{ $store.headerGroupManager.updateMeasurements() })" :class="{ '' : searchBarOpen , 'hidden' : !searchBarOpen }"
@keydown.escape="searchBarOpen = false; $nextTick(() => { $store.headerGroupManager.updateMeasurements(); setTimeout(() => $refs.searchToggle.focus({ focusVisible: true }), 10) })"
id="header-search-dropdown"
>
platten
Review: „Ow ∞“ von Sylvan Esso ist das schönste Indie-Album des Jahres
Das Art-Pop-Duo Sylvan Esso hat sich vier Jahre Zeit genommen, um sein musikalisch buntestes Album zu schaffen. Die Kontraste in Ow ∞ klingen so tragisch, unberechenbar und schön wie das Leben.
Ow ∞ ist überall, außer auf Spotify
Im letzten Jahr kamen immer mehr Musiker:innen zu dem Entschluss, ihre Musik von Spotify herunterzunehmen. Eine verdammt stabile Entscheidung, nach Spotifys vielen Investitionen an den fragwürdigsten Stellen (KI-Waffen-Technologien) und schlechten Bezahlungen an den wichtigsten Stellen (den Musiker:innen). Das birgt für Acts wie Sylvan Esso zwar das Risiko, dass wesentlich weniger Menschen ihr neues Album hören; zeigt aber auch, dass dieses Album für das steht, was Spotify eigentlich priorisieren sollte: die Kunst.
Schon ein Unendlichkeitssymbol im Albumtitel macht es nicht gerade einfacher, das Ding online korrekt zu bewerben. Aber Ow ∞ – oder Ow Infinity – muss nicht versuchen, im Mainstream zu landen. Dass ihnen das nicht wichtig ist, zeigen Sylvan Esso schon seit 14 Jahren mit ihrer eigenwilligen Form von Elektro-Pop-Musik: verhalten und hemmungslos zugleich. Ebenso wenig muss Ow ∞ versuchen, das große, extravagante Statement zu sein, das Kunst in neue Sphären wagen will. Es ist einfach ein enorm schönes und freies Abbild des Menschseins, mit seinen grausamen und schönen Seiten.
Eine Collage aus Traumata und kindlichen Freuden
Auf ihrem fünften Album sammeln Sylvan Esso Erinnerungen, Geständnisse, Traumata und kindliche Freuden, um eine Collage zu erschaffen, die ein wenig nostalgisch, ein wenig dystopisch klingt. Schon die Single Concrete Glen verquirlt die Vergangenheit durch ein Sample des Songs Svefn-g-englar von Sigur Rós, den Post-Rock-Legenden, deren Musik viele frühe Romanzen der Sylvan-Esso-Sängerin Amelia Meath untermalt hat. Svefn-g-englar ist ohnehin schon ein magischer Song, dessen isländischer Gesang hier wie ein „It’s you“ klingt, was Concrete Glen umso romantischer macht. Das spielt also im Hintergrund, während Drum-Schnipsel durch verschiedene harte Filter wechseln und ein E-Bass frei umhergleitet.
Um diesen collagenhaften Stil umzusetzen, haben Amelia Meath und Nick Sanborn sich dieses Mal Unterstützung von verschiedensten Gastmusiker:innen geholt, die ansonsten für Frank Ocean oder Bon Iver spielten. Sechs unterschiedliche Personen sitzen am Schlagzeug, deren Aufnahmen das Duo samplet und teilweise miteinander vermischt. So entstehen ganz eigene Texturen, mit denen Sylvan Esso gerne herumprobieren.
Ow ∞ ist dahingehend ihr bisher vielfältigstes Album. So gibt es in einem Track nur A-capella-Frauenchöre, in anderen die mitunter rockigsten Momente in der Karriere des Duos. Digitale Synthesizer und Vocoder-Stimmen treffen auf Akustikgitarren, die wie direkt im Wohnzimmer aufgenommen wirken. Sledge klingt wie ein Lucy-Dacus-Song ohne ADHS-Medikament, mit übertrieben verzerrten Gitarren und einem hibbeligen Dancebeat. Darüber singt Amelia Meath vom „angel of death, destroy, destroy, destroy“ und klingt dabei überraschend vergnüglich.
Tod, Transzendenz, Tanzen
Denn Emotionen mischen sich auf dem Album so wild, wie das Leben eben spielt. Beschreibungen von psychischen Tiefpunkten tanzen musikalisch doch möglichst optimistisch umher. Das klingt nie unangebracht, höchstens selbstironisch und oft umso berührender. Der Pressetext beschreibt Ow ∞ als „ein cartoonhaftes Slapstick-Grinsen, das auf eine Ruine gedruckt ist“, und Amelia Meath selbst sagt: „Das Leben tut für immer weh, bis es irgendwann aufhört. Aber es hat auch etwas leicht Absurdes. […] In gewisser Weise ist es also wie ein Schlachtruf: ‚Ich werde immer wieder verletzt werden, und das ist in Ordnung.‘“
Besonders emotional gerät dabei das Ende des Albums. In Jessica erzählt Meath von einer Freundin, die einst allem Anschein nach ertrunken ist. Doch wenn Meath ins Wasser schaut, sieht sie vorm inneren Auge wieder ihre Freundin voller Lebensfreude ins Wasser springen. „There she goes / Splash and then / There’s my friend“, ruft sie fröhlich. Vielleicht ist das dieser fast schon naive Optimismus, der entweder mit der Kindheit oder der Reife des Alters kommt. On & On beschreibt danach ein Gefühl der Transzendenz an einem nebligen Morgen, und diese Transzendenz erreicht der Song durch eine unerwartete instrumentale Steigerung, die einem zum Schluss den Boden unter den Füßen wegnimmt.
Bewusste Lücken im Sound
Amelia Meath sagt, in der Produktion wende sie gerne die Methode an, eine Idee zu entwickeln und dann ein Drittel davon wieder wegzunehmen. Das zwinge uns beim Zuhören dazu, „kreativ zu werden und zu versuchen, diese Lücke zu füllen – was ich als Hörerin unglaublich spannend und interessant finde. Gerade bei Popmusik, wo es ja eigentlich darum geht, ein Versprechen einzulösen. Man kennt die melodische Struktur, man weiß: ‚Jetzt wechseln wir auf die vierte Stufe‘ – aber genau das dann eben nicht zu tun, ist oft das, was dazu führt, dass sich Menschen in einen Song oder eine Person verlieben.“
Vielleicht klingt Ow ∞ deswegen trotz der ganzen Überraschungen und wilden Sounds nicht überladen, sondern so menschlich. Songs wie Left To Right besitzen immer noch viel Raum für einen schönen Bounce, der wie eine Tanzaufforderung und Atempause im wilden Hin und Her des Lebens wirkt: „Left to right, right to left / float“.