Der Gott und das Riff: So gut ist Tony Iommis neues Album „From The Dark“

Tony Iommi
Foto: Ross Halfin
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Er ist der Mann, der den Heavy Metal erfunden hat: Tony Iommi ist der Pate der Dunkelheit, der Allvater der harten Riffs. Seine neue Soloplatte From The Dark ist aber nicht nur deswegen so brillant. Sie zeigt vor allem, wie man auch 56 Jahre nach dem Sabbath-Urknall ebenso zeitlose wie unvergessliche Songs entfesseln kann.

Am Anfang war das Riff: 1970 erschüttert ein Klang die Welt, den man bis dahin nicht gehört hat. Markerschütternd laut, bedrohlich düster, tief wie die Unterwelt. Mit ihrem Debütalbum erfinden Black Sabbath den Heavy Metal und legen ein bis heute gültiges Standardwerk für dieses Genre vor.

Tony Iommis neues Album für Zuhause:

Heavy Metal ist ein Unfall

Zu verdanken ist das bekanntlich dem folgenreichsten Unfall der Heavy-Metal-Geschichte: Mit 17 Jahren arbeitet Tony Iommi in einem Birminghamer Stahlwerk. An seinem letzten Arbeitstag schneidet ihm eine Metallwalzmaschine die Fingerspitzen zweier Finger ab. Die Ärzte sagen ihm, seine Karriere als Gitarrist sei endgültig vorbei. Kommt für den jungen Tony natürlich nicht in Frage. Er schmilzt Spülmittelflaschen mit einem Lötkolben ein, um provisorische Fingerspitzen-Fingerhüte herzustellen, die er dann mit Lederresten überzieht. Weil die steifen Prothesen aber natürlich seine Fingerfertigkeit einschränken, wechselt er zu leichteren Gitarrensaiten, stimmt seine Gitarre um bis zu drei Halbtöne tiefer, um die Saitenspannung zu verringern, und setzt stark auf kräftige Power-Akkorde statt auf schnelle Soli mit einzelnen Noten.

Damit kann er nicht nur weiterhin Gitarre spielen. Er erfindet zufällig den Heavy Metal.

Die Geister von Ozzy und Dio

Seither ist viel passiert. Iommi ist keine 17 mehr, sondern 78. Ist kein Außenseiter mehr, sondern eine zum Ritter geschlagene Ikone. Und Heavy Metal? Der wurde vom geächteten Randphänomen zum globalen Milliardengeschäft. Immer schreibt auch Iommi am großen Geschichtsbuch des Genres mit. Natürlich mit Sabbath, aber auch solo oder mit Heaven & Hell. Viele seiner Wegbegleiter sind mittlerweile nicht mehr unter uns. Ozzy oder Ronnie James Dio etwa. Beide ehrt Iommi mit seinem vierten Album From The Dark.

Überhaupt scheint es, als wolle der legendäre Gitarrist all das ehren, was diese Musik so stark macht. Er weiß um die Durchschlagskraft eines Riffs, er weiß, wie sehr ein Riff einen Song ausmacht. Deswegen gibt es gleich mehrere Götterriffs auf einem Album, das überhaupt bemerkenswert hungrig, druckvoll und voller innerer Überzeugung ist. Das hier ist kein Alterswerk eines gelangweilten Millionärs, der noch mal einen auf dicke Hose machen möchte. Das hier ist Ausdruck einer wahren und großen Liebe.

Jørn Lande brilliert als Sänger

Größtes Pfund dieses Albums ist die Zeit, die Iommi den Songs gegeben hat. „Früher, wenn wir an Sabbath-Sachen gearbeitet haben, hatten wir immer einen Zeitplan einzuhalten, weil Tourneen anstanden und das Album veröffentlicht werden musste … Es gab also immer [Dinge], die erledigt werden mussten. Da herrscht immer Druck. Aber dieses Mal gab es überhaupt keinen Druck, und ich konnte jeden auf dem Album einsetzen, den ich wollte, und das war gut so“, so Iommi in einem neuen Interview.

Mit Bedacht und Geduld hat er sich die richtige Mannschaft ausgewählt. Beglückwünschen muss man ihn vor allem zur Wahl von Jørn Lande als Sänger. Wie der seinen inneren Dio in den Songs channelt, ist eine einzige Freude für jeden Dio-Fan. Zudem ist auch Brian May auf der Platte zu hören, ein Gitarrist, mit dem Iommi seit fast 60 Jahren befreundet ist. Ist aber im Grunde egal. Egal, wer da spielt, egal, ob es Orchestration oder Keyboards gibt, egal, wie es arrangiert oder produziert ist (unheimlich fett!). Wichtig ist nur, dass Tony Iommi Gitarre spielt. Und wie er spielt: Over The Violent Sun ist wie ein Hammerschlag auf einen Amboss in einer Fabrik in Birmingham, Beyond The Dead herrlich düster wie der erste Sabbath-Song, Stormwatcher gesegnet mit einem überragenden Riff.

All diese Spielfreude macht From The Dark so erstaunlich. Es ist ein Album, das locker an seine Heaven & Hell-Zeiten anknüpfen kann, ein Manifest seines einzigartigen Sounds, vor dem man sich nur verbeugen kann. Ozzy ist nicht mehr unter uns, Geezer Butler und Bill Ward sind im wohlverdienten Ruhestand. Bleibt nur noch der Riffmaster General, der Last Man Standing der Birmingham-Legenden. Und er hat immer noch Lust auf Lautstärke.

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