Featured Image
Foto: Shervin Lainez

Rio Kosta im Interview: „Don’t fuck with nature!“

Rio Kosta ist ein recht plumper Name für ein Duo, denn – auch wenn es erstmal wie der Name eines Flusses klingt – er nennt eigentlich nur die beiden Mitglieder: Mike Del Rio und Kosta Galanopoulos. Aber es geht eben auch um die Verbindung, die entsteht, wenn diese beiden miteinander etwas kreieren. Ihre Musik ist ein Zelebrieren ihrer persönlichen Identität und Wurzeln, der verschiedenen Genres, die sie beide inspirieren, und des gemeinsamen Nenners zwischen Rio und Kosta. Wir haben mit dem Duo über ihr Debütalbum Unicorn gesprochen.

Die beiden Hälften von Rio Kosta sind keine unbeschriebenen Blätter: Mike Del Rio hat als Produzent und Songwriter für zahlreiche Künstler:innen von Eminem bis Kylie Minogue gearbeitet; außerdem ist er Teil des Duos Powers. Und auch Kosta Galanopoulos hat etlichen Musikprojekten seinen Stempel als Instrumentalist aufgedrückt. Rio Kosta und ihr Debütalbum Unicorn, das ist für beide aber nochmal eine größere und persönlichere Angelegenheit, erklärt Mike Del Rio: „Ich war schon an so vielen Platten beteiligt, aber ich hatte noch nie das Erlebnis, eine Platte mit 13 Songs herauszubringen, die meins sind. Das ist eine ganz neue Sache. Das ist der größte Fingerabdruck von uns beiden da draußen.“

Musik durch Freundschaft

Einander fanden Del Rio und Galanopoulos vor ein paar Jahren, als sie beide auf einem Musikfestival performten. Danach schickten sie sich erstmal ein paar Monate lang Musik hin und her, bis sie irgendwann beschlossen, sich zu treffen, um gemeinsam zu musizieren – woraus eine intensive Symbiose spross. Diese Freundschaft soll man in der Musik auch hören, sagt das Duo.

Del Rio erzählt: „Alles, was in meinem Leben besonders oder erfolgreich war, wurde immer mit Menschen gemacht, die mir wirklich am Herzen lagen. Wenn man Musik macht oder beruflich kreativ ist, hat man diese intensiven Beziehungen zu Menschen. Es können drei Tage, drei Wochen oder drei Monate sein und man ist geistig verheiratet. Man sieht in jemandes Seele. Und dann sieht man die Person vielleicht sechs Monate oder zwei Jahre lang nicht wieder, aber man wird immer so eine intensive Art des gegenseitigen Ausziehens erleben.“

Eine musikalische Zeitreise

Sich gegenseitig kennenlernen, aber auch die eigenen Wurzeln erkunden, das war dem Duo wichtig. Die Musik von Rio Kosta klingt wie eine Zeitreise. Auf ihrem Debütalbum Unicorn hört man Musik aus verschiedensten Kulturen und Zeitaltern; Kosta Galanopoulos‘ Wurzeln treten etwa in den traditionellen griechischen Elementen im Song Ancients auf. „Wir versuchen einfach, wir selbst zu sein“, fasst Galanopoulos es simpel zusammen. „Es ist ziemlich schwierig, verschiedene Musikkulturen auf die richtige und geschmackvolle Weise miteinander zu verbinden“, gibt er zu.

Aber wie Del Rio erklärt, war es nicht zwingend das Ziel, so multikulturell wie möglich zu klingen. Es sei lediglich eine Sammlung der Dinge, die sie lieben und die sie beide verbinden: „Wir beide sind in den letzten vier Jahren Freunde geworden und haben oft spät nachts diese Gespräche über das Leben und Kunst und Dinge, die uns bewegt haben, geführt: Bass- und Schlagzeugsounds, Musikvideos, Filme – eine Proklamation all der Dinge, die wir cool finden.“

Damit wollten sie also vor allem sich selbst ausdrücken: „Ich denke, es gibt eine Lebensregel: Wenn du dir deiner selbst bewusst bist, wenn du wirklich auf die Dinge achtest, die du liebst, oder darauf, wie du Schönheit in der Welt siehst, wird das anders sein als für alle anderen. Das ist wie ein kreativer Fingerabdruck.“

Alt und modern?

Es stecken also etliche Einflüsse, neu und alt, in Rio Kosta. Von Disco und Funk über zeitgenössischem Indie-Pop bis zur Psychedelia der 70er und griechischer Folklore. Sehen die beiden das Ergebnis dennoch als etwas Modernes an? Galanopoulos meint: „Modern ist es, weil es mit moderner Technologie und unserem Studium des gesamten historischen Hintergrunds hergestellt wurde. In der Natur schöpfen wir aus Dingen der Vergangenheit, weil wir sie lieben und schätzen. Es gibt Zukunftselemente in der Musik mit den Idealen einer alten Flamme.“

Auch Del Rio sieht das so: „Ich denke, die Modernität davon ist, dass wir es als etwas Neues präsentieren. Du wirst nie eine Platte von Bob Marley ersetzen können. Das gehört zur besten Musik, die je gemacht wurde, das will niemand nochmal hören! Aber man kann die Dinge, die man liebt, nehmen und ihnen dann eine Note geben, die sich neu und eigen anfühlt.“ Außerdem müsse nicht nur die Musik, sondern auch die grafische Präsentation im Design und den Videos, alles zusammenpassen. Und dieser Ansatz gebe dem Ergebnis eine natürliche Modernität.

Eine persönliche Bibel der Kreativität

Um sich darüber klarzuwerden, welche Ansprüche sie an das Projekt haben, erschufen Rio Kosta eine „kreative Bibel“ ihrer ästhetischen Ideale. „Wir haben einfach den Überblick über die Dinge behalten, die wir im kreativen Prozess als entscheidend erachtet haben“, erinnert Galanopoulos sich. „‚Oh, das Gleiche ist im Laufe der Zeit schon mehrmals aufgetaucht. Wir sollten uns das wahrscheinlich zur Kenntnis nehmen, es aufschreiben und fester in unserem gesamten Ideal des Musikmachens verankern.‘“

Den Zweck der Mission könne man so besser im Blick behalten, fügt Del Rio hinzu: „Als würdest du die Verkündigung deiner Werte an die Wand hängen, damit du bei einem Problem oder einer Entscheidung, bei der du dir nicht sicher bist, zu dieser Destillation deiner Werte zurückkehren kannst.“

Einquartiert im Hotel Havana

Ein Credo aus ihrer Bibel ist etwa: „Don't fuck with nature!“ Man kann nicht alles bestimmen, manche Dinge kommen einfach per natürlichem Schicksal zu einem. So kam es etwa, dass Mike Del Rio vor einiger Zeit an ein legendäres Haus namens Hotel Havana in Ost-L.A. kam. Ein Ort mit viel Geschichte, der zum Studio und Hauptquartier von Rio Kosta umfunktioniert wurde.

Del Rio erzählt: „Dieses Haus gehörte einem Schnulzensänger aus den 50er-Jahren. Er veranstaltete hier früher legendäre Partys. Und dies war der perfekte Ort während der Pandemie, als sich niemand sehen konnte, denn es wurde zu einer Art Clubhaus. Wir haben viele Partys veranstaltet, wir waren die ganze Nacht wach und haben Musik gemacht.“ Die Mystik des Hotel Havana, in dem früher sogar Herbie Hancock und Joni Mitchell auf Partys zu Gast waren, hört man im Album. Denn Del Rio erbte einige Percussion-Instrumente, die noch von damals dort herumlagen.

Sehnsüchte und Feierlichkeit

Die Musik auf Unicorn klingt luftig, bunt, groovy, entspannt und tanzbar. Aber, wie Del Rio erzählt, stecken auch viele Struggles und große Lebensveränderungen in den Songs. „Egal, ob die Musik, die dabei herausgekommen ist, deprimierend oder düster klingt: Ich wusste es damals nicht, aber in einigen Liedern steckt eine große Sehnsucht. Sehnsucht nach einem Abschluss oder nach einem Atemzug; Sehnsucht, das Schlimmste überstanden zu haben, Sehnsucht nach dem Positiven.“

Daher wollen Rio Kosta, dass der ansteckende Vibe auch beim Publikum ankommt. „Es sollte sich feierlich anfühlen“, meint Galanopoulos. „Und auch vielseitig, es soll in vielen verschiedenen Bereichen und Umgebungen leben können. Und hoffentlich herrscht in diesen Umgebungen eine gute Atmosphäre und Energie. Das ist nicht für eine dunkle Zeit gedacht.“

Das nächste Album sei schon in der Mache, denn zusätzlich zu den Songs auf Unicorn seien bestimmt hundert weitere Stücke entstanden, erzählen die beiden. In Zukunft soll es noch elektronischer und zugleich mehr vom Spielen als Band beeinflusst klingen. Die 13 Songs auf Unicorn sind aber die perfekte Einführung in die Welt von Rio Kosta.

Weiter stöbern im Circle Mag:

Dein daily News-Update im Circle Mag

Bleib stets up-to-date in Sachen Musik und Popkultur mit unseren täglichen News, Reviews und Features. Viel Spaß beim Stöbern!