DIIV im Interview: Börsen crashen zum Klang von Shoegaze und Hyperpop

DIIV
Foto: Louie Kovatch

DIIV sind vielen als verträumte Alternative-Rock-Band bekannt. Auf ihrem fünften Album ZIRP! widmen sie sich nun aber neuen Interessen: Nullzinspolitik, Billionären und dem Hyperpop-Produzenten A. G. Cook. Wir haben mit DIIVs Frontmann gesprochen.

Von Konzerten zu Konzernen

Zachary Cole Smith sitzt uns virtuell in Hemd und Krawatte gegenüber, ein Look, den man ihn und seine Band in letzter Zeit überall rocken sieht. Für eine Band wie DIIV sieht das ungewohnt corporate und büroartig aus; schließlich sind Genres wie Alternative Rock, Post-Punk und Shoegaze im Ethos doch recht entfernt von den Finanzhaien dieser Welt. Aber das ist alles Teil des Konzepts.

Die neue Platte von DIIV heißt nämlich ZIRP! – das ist nicht das Geräusch einer Grille, sondern es steht in der Wirtschaft für „Zero Interest-Rate Policy“, also Nullzinspolitik: Eine Zentralbank hält den Leitzins so niedrig wie möglich, um Kredite für Banken zu vergünstigen und so die Wirtschaft anzukurbeln. So haben wir es in Europa etwa zwischen 2016 und 2022 erlebt. Auch die USA fuhren diese Nullzinspolitik während der Corona-Pandemie oder zuvor als Reaktion auf die Finanzkrise 2008. „Wir machen das Geld billiger, also los, Konsum, Konsum, Konsum!“, sagten die Regierungen damit gewissermaßen.

Klingt alles etwas trocken bisher, es soll hier ja schließlich um Musik gehen. Also was interessiert eine Indie-Band nun so an diesem Phänomen? DIIV-Frontmann Smith erklärt: „Für ZIRP! wollten wir konzeptionell mit Branding und Markenidentität spielen. Wir dachten dabei an diese Konzerne der ‚ZIRP-Ära‘ – beispielsweise Uber oder Spotify –, die wirtschaftlich gesehen disruptiv und zerstörerisch wirken, sich aber nach außen hin extrem stark über Werbung und Branding definierten. Selbst ihre Geschäftsmodelle, bei denen man zunächst Geld verlor, waren im Grunde Marketing-Schachzüge. Marketing war ein wesentlicher Bestandteil des Ganzen.“

Softdrink-Marketing mit A. G. Cook

Eine ganz andere Ecke, die DIIV dazu inspirierte, ist: PC Music. Das ist das britische Label rund um den Künstler A. G. Cook und ein Zuhause für weitere Pionier:innen des Hyperpop, früher beispielsweise noch SOPHIE. Ohne PC Music und seine plastische, futuristische Ästhetik hätte das Hyperpop-Genre wesentlich weniger von seinem Charakter und seiner Popularität erlangt. A. G. Cook selbst hat schon verschiedenste Projekte und Richtungen ausprobiert, betreut und beeinflusst. So ist er natürlich auch dafür bekannt, seit Jahren als Produzent eng mit Charli xcx zusammenzuarbeiten und unter anderem Brat seinen charakteristischen Sound gegeben zu haben. Und jetzt hat er tatsächlich DIIVs neues Album produziert.

Zachary Cole Smith zieht die Verbindung zwischen dem Thema Nullzinspolitik und Kapitalismus auf der einen Seite und PC Music und seinen Künstler:innen wie beispielsweise QT auf der anderen Seite so: „Wir ließen uns sehr von Dingen wie der Kampagne zu QTs Musik inspirieren; die wurde wie ein Softdrink vermarktet. Sie haben es wirklich geschafft, mit diesem Branding zu spielen, als eine Art subversive, unternehmenskritische Aneignung dieser Ästhetik. Uns hat diese Welt ästhetisch einfach sehr fasziniert, ebenso wie die enorme Selbstsicherheit und die klare, eigenständige Vision, die viele der PC-Music-Künstler:innen verwirklicht haben. Das Ganze war sehr markant und intellektuell anspruchsvoll.“

DIIV im Circle Store:

Der Zynismus in ZIRP!

DIIVs Interpretation dieses Stils sieht man neben ihrem neuen Kleidungsstil auch im Albumcover, auf dem Börsenpfeile aus einer durchgerüttelten USA-Flagge sprießen und gen Boden regnen. Besonders das Label-Artwork auf CD und Vinyl ist clever, bei dem die Pfeile die Länge der Tracks anzeigen. Die Kapitalismuskritik ist der Kern von ZIRP!. Mit Zynismus singt Smith in manchen Songs aus der Sicht angehender Billionäre. In anderen spricht er ernüchtert aus der anderen Perspektive, nämlich der der Normalsterblichen, die das mit Sorge mitansehen müssen: „Throw the billionaires screaming in an alligator pit / Cause everybody loses when the shareholders win / I know a crash is coming“. Inmitten dieser Krisenstimmung wünscht man sich die scheinbare Leichtigkeit der Jugend zurück, doch auch das trügt: „There’s poison in the fountain of youth“, heißt es direkt zu Beginn in The Fountain.

Um diesen trügerischen Wunsch nach der Kindheit geht es im Song Kid, erklärt Smith: „[Das vorherige DIIV-Album] Frog hatte eine sehr weit herausgezoomte Perspektive und eine ziemlich düstere Sicht auf die Welt. Kid hingegen spielt zwar auch in dieser Welt, aber die Leute idealisieren das Kindsein oft. Sie glauben, dass all die Ängste und Sorgen, etwa im Zusammenhang mit unserer politischen Lage, für Kinder keine Rolle spielen. Mit dem Song wollte ich zeigen, dass das nicht stimmt. Auch als Kind ist man voller Angst, Sorge und Unsicherheit. Die Ursachen mögen andere sein, aber es ist eben nicht einfach, ein Kind zu sein. Es ist nicht einfach, in dieser Welt zu leben. Deshalb ist dieses Motto ‚Heute ist alles schlecht, aber früher war alles toll‘ meiner Meinung nach nicht ganz zutreffend.“

Neuerfindung mit Hyperpop-Update

Die Zusammenarbeit mit A. G. Cook färbt auch den musikalischen Stil von ZIRP! massiv. DIIV haben zwar kein Hyperpop-Album geschrieben, aber es klingt doch moderner und poppiger, und nicht zwingend auf eine zugänglichere Art. Der Gesang ist präsenter, manche Flächen sind watteweich, andere Sounds pieksen ins Trommelfell wie die Pfeile auf dem Cover. Verzerrung war schon immer Teil von DIIVs Sound, doch hier klingt sie noch mehr nach Glitch und digitaler Überlastung – perfekt passend zur überladenen Tech-Welt, in der sich die Protagonist:innen von ZIRP! aufhalten. Die Gitarren heulen und erdrücken wie bei My Bloody Valentine, doch stecken im Cyberspace fest; genauso würde man sich eine Zusammenarbeit von DIIV und A. G. Cook vorstellen.

Das Wagnis, einen neuen Sound zu suchen, geht also wunderbar auf. „Wir wurden ja immer in Schubladen wie Rock, Alternative oder spezifischere Genres gesteckt“, meint Smith. „Wir wollten Musik machen, die sich musikalisch vorwärtsgewandt und progressiv anfühlt.“ Das schaffen DIIV und nennen diesen Stil nun „The New Alternative“: ein Hieb gegen die Tatsache, dass das Wort „Alternative“ schon lang nichts mehr bedeutet und eher zum Standard geworden ist.

Auch hier sieht Smith die progressiveren Tendenzen aktuell wieder mehr im Pop und Hyperpop: „Letztlich kann es alles sein, was du willst: Du könntest sagen, Charli xcx ist ‚The New Alternative‘ – das bleibt ganz dir überlassen, aber das ist der Ausgangspunkt.“

Trittsteine durch die DIIV-Diskographie

Wenn Smith über die gesamte DIIV-Karriere von 2011 bis hier blickt und erklären will, wie die Band sich verändert hat, meint er: „Jedes Album ist eine Chance, sich ein Stück weit neu zu erfinden. Man kann zwar eine lineare Entwicklung nachvollziehen; wir versuchen jedes Mal, die Geschichte der vorherigen Alben mit einfließen zu lassen, sodass sie miteinander verbunden sind. Ich finde es jedoch am spannendsten, wenn man sich beim Aufnehmen eines Albums strategisch gegen sich selbst auflehnt und gleichzeitig seine Stärken voll ausspielt.“ Das tut ZIRP! auf jeden Fall. Es wagt einen neuen Stil und Produktionsansatz, bringt dabei DIIVs Stärken für Atmosphären, Texturen und immersive thematische Konzepte heraus.

„Es ist also ein bisschen so, als gäbe es Trittsteine, deren Weg sich durch die Alben hindurch verfolgen lässt“, zieht Smith als Fazit. „Aber im Grunde gibt es einen Kern, der DIIV ausmacht, und ein Teil davon ist einfach, dass wir zu viert im Raum stehen und die Songs spielen. Das ist der Filter, durch den alles hindurchgeht.“ Der Filter zahlt sich aus, das entstandene Produkt ist definitiv ein Investment wert. Hoher Marktwert, Konsumempfehlung!

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