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Foto: Universal Music

Von Violet Grohl bis Paul McCartney: Die besten Alben des ersten Halbjahres 2026

Halbzeit. Allein in den ersten sechs Monaten des Jahres ist eine ganze Reihe bemerkenswerter Alben erschienen, über die wir noch lange sprechen werden. Angine de Poitrine, RAYE, Noah Kahan, Mitski… höchste Zeit für eine Zwischenbilanz: Das sind die besten Alben des ersten Halbjahres 2026.

Die besten Alben des ersten Halbjahres 2026 auf Vinyl:

Angine de Poitrine – Vol.II

Von KEXPs YouTube-Kanal auf die For-You-Pages aller: Die Erfolgsgeschichte von Angine de Poitrine ist eine der ulkigsten des Jahres. Wer hätte gedacht, dass mikrotonaler Math-Rock von zwei Aliens namens Khn und Klek eines Tages Spotifys globale Viral-50-Charts anführt? Insbesondere in einem Zeitalter, in dem Musik für viele Menschen innerhalb weniger Sekunden zünden muss oder zumindest als musikalische Untermalung des Reels ballern sollte. Angine de Poitrine meistern den Spagat aber, da ihre Seltsamkeit und musikalische Komplexität gleichzeitig catchy ist und unfassbar gut mit der visuellen Ästhetik harmoniert. Hoffen wir, dass der Hype um Vol.II ein Reminder an die Durchsetzungskraft exzentrischer Kunst bleibt; auch an alle, denen es egal ist, ob die Lieblings-Playlist von einer KI generiert wurde. Auf viele weitere Mikroton-Riffs, Polka-Rhythmen, Polka-Dots und wabbelige Nasen!

Bruno Mars – The Romantic

Es hat sich über die Jahre bewahrheitet: Was Bruno Mars am besten beherrscht, ist, Altes neu aufzuwärmen – und das ist als Kompliment gemeint. Spätestens seit Uptown Funk versteht er, welch großartiger Performer für Throwbacks er ist. Denn man merkt ihm die aufrichtige Liebe für diese alten Musikstile an und er bewahrt dabei stets seine eigene Persönlichkeit. Was seine Anderson-.Paak-Collab Silk Sonic so erfolgreich mit Funk und Soul schaffte, tut The Romantic nun mit Latin und – wieder – Soul. Wunderbar produziert und charismatisch vorgetragen, wen stört’s da schon, dass ein Banger wie Something Serious verdächtig nah an Santanas Oye Como Va ist? Bruno Mars nutzt diese Referenzen ganz absichtlich für einen nostalgischen Abend auf der Tanzfläche.

Gorillaz – The Mountain

Für Damon Albarn ist es nichts Neues, auf Reisen zu gehen und die Sounds anderer Kulturen in seine Musik einfließen zu lassen. Bei The Mountain hatte das aber eine noch tiefere, persönlichere Ebene. Die Gorillaz-Köpfe Albarn und Jamie Hewlett hatten beide kurz zuvor Familienmitglieder verloren, darunter ihre beiden Väter und das nur zehn Tage auseinanderliegend. Bei einer Reise durch Indien konnten sie das verarbeiten und einen anderen kulturellen Blick auf das Thema Tod kennenlernen. So farbenfroh und lebensbejahend, wie diese Welt auf sie wirkte, klingt The Mountain. Neben indischen Musikeinflüssen präsentiert die Feature-Liste auch Beiträge von verstorbenen Musikpartner:innen wie Mark E Smith, Bobby Womack oder David Jolicoeur (De La Soul).

Vince Staples – Cry Baby

Kritik an dem, was in den USA abgeht, gibt es viel und das darf auch ruhig so weitergehen. Vince Staples tut dies auf Cry Baby mit einem scharfen Auge und zynischen Wortspielen – das beherrscht er als Conscious-Rapper schon lange. Doch dabei verliert er sich nicht in möglichst verschachtelten Flows, sondern bleibt durchgehend catchy und erfindet sich musikalisch – nicht zum ersten Mal – neu. Auf Cry Baby paart Vince Staples seinen Hip-Hop nämlich mit Rock, mit grummelnden Bass-Lines und verzerrtem Punk-Spirit. Zeilen wie „Dark times for the melanated“ klingen auf diesen düsteren Grooves noch unheilvoller, und zugleich ist der Klang der Rebellion unüberhörbar.

Robyn – Sexistential

Der einst scherzhafte Albumtitel fasste schlussendlich doch das zusammen, was Robyn auf ihrer Comeback-Platte beschäftigte: Identität und Unabhängigkeit, natürlich auch Sexualität, aber mit Fragen der tieferen Verbindung und ob man die eigene Existenz von körperlichen Begierden trennen kann. Vieles davon kam durch einen neuen Lebensabschnitt hoch: Nach dem Ende einer langjährigen Beziehung wurde Robyn zur alleinerziehenden Mutter und sortierte ihr Leben neu. Trotz acht Jahren Wartezeit und einer mittlerweile über 30-jährigen Karriere entstand so mit Sexistential ein Popalbum, dessen Produktion überraschend modern klingt.

Holly Humberstone – Cruel World

„Um extremes Glück zu empfinden, muss man extreme Traurigkeit kennen. Das ist die Spannung des Albums“, sagt Holly Humberstone über ihr neues Werk. Denn Liebe ist großartig und grausam. Ihre Cruel World ist gleichermaßen ihre wunderschöne Welt. Zwischen solchen Kontrasten, zwischen viktorianischer Gotik und sonniger Achtziger-Sehnsucht liefert das Album stets einfach tolle Pop-Songs. Holly Humberstone muss man den Leuten nicht mehr damit vorstellen, dass sie Support für Taylor Swift oder Olivia Rodrigo gespielt hat, sondern mit Songs wie Make It All Better oder Die Happy: oversharend, lustig, tragisch und überromantisierend.

Dermot Kennedy – The Weight Of The Woods

Wer viel in der Welt herumeilt, lernt die Heimat zu schätzen. So erging es auch Dermot Kennedy, der abseits von etlichen Radio-Hits und Touren die Ruhe in den Wäldern und Feldern Irlands fand. Darin konnte er Inspiration für sein neues Album finden, das folglich The Weight Of The Woods heißt. Im Interview beschrieb Kennedy uns die Korrelation so: „Die irische Landschaft ist ziemlich holprig und rau, aber sie ist auch so schön und kraftvoll – und ich hoffe, die Musik ist beides davon.“ Das trifft es gut, denn die Songs ruhen mal in folkiger Atmosphäre (Blue Eyes) oder reißen mit Kennedys kräftiger Stimme persönliche Wunden auf (Funeral).

BTS – Arirang

Ein Comeback nach vier Jahren voller Militärdienste und Soloprojekte ist eine Ewigkeit, wenn man so riesig wie die K-Pop-Institution BTS ist. Dementsprechend riesig musste auch die Veröffentlichung des Albums Arirang werden, und das war sie. Ein riesiges Konzert vor einem heiligen Wahrzeichen Südkoreas – womit BTS die erste Band der Geschichte ist, der diese Ehre zuteilwird. Platz eins in den deutschen Album- und Single-Charts – womit BTS die erste K-Pop-Gruppe der Geschichte ist, der in Deutschland diese Ehre zuteilwird. Arirang klingt nach dieser internationalen Dominanz, mit vielen englischsprachigen Texten und Produzent:innen wie Diplo oder Kevin Parker (Tame Impala). Doch zugleich würdigen BTS ihre südkoreanischen Wurzeln inhaltlich und im Albumtitel: Arirang ist ein altes Volkslied, das als Protesthymne zu einem wichtigen Teil der südkoreanischen Identität wurde.

Nine Inch Nails & Boys Noize – Nine Inch Noize

Alex Ridha alias Boys Noize hat die Grenzen der deutschen Techno-Szene schon lange durchbrochen, da er als visionärer Produzent alles dreckiger, metallischer und einfach fetter klingen lässt. Aber ob mit Pussy Riot oder Rico Nasty, keine Kollaboration war so einleuchtend und groß wie die mit Nine Inch Nails. So hatte doch auch Trent Reznor es vor Jahrzehnten schon geschafft, die Rockwelt in seine abgründigen Metallwände zu ziehen. Nine Inch Noize präsentiert daher technofizierte Versionen alter und junger NIN-Songs, wie ein Update ins Jahr 2026, in noch tieferliegende Rave-Bunker, in noch getriebenere Rauschzustände. Obwohl es keine neu komponierten Songs gibt, wurde sich nicht für eine offensichtliche Best-Of-Tracklist, sondern auch einige weniger bekannte Albumtracks entschieden – alles, was ballerte.

TOMORA – COME CLOSER

Die norwegische Alt-Pop-Queen AURORA und der Chemical Brother Tom Rowlands haben schon in der Vergangenheit zusammengearbeitet, aber mit TOMORA haben sie endlich ein gemeinsames Projekt auf Albumlänge. Und das passt absolut großartig: Tom Rowlands packt viele elektronische Produktionsspielereien aus, die während eines Songs nicht auf der Stelle stehen bleiben, von Trip Hop über EDM zu einer düsteren Form von Reggaeton (Have You Seen Me Dance Alone?). Darüber kann AURORA dann alle Modi ihrer feenhaften Stimme ausprobieren, mal Schlachtrufe und Heulen, mal Gesäusel und Geflüster. Ein Rave zwischen dunkler Macht und strahlender Euphorie.

Die besten Alben des ersten Halbjahres 2026 auf Vinyl:

Charli xcx – Wuthering Heights

Wuthering Heights ist eines der Filmereignisse des Jahres. Der monumentale, düstere, laszive Bildersturm wäre schon so beeindruckend genug, doch dann schraubt sich das dräuende House von Charli xcx und John Cale durch die verstörende Anfangsszene des Films und man weiß: Das hier ist mehr als eine beliebige Literaturadaption. Das hier ist ein Filmereignis, das lange nachhallen wird. Dissonante Streicher, brüchige Arrangements, aufheulende Synthesizer und viel gierige Sinnlichkeit bestimmen das Kompendium, das Charli xcx als Schwesteralbum zum offiziellen Wuthering-Heights-Soundtrack geschrieben hat. Die Stimme einer Generation vertont das toxische Romantasy-Filmereignis einer Generation. Mehr geht nicht.

Harry Styles – Kiss All The Time. Disco, Occasionally.

Locker, fluffy, entspannt und lässig gibt sich Harry Styles auf Kiss All the Time. Disco, Occasionally. Das driftet bei anderen gern mal in die Belanglosigkeit ab, sorgt bei ihm aber für ein absolut hinreißendes, charmantes Hörvergnügen voller entspannter, funky Pop-Songs, zu denen man ganz unkompliziert tanzen oder Kaffee trinken kann. Noch mal: Das würde vielen nicht gelingen, aber irgendwie macht Harry Styles aus wenigem eine ganze Menge und legt das vielleicht unprätentiöseste Album seiner Karriere vor.

James Blake – Trying Times

Melancholisch und introspektiv ist James Blake ja gern mal. Auf Trying Times erreicht der Brite ein neues Level. Das wunderschöne Album ist von einer elegischen Ruhe, die man von den Tindersticks kennt, und nimmt mit minimalistischen, aber berührenden Hooks gefangen. Das hier ist eines dieser Alben, die immer tiefer gehen, ohne jemals den Grund zu erreichen. Ein Werk der Stille, das dennoch leise brodelt und mal wieder zeigt, wie grandios Blake die Klaviatur der leisen Töne beherrscht.

Kacey Musgraves – Middle Of Nowhere

Make Country horny again: Kacey Musgraves hat die Abgeschiedenheit ihrer kaffigen alten Heimat irgendwo in der Einöde von Texas dazu genutzt, den Country Pop durchzuspielen. Middle Of Nowhere ist ein hinreißend doppelbödiges, süffisantes, sexuell aufgeladenes Album, das kein Blatt vor den Mund nimmt und auf herrlichste Weise Americana-Sehnsucht mit Country-Klischees, Texas-Quirks und verflossenen Beziehungen unter einen Hut bringt. Gutes Zeichen, weil es solche Country-Platten früher nur von Männern gab. Country klang selten erfrischender als bei ihr.

Mitski – Nothing’s About To Happen To Me

Aufbrausende Crescendos, krachende Gitarren, überschäumende Orchester-Arrangements: Mitski geht auf Nothing’s About To Happen To Me in die Vollen. Und übertrifft sich spielend. Das wusste jeder, der die vielleicht größte Indie-Hoffnung der USA schon etwas länger kennt. Auf diesem relativ kurzen und prägnanten Album fließen kratziger und dissonanter Indie-Rock, Country-Walzer aus Nashville, rauchige Cabaret-Reflexionen und Zirkusmusik zu einem wilden, expressiven, beeindruckendem Ganzen zusammen. So klingt wohl ein kreativer Geist, der sich in so viele Richtungen dreht und wendet, dass er beinahe kollabiert. Aber eben nur beinahe.

Noah Kahan – The Great Divide

Spätestens in diesem Jahr ist Noah Kahan zum Superstar aller Herzen aufgestiegen. Alle Interviews, alle Talkshow-Auftritte rund um seine neue Platte The Great Divide machten ihn nur noch charmanter, süßer, liebenswerter – wobei man natürlich auch nicht vergessen darf, dass er damit ein absolutes Referenzwerk in Sachen ehrlicher, emotionaler Liedermacherei zwischen Folk Rock und Americana abgeliefert hat. Wenn jemand in den USA derzeit als junger Springsteen gelten darf, dann Noah Kahan.

Olivia Rodrigo – You Seem Pretty Sad For A Girl So In Love

Dass es in diesem Jahr keine neuen Platten von Sabrina Carpenter, Taylor Swift oder Billie Eilish gegeben hat, nutzt Olivia Rodrigo clever für sich – und hebt das Niveau für große Pop-Platten mit You Seem Pretty Sad For A Girl So In Love merklich an. Auf ihrem dritten Album präsentiert sich der Popstar einerseits gewohnt hitsicher, andererseits merklich gestärkt in Sachen Songwriting und Finesse. Das Album wird nicht nur die Bestenlisten dieses Jahres dominieren, sondern noch in vielen Jahren herangezogen werden. Das Zeug zum Pop-Klassiker haben nicht viele Alben; die Perfektion und Tiefe dieser Platte sorgen aber dafür, dass You Seem Pretty Sad For A Girl So In Love so schnell nicht übertroffen werden wird.

Paul McCartney – The Boys Of Dungeon Lane

Das emotionalste – höflich ausgedrückt – Alterswerk des Jahres kommt vom unvergleichlichen Macca. Auf The Boys Of Dungeon Lane blickt Paul McCartney zurück auf seine Kindheit in Liverpool, auf die Anfänge dessen, was irgendwann zur größten, besten und wichtigsten Band der Welt werden sollte. Das macht er aber eben wenig sentimental oder wehmütig und eher ein wenig bittersüß und mit diesem kindlichen Staunen über all das, was da eigentlich genau passiert ist. Wunderschön, intim, voller Macca-Melodien, Nostalgie, Beatles-Easter-Eggs, Schalk und einem beeindruckenden Maß künstlerischer Präsenz.

RAYE – This Music May Contain Hope

Pop muss ja nicht immer neue Standards setzen. Manchmal aber eben schon. Für RAYE zum Beispiel wäre es viel zu wenig, sich einfach nur zu wiederholen, also erfindet sie mit This Music May Contain Hope einfach mal die Popmusik neu und fusioniert vergangenen Hollywood-Zauber mit digitalem Zeitgeist und destilliert daraus ein Stück musikgewordenes Empowerment, das mehr Musical als Charthit ist und mit gewaltigen Songs begeistert. Allein für Click Clack Symphony, dieser neuen Hymne auf weibliche Freundschaft im Angesicht von Depression und Angst, müsste man RAYE mit allem überschütten, was es gibt. Hat sogar Hans Zimmer überzeugt, der dem Song ein unvergleichlich bewegendes Finale beschert.

Violet Grohl – Be Sweet To Me

Schon jetzt eines der spannendsten Debütalben des gesamten Jahres: Violet Grohl tritt mit Be Sweet To Me vom Fleck weg aus dem Schatten ihres Vaters und knallt uns ein selbstbewusstes, furioses Rock-Album um die Ohren, das mehr Bikini Kill ist als Nirvana und dennoch das Erbe ihres Vaters unverkrampft einfließen lässt. Klar weiß Violet Grohl, wer sie ist, sie sieht es aber nicht ein, sich davon einschränken zu lassen – und fetzt durch kurze, dringliche Songs, die sie aus dem Nichts als neue Alternative-Stimme etabliert. Nonchalant, ein bisschen pissed und nicht hier, um zu gefallen.

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