalisch ist Blonde so subtil, dass es überraschend ist, wie erfolgreich und ikonisch es wurde. Frank Ocean singt von Einsamkeit, von verfallenden Beziehungen, von Eskapismus durch Drogen; und er schafft zwischen all diesen Themen Atmosphäre, aber mit so minimalen Mitteln, wie es in einem Mainstream-R&B-Album selten ist. Es gibt kaum große Hooks, oft wirkt es eher, als würde er seinen Text in irgendeiner spontanen Melodie dahersingen. Es gibt kaum riesige Arrangements, sondern nur wenige Instrumente. Wie lang eine Strophe oder ein Refrain gehen wird, lässt sich teilweise schwer vorhersagen.
All das könnte total beliebig und langweilig klingen, aber Frank Ocean schafft es damit eher, den echten Emotionen ihren echten Raum zu schenken. Vielleicht gilt Blonde gerade deswegen als so berührend und authentisch; besonders in einer Generation, die in den 2010ern zunehmend damit aufwuchs, Dinge auf sozialen Medien überspitzt darzustellen.
Ein Song wie Solo etwa handelt vom Alleinsein, also braucht es nicht mehr als eine Orgel, die Frank Ocean begleitet. Alleinsein hat in diesem Song verschiedene Seiten, also muss die Musik auch gar nicht todtraurig klingen, eher ambivalent und luftig. Es kann Einsamkeit sein, aber es kann auch Freiheit sein. Auch wenn Frank sich statt „solo“ eher „so low“ fühlt, verwischt er dieses Gefühl mit einem Hoch, mit Marihuanakonsum. „Inhale, in hell, there’s heaven“, singt er. In Solo (Reprise) liefert Outkast-Legende André 3000 seine Perspektive aufs Alleinsein durch die Linse des Ruhms. Passend, schließlich sind sowohl André als auch Frank notorisch zurückgezogen und mysteriös abseits ihrer Musik.
Eine weiße Wattewelt
Ähnlich luftig, aber mit vollerem Instrumental kommt Pink + White daher. Auch hier spielen alle Instrumente (und Beyoncé) aber nur das Nötigste, um sich wie ein leichtes Gleiten im Auto unter dem pinken und weißen Himmel eines Sonnenuntergangs anzufühlen. Diese Atmosphäre macht den Song so langlebig.
Pretty Sweet klingt dagegen bewusst wie eine absolute Überreizung. Kakophonische Streicher und hektische Drums wechseln sich ab und es will erstmal gar nicht zusammenpassen. White Ferrari wiederum ist das vielleicht schönste Beispiel von Minimalismus, das Frank Ocean je geschaffen hat. Wie er Erinnerungen und das Gefühl von verfliegender Liebe einfängt, nur mit einer Wattewelt aus einem Synthesizer, Akustikgitarre und Gesang, ist immer noch bemerkenswert. Es klingt, als würde es den Einfluss von Bon Iver atmen und gleichzeitig den Grundstein für die Magie von Phoebe Bridgers legen.
Wann kehrt Frank Ocean zurück?
Frank Ocean legte mit Blonde all dies vor, wurde damit zudem extrem erfolgreich – und veröffentlichte seitdem nie wieder ein Album. Zu Beginn jedes Jahres fragen sich Musikmagazine: Wird dies das Jahr werden, in dem Frank Ocean endlich zurückkehrt? Schon seit zehn Jahren durchforsten Fans das Internet nach Hinweisen, um dieses Rätsel zu lösen.
Und das zeigt doch, welch unglaublichen Status seine Musik hatte. Sie war erschlagend echt. Auch zehn Jahre später klingt eine Sommerromanze genauso wie die Gitarre in Ivy oder Self Control. Mehr braucht es nicht. Ob Frank Ocean diesem Werk irgendetwas hinzuzufügen hat, entscheidet er selbst. „We’ll let you guys prophesy / We gon‘ see the future first“, sang er schon 2016, um zu sagen: Ich mache Musik, dann, wenn ich es will, und das kann mir niemand vorwegnehmen. Also geduldig sein und nochmal Blonde hören. Da gibt es auch im Reduzierten genug zu entdecken.