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Interview mit Sam Tompkins: „Der Verlust meines Vaters hat mich dazu gebracht, die Richtung zu ändern“
Nach dem Tod seines Vaters 2023 fasst Sam Tompkins ein Jahr lang keine Gitarre an, schreibt keinen einzigen Song. Erst mit der Verarbeitung seiner Trauer kommt die Musik zu ihm zurück – und setzt seinem Vater mit den berührenden, verletzlichen und schmerzhaft schönen Folk-Pop-Songs von Are We Gonna Sing? ein ganz besonderes Denkmal.
Sam, dein zweites Album Are We Gonna Sing? ist ganz frisch draußen. Darauf zeigst du dich so offen und emotional wie nie zuvor. Wie hast du es erlebt, diese Songs freizulassen?
Als ich es geschrieben habe, war ich total aufgeregt, dass alle es hören würden. Ich hatte keinen Zweifel daran, dass die Leute es lieben würden. Aber je näher der Tag rückte, desto mehr dachte ich: „Heilige Scheiße, ich habe mich hier wirklich verletzlich gezeigt.“ Plötzlich wurde ich total nervös und konnte es überhaupt nicht mehr einschätzen. Für mich war es aber ein extrem wichtiges Album. Ich habe es nicht aus kommerziellen Gedanken heraus geschrieben. Sondern einzig allein, um mir etwas von der Seele zu schreiben. Ich will, dass die Menschen beim Anhören das Gefühl haben: „Das muss ich einer Freundin oder einem Freund zeigen, die gerade genau das durchmachen.“ Ich wollte, dass das Album Spuren hinterlässt.
Hast du es zeitweise bereut, so offen und verletzlich zu sein?
Ich war zumindest sehr unsicher, ob das nicht alles zu viel ist. Noch vor ein paar Tagen dachte ich mir, dass ich vielleicht zu viel Schmerz in dieses Album gesteckt habe. Jetzt bin ich froh, dass es so ist.
Sam Tompkins im Circle Store:
Du hast Are We Gonna Sing? nach dem Suizid deines Vaters geschrieben. Wie hast du eine musikalische Sprache für deine Trauer gefunden?
2024 nahm ich mir eine Auszeit vom Songschreiben, was ich bis dato noch nie gemacht hatte. Wenn ich etwas durchmache, gehe ich normalerweise direkt ins Studio, um darüber zu schreiben. Aber bei dieser Sache wusste ich tief in meinem Inneren, dass ich erst einmal damit leben musste. Denn wenn ich direkt nach dem Tod meines Vaters angefangen hätte, einen Song zu schreiben, dann wären da so viele verwirrende Gefühle mit im Raum gewesen, dass die Emotionen fast das überschattet hätten, was ich eigentlich sagen wollte. Erst ein Jahr später wagte ich mich an erste Versuche – zu einer Zeit also, in der ich schon eine Menge verarbeitet hatte. Das stellte sicher, dass ich wirklich direkt über meinen Vater sprechen konnte, ohne wütend zu sein, ohne mich ständig zu fragen, ob ich damit zu weit gehe. Jetzt konnte ich etwas schaffen, das ihm Tribut zollt. Ich bin sehr stolz auf diese Songs. Weil sie mir Katharsis ermöglicht haben.
Wo siehst du die größten Veränderungen, wo die größte Zäsur zu deinem Debüt Hi, My Name Is Insecure.?
Bei meinem ersten Album saß ich eher auf dem Beifahrersitz als am Steuer. Das habe ich diesmal bewusst geändert. Ich habe mir selber meine Gang aus Produzenten und Songwritern gesucht – alle möglichen Leute, erfahrene und unerfahrene. Unwissend scharte ich Menschen um mich, die heute zu meinen engsten Freunden zählen. Allein mit Humble The Great zusammenzuarbeiten, war eine riesige Ehre. Ich halte ihn für ein unverschämt großes Genie.
Du bist am Meer aufgewachsen, hast mit dem Ozean gelebt und schreibst deine Songs an der Küste. Wie hat dieses Element dich als Mensch und als Künstler geprägt?
Am Meer zu leben, ist für mich mittlerweile nicht mehr verhandelbar. Ich liebe es, im Meer zu schwimmen, aber ich liebe es auch, am Strand zu sitzen und einfach nur die Wellen zu beobachten. Wasser fließt. Und wenn etwas fließt, fühlt es sich so an, als würde es sich von einem Ort zum nächsten bewegen. Bei der Arbeit an diesem Album musste ich in meinem eigenen Fluss sein, also habe ich mich von den Wellen getragen gefühlt.
Ich wurde in meinem Leben in eine bestimmte Richtung getragen und der Verlust meines Vaters hat mich dazu gebracht, die Richtung zu ändern. Mir wurde schlagartig bewusst, dass ich eines Tages nicht mehr hier bin und als Künstler nur das machen sollte, was ich wirklich machen will. Menschen sterben zweimal. Einmal, wenn sie diese Welt verlassen, und ein zweites Mal, wenn man aufhört, über sie zu sprechen. So fühlt sich dieses Album für mich an: Ich hatte die Chance, sowohl mein eigenes Vermächtnis zu schaffen als auch das Vermächtnis meines Vaters darin einfließen zu lassen. Das war so nur am Meer möglich. Wenn ich dort sitze und schreibe, fühle ich mich wie zu Hause. Die Küste ist wie eine Erweiterung meiner Wohnung.
Du hast in den Straßen Brightons als Straßenmusiker begonnen. Was hast du in dieser Zeit gelernt?
Bevor ich auf der Straße gespielt habe, hätte ich wahrscheinlich an einer Hand abzählen können, wie oft ich schon vor anderen Menschen gesungen habe. Das lag daran, dass ich damals mit elf Jahren mal ein YouTube-Video gepostet habe, in dem ich gesungen habe, und dafür am nächsten Tag in der Schule fürchterlich gemobbt wurde. Kinder eben. Die können schon grausam sein. Dagegen war die Straße fast schon ein Kinderspiel. Natürlich ist es hart, natürlich ignorieren dich viele, manchmal wurde mir sogar mein Geld geklaut. Aber es lehrt dich Demut, Ehrfurcht und Sicherheit. Es war okay, wenn sich die Leute nicht für mich interessierten. Ich kannte sie nicht, sie kannten mich nicht. Es war eine sehr mühsame Art und Weise, Geld zu verdienen, aber es war der erste Job, den ich jemals hatte, und ich hatte noch nie zuvor Geld verdient. Durch diese Schule bin ich heute nicht mehr nervös. Allerhöchstens bei extrem wichtigen Auftritten.