Apsilon
Foto: Rufus Engelhard

Review: Apsilon ist auf „Glanz Null“ (wieder) einer der wichtigsten Rapper Deutschlands

Apsilon läuft auf Glanz Null einen schmalen Grat: zwischen Desillusion und Hoffnung, zwischen Abgrenzung und Gemeinschaft, zwischen dem schönsten Deutschrap-Album des Jahres und der Angst vorm Scheitern.

Mittlerweile ist ein neues Album von Apsilon ein großes Ereignis für Deutschrap-Heads, die Indie-Crowd, die Feuilletonpresse und sogar Lars Klingbeil – auch wenn Letzterer von Apsilon selbst auf der Platte gedisst wird. Zu diesem Status in der deutschen Kulturlandschaft zu gelangen, ging erstaunlich schnell, aber verdient, wenn man sich anschaut, wie wichtig Apsilon als Rapper ist.

Glanz Null von Apsilon für Zuhause:

Vor drei, vier Jahren bekam er schon mit frühen Veröffentlichungen wie dem Song Köfte oder der Blei-EP Aufmerksamkeit in der Rap-Welt. Denn Apsilons soziales Bewusstsein, sein Sprachrohr der Migrationserfahrungen und auch seine Flows und Bildsprache stachen schon da heraus. Sein Debütalbum Haut wie Pelz samt dem berührenden Song Baba zementierte ihn danach als eine bleibende Stimme, deren Beobachtungen und Erzählungen etlichen Menschen unter die Haut gingen. Im Jahr 2026 erhält Apsilon all diese Lorbeeren und Einladungen ins Fernsehen, rappt aber in Keiner von euch: „Nein, ich setz‘ mich nicht an Tisch mit euch bei Hart aber fair“.

Desillusioniert im gespaltenen Deutschland

Apsilon macht auf seinem neuen Album deutlich, dass er sich nicht verbiegen lässt – weder von der Musikindustrie noch vom deutschen Spießbürgertum. Ihm geht es immer noch um seine Familie, um persönliche Struggles und Perspektiven auf die sich spaltende Gesellschaft. Sommermärchen etwa schafft dies auf besonders eindringliche Weise. In dem ruhigen Track stellt Apsilon seine Kindheitserinnerungen an den Sommer 2006 gegenüber: Das Feiern der Fußball-WM („Für einen Sommer alle glücklich, alle sind jetzt Deutsche“), doch auch die rassistisch motivierten NSU-Morde, die seine Familie in Sorge versetzen. Schon früh merkt der Junge so: Hier dürfen anscheinend doch nicht alle Deutsche sein. Wie er das alles am Schluss mit einer Begegnung in der Gegenwart verbindet, zeugt von dieser Apsilon-Brillanz, die Gänsehaut verursacht – andererseits zeugt es auch von der tragischen Ironie der Realität.

Dieser Song drückt einen Schmerz aus, der das Leitmotiv des Albums Glanz Null bildet: das Schwinden des kindlichen Optimismus und des Vertrauens in die Menschheit. In der aktuellen Endzeitstimmung wirkt es oft so, als hätte man früher die Welt magischer wahrgenommen und als sei einem diese Illusion nun zerschlagen worden. „Kaputte Diamanten in deinen Augen, sag, wer hat dir deinen Glanz geklaut?“ Der Albumtitel zeigt aber auch die Hoffnung, dass dieser Nullzustand ein Nährboden für einen Neuanfang sein könnte. Und bei all den traurigen Wahrheiten auf Glanz Null wirkt Apsilon doch immer so aufrichtig, dass man ihm diese Hoffnung abkaufen will. Das Album klingt zerrissen, doch zutiefst menschlich und oft auch einfach schön.

Der kalte Klang berührt immer noch genauso

Dass Apsilon laut Pressetext vor allem alte Platten von Dylan, den Beatles oder Bowie gehört haben soll, hört man nicht explizit genretechnisch, aber in seinen Kompositionen: Mehr Live-Instrumente und klangliche Abwechslungen kommen innerhalb der Songs vor; Balladen wie Berg entsprechen noch klassischerem Songwriting mit Fokus auf Akkorden und Melodien.

In solchen Momenten schafft die Platte es, traurig und friedlich zugleich zu klingen – irgendwo zwischen den Begriffen Null und Glanz sozusagen. Ähnlich schaffte das schon Haut wie Pelz; dessen warme Bon-Iver-Bläser weichen nun aber Klavieren und Synthesizern. Vieles davon klingt erstmal metallisch und kalt, was zur Leere und Desillusionierung passt, die Apsilon beschreibt. An überwältigend schönen Instrumentals gibt es dennoch genug, selbst in kurzen Momenten wie Mann im Schloss. Das Produktionsteam um Bazzazian, Ralph Heidel und Apsilons Bruder Arman hat erneut gekocht, auch Bazzazians Sohn Bijan mischt dieses Mal mit.

Features gibt es von den angesagtesten Namen im deutschen Raum, allesamt offensichtlich, aber allesamt sehr gut passend: Berqs Stimme in Kaputte Diamanten liefert genau die richtige Gebrochenheit, Summer Cem rappt vom Hustle in Rennen und Levin Liam flowt verdammt geschmeidig in Ghibli Freestyle. Am überraschendsten ist Ikkimel, die man auf Souvenir so ruhig und introspektiv wie nur selten zuvor hört.

Innere und äußere Kämpfe

Auch Apsilon selbst ist auf Glanz Null noch introspektiver. Natürlich geht es um Krieg und Rassismus, und natürlich sehen ihn viele vor allem als politischen Rapper. Doch er schaut auch viel darauf, was in ihm und anderen Leuten vorgeht: Zeitdruck, der Drang, vollkommen zu sein, Isolation und Abgrenzung. Angetrieben ist all das gleichermaßen von den gesellschaftlichen Geschehnissen wie auch von Apsilons Privatleben und plötzlichem Ruhm.

Gerade deswegen ist Glanz Null ein spannendes Zweitwerk: Es wiederholt einige Stärken des ersten Albums, vertieft Aspekte davon, und zugleich zeigt es, welche Auswirkungen Haut wie Pelz für ihn hatte. So teilt er im lauten Banger Keiner von euch gegen Industrie und Politik aus; in den Balladen Ufo und Berg will er sich einsam zurückziehen. Doch ob er sich nun dazu entscheidet, dem ganzen Tumult den Rücken zu kehren oder nicht, er kann nicht anders als zu beobachten. Und das verdammt gut. Wenn man ihn schon nicht in Talkshows einladen soll, dann möge man ihn doch bitte weiter mit Auszeichnungen beregnen. Denn mit Glanz Null hat er sich das wieder mal verdient.

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