20 Jahre „Sam’s Town“: The Killers zelebrieren den Heartland Rock

The Killers
Foto: Universal Music

2006 veröffentlichen The Killers ihr zweites Album Sam’s Town – und überraschen mit Springsteen-Einflüssen.

Wir schreiben das Jahr 2006 und werfen einen Blick in die US-Wüstenmetropole Las Vegas. Von dort aus regiert seit geraumer Zeit eine Indie-Rock-Band, die zwei Jahre zuvor mit ihrem Debütalbum Hot Fuss einen Welthit landen konnte – und mit Mr. Brightside einen ewigen Indie-Klassiker für Tanzflächen, Abiturpartys, Festivalbühnen und alles, wo Euphorie herrschen muss, darf oder soll.

So ein Mega-Erfolg kann aber auch eine Krux sein, denn wie soll man da eins draufsetzen? Brandon Flowers und seine Jungs entscheiden sich gegen das Motto „More of the same". Wer also Indiestampfer mit viel Synthesizer und Discogefühl erwartet hat, wird eines Besseren belehrt. Denn Flowers ist vor allem eines: ein in der uramerikanischen Songwritertradition des Heartland-Rock verhafteter Musiker. Dank Springsteen vor allem, aber auch Tom Petty und Bob Dylan.

Sam’s Town fürs Plattenregal:

Ein Casino am Boulder Highway

Aufgenommen wird in der Heimatstadt – genauer gesagt im Studio at the Palms, dem Tonstudio im Palms Casino Resort. Die Sessions beginnen am 15. Februar 2006. Als Produzenten holt man sich Flood und Alan Moulder ins Boot, zwei Briten, die zuvor für U2, Depeche Mode und die Smashing Pumpkins gearbeitet haben und wissen, wie man einen Song so groß macht, dass er ein Stadion füllt.

Und weil man in Vegas ist und es dort nicht nur um Casinos und Glitzer geht, sondern auch um endlose Highways und Wüste, um Motels, Tankstellen und Leute, die Schicht schieben, und um Hotels, ist schon der Albumtitel Americana par excellence. Sam’s Town ist ein Casino am Boulder Highway, weit weg vom Strip – eines jener Häuser, in die die Einheimischen gehen und keine Touristen. 

Eskapismus auf US-Amerikanisch

Und die Songs? Hier lässt der Boss grüßen. Highways. Kleinstädte, aus denen man wegwill. Autos. Versprechungen, die keiner einhält. „This town was meant for passing through“, heißt es in This River Is Wild – das könnte auch Thunder Road sein, ohne es kopiert zu haben. Eskapismus, Rauswollen, nein: Rausmüssen. In Read My Mind geht es ums Entkommen aus einer Zwei-Sterne-Stadt. Die beiden Miniaturen Enterlude und Exitlude rahmen die Platte wie Vorhang auf und Vorhang zu; Flowers schreibt sie an einem Klavier im Hotelcasino, und seine Bandkollegen finden, er klinge dabei wie Bob Dylan.

Und apropos Thunder Road: Springsteens Magnum Opus wird bereits mit der ersten Single When You Were Young heraufbeschworen – hier steht das Mädchen auf der Veranda und wartet auf einen Mann, der sie rausholt; hier wird er sogleich mit Jesus verglichen, auch wenn der Song im selben Atemzug einräumt, dass er keiner ist.

„Eines der besten Alben der vergangenen 20 Jahre"

Flowers will keine kleinen Brötchen backen. So sagt er dem Magazin Giant, Sam’s Town werde „eines der besten Alben der vergangenen 20 Jahre“. Gemeint ist es bestimmt ehrlich, gelesen wird es als Megalomanie. Der Rolling Stone verreißt die Platte, und plötzlich wirkt die ganze Verwandlung wie ein Kostüm.

Zehn Jahre später erklärt Flowers dem Magazin Nylon, woran es lag: „Ich glaube, es wurde missverstanden, weil die Leute schwer schlucken konnten, dass dieselben vier Anglophilen in Dior-Anzügen von Hot Fuss sich jetzt als Retter des amerikanischen Rock aufstellten. Von außen wirkte das vielleicht aufgesetzt. Aber es war aufrichtiger, als damals wahrgenommen wurde.“

Zum Zitat selbst steht er bis heute: „Jede Band hält ihre Platte für etwas Besonderes. […] Ich wollte nichts aufblasen und keine schnelle Schlagzeile. Wenn man nicht glaubt, etwas Großartiges zu machen, warum veröffentlicht man es dann? Trotzdem hat es der Band ein große Zielscheibe auf den Rücken geklebt, und wir haben einiges abbekommen.“ Wie sehr, zeigt sich beim Nachfolger. „Ich fing an, mich unzulänglich zu fühlen und des Weges unwürdig, den wir mit Sam’s Town eingeschlagen hatten“, sagt Flowers. Day & Age nennt er offen eine Reaktion auf die Verrisse. Und als er dem Boss schließlich gegenübersteht, ist ihm nicht nach Feiern zumute: „Ich hatte Todesangst, bei all dem Staub, der wegen Sam’s Town aufgewirbelt worden war."

Übers Herz gegangen

Und wie feiert man so ein Album, wenn die Welt zwischenzeitlich eingesehen hat, dass man doch recht hatte? Natürlich dort, wo alles begann. Zum zehnten Jahrestag spielen The Killers zwei Abende im Sam’s Town Hotel selbst, zwischen Spielautomaten und Einheimischen. Heimspiel im Wortsinn.

„Es hat uns als Band gefestigt“, sagt Flowers damals. „Wir waren keine Eintagsfliege." Und der Unterschied zum Debüt? Den formuliert er so schön, dass man ihn nicht zusammenfassen mag: „Mit Hot Fuss haben wir die Leute erreicht, vielleicht eher über die erogenen Zonen. Mit Sam’s Town sind wir übers Herz gegangen, und das hat ein Band zwischen uns und unseren Fans geschaffen.“

Ganz losgekommen von der Platte sind sie ohnehin nie. A Dustland Fairytale vom Nachfolger Day & Age nennt Flowers keine Reaktion auf Sam’s Town, sondern dessen Verlängerung – und ausgerechnet auf diesem Song singt 2020 dann der Boss höchstpersönlich mit. Ein Kreis schließt sich.

Rückblickend hatte Sam’s Town nicht den kulturellen Impact des Debüts, bei weitem nicht. Mr. Brightside läuft heute noch in Clubs, in denen die Gäste 2004 noch nicht geboren waren. Aber sowohl für die Band als auch für Brandon Flowers als Songschreiber war es eine wichtige Platte – und ein Wagnis, das über weite Strecken geglückt ist.

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