Review: Beastie Boy Mike D hat auf „Thank You“ nichts von seinem rhythmischen Irrwitz verloren

Mike D
Foto: Dan Lowe
Bitte Zählermarke einfügen

Jetzt musste Mike D tatsächlich 60 Jahre alt werden, bevor er seine erste Soloplatte veröffentlichte. Thank You ruht sich dabei keineswegs auf alten Beastie-Boys-Meriten aus. Und haut uns ein rasantes, krachiges Rap-Electro-Punk-Spektakel um die Ohren.

60 ist das neue 30. Dieser Eindruck entsteht zumindest, wenn man sich das erste Soloalbum des früheren Beastie Boys Mike D mal in aller Ruhe zu Gemüte führt. Wobei, viel Ruhe gibt’s auf Thank You nicht. Stattdessen entfesselt Michael Louis Diamond eine nervöse, trippige, unangepasste und vor allem kurzweilige Noise-Collage aus Rap, Electro, Punk und Glitch, die hyperaktiver als alles ist, was die legendären Beastie Boys jemals verbrochen haben.

Thank You im Circle Store:

Architekten des Crossover

Überhaupt, die Beastie Boys. Was für ein Name, was für ein Vermächtnis. Eine all-white Rap-Crew aus New York City, die sich dennoch den Respekt der Schwarzen Rap-Welt erarbeitet hat. Die Public Enemy als Support mit auf Tour nahm. Die Architekten des Crossover, diese Band, die wahrscheinlich mit die beste und schlechteste Musik aller Zeiten veröffentlicht hat, gibt es längst nicht mehr. 2011 das letzte Album, 2012 die Aufnahme in die Rock And Roll Hall Of Fame durch Public Enemys Chuck D, im selben Jahr der tragisch frühe Tod von Gründer Adam Yauch und 2014 dann das endgültige Ende.

Es wäre einfach, diesen Mythos anzuzapfen und von der Glorie seiner alten Band zu leben. Doch Mike D ist das zu wenig. Wenn er sich mit seinem ersten Soloalbum schon bis zu seinem 60. Lebensjahr Zeit lässt, dann soll das gefälligst auch für sich allein stehen können. Sicher wirbelt seine Vergangenheit durch die 13 Songs und 39 Minuten. Hip-Hop der alten Schule, Breakbeats, Elektro, Punk, letztlich also all die Ingredienzen, die auch die Beastie Boys wahnwitzig zusammenwarfen und das Beste hofften.

Wer braucht schon einen roten Faden?

Thank You ist ein lautes, frenetisches Glitch-Rap-Electro-Punk-Spektakel, ist irgendwie also genau das, was man von einem Rastlosen wie ihm erwartet. Vielleicht wirft er ein bisschen zu viel in die Waagschale, vielleicht fehlt der Platte ein roter Faden. Dann wiederum hat Mike D seine Karriere ohne jedweden Faden aufgebaut. Und ist gut damit gefahren. Geprägt von einer starken Nineties-Ästhetik arbeitet er sich selbstironisch, oft hektisch und manchmal psychedelisch verspult an dieser seltsamen Sache namens Leben ab. Er rappt von einem Plan B, den er als pensionierter MC unbedingt braucht, er lebt vor allem seine Liebe zu anarchischem Musik-Crossover aus. Das verbindet Thank You noch am ehesten mit dem unkategorisierbaren Werk der Beastie Boys – auch wenn die Platte manchmal wie das Remix-Kompendium zu einem eigentlichen Album klingt.

Wegweisender Rhythmiker

Schön schräg ist die ganze Chose aber eben durchaus. Das liegt vor allem an den Momenten, in denen Mike D extra weit über den Tellerrand schaut. True Colors zeigt, dass er auch trippigen Indie-Rock versteht, I Can’t Die Like That hat einen Slacker-Vibe Marke Beck, der abschließende Titeltrack ist eine reflexive Ballade, bittersüß wie ein Sonnenaufgang zwischen Hochhausschluchten nach einer langen Nacht der Erinnerung an vergangene Zeiten.

Thank You profitiert aber natürlich auch davon, dass Mike D ein wegweisender Rhythmiker ist. Und wer weiß, dass dieser Typ hier den stotternden Beat von Sabotage zu verantworten hat, dem wird auch bei Thank You einiges klar. Vielleicht wird dieses Album niemals den Rang von Licensed To Ill oder Check Your Head einnehmen. Aber erstens weiß Mike D das. Und zweitens hat ihn so was noch nie davon abgehalten, herrlich verquere, wilde Musik zu produzieren.

Mehr zu Mike D und den Beastie Boys im Circle Mag:

Dein daily News-Update im Circle Mag

Bleib stets up-to-date in Sachen Musik und Popkultur mit unseren täglichen News, Reviews und Features. Viel Spaß beim Stöbern!

Dein neues Zuhause für All Things Vinyl

Von Rock über Pop bis zu Hip-Hop und Jazz – bei uns gibt's alles für dein Plattenregal.