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Gimmicks oder Sammlerstücke: Was macht Flexi Discs so besonders?
Spoiler-Alarm: Für Audiophile ist eine Flexi Disc nicht zwingend das Objekt ihrer Begierde, aber sie hat andere Vorzüge.
Eine Schallplatte kaufen und dann erst mal Kleingeld drauflegen, damit sie läuft: Für Vinylafficionados, die sonst über das Gewicht ihrer 180-Gramm-Pressungen sprechen, dürfte die Flexi Disc eine kleine Zumutung sein. Sie wiegt fast nichts. Passt dafür aber ins Zeitschriftenheft; man kennt es vom Kiosk und von einschlägigen Musikmagazinen.
Was eine Flexi Disc ist
Eine Flexi Disc funktioniert nach demselben Prinzip wie eine normale Schallplatte. Nur steckt die Musik hier in einer hauchdünnen Kunststofffolie. In deren Oberfläche verläuft eine spiralförmige Rille mit winzigen Auslenkungen. Die Nadel folgt dieser Spur und bewegt sich dabei mit. Der Tonabnehmer wandelt diese Bewegung in ein elektrisches Signal um, aus dem über Verstärker und Lautsprecher wieder Musik wird. Dafür braucht es keine dicke Vinylscheibe. Die Rille reicht – solange sie beim Abspielen ordentlich aufliegt.
Deshalb kann sogar eine Postkarte Musik abspielen. Nicht das Papier selbst, sondern eine darauf aufgebrachte Schicht trägt die Rille. Loch in die Mitte, auf den Plattenteller, Nadel aufsetzen. Der Hersteller Pirates Press bietet sowohl solche Postkarten als auch klassische Flexi-Folien an. Der große Vorteil zeigt sich allerdings schon vor dem Abspielen – und der hat nichts mit der Klangqualität zu tun: Die dünnen, leichten Tonträger passen in einen Briefumschlag oder zwischen zwei Magazinseiten. Eine Redaktion kann ihren Leser:innen damit nicht nur erklären, wie eine Band klingt. Sie kann den Song gleich mit ins Heft packen.
Biegsam bedeutet allerdings nicht, dass man sie bedenkenlos zusammenfalten sollte. Ein Knick bleibt ein Knick, auch wenn danach noch eine Rille darüber führt. Und klangliche Höchstleistungen waren selten der Zweck dieser Platten. Sie sollten vor allem günstig und leicht unters Volk kommen.
Wer die biegsame Schallplatte erfunden hat, lässt sich nicht an einem einzigen Namen festmachen. Flexible Tonträger gab es schon vor den Sechzigern. Einen wichtigen Schritt machte Eva-Tone: Das Unternehmen perfektionierte sein Soundsheet-Verfahren und ließ es 1962 patentieren, wie das Forschungsprojekt „Mao Era in Objects“ dokumentiert. Neu war also nicht die Idee, sondern das Verfahren, mit dem Eva-Tone sie industriell umsetzte.
Knochen, Schädel und Jazz
In der Sowjetunion ging es um mehr als eine günstige Schallplatte. Wer Musik hören wollte, die der Staat unterdrückte, musste erfinderisch werden. Und fand das nötige Material ausgerechnet in Krankenhäusern.
Musikfans und Schwarzhändler bauten Aufnahmegeräte und schnitten Rillen in ausrangierte Röntgenfilme. Die waren billig und verfügbar. Zwischen Rippen, Gelenken und Schädeln steckten nun westlicher Jazz, Rock’n’Roll oder russische Lieder, die den Behörden nicht passten. Das sei ein Akt „kulturellen Widerstands, technischen Einfallsreichtums und menschlichen Bemühens“ gewesen, schreibt das X-Ray Audio Project auf der eigenen Website. Das Projekt dokumentiert diese Untergrundkultur anhand von Originalaufnahmen und Zeitzeugenberichten.
Mit der späteren Flexi Disc teilen die „Knochenplatten“ das dünne, biegsame Material. Hergestellt wurden sie anders: nicht industriell gepresst, sondern einzeln geschnitten. Hier ging es weder um Werbung noch um eine nette Zugabe zum Heft. Sondern darum, Musik hören zu können, die offiziell nicht zu haben war.
Magazine, Fanclubs, Weihnachten
Und dann waren da noch die Beatles. Bei denen kam die Folie mit der Weihnachtspost. Von 1963 bis 1969 verschickte die Band jedes Jahr eine Aufnahme an ihre Fanclub-Mitglieder. Die erste entstand am 17. Oktober 1963 in den Abbey Road Studios. Statt einer gewöhnlichen Single bekamen die Fans Grüße, Musik und zunehmend ausufernde Späße.
Auch am Format lässt sich die Entwicklung ablesen: Die ersten fünf Weihnachtsplatten waren einseitig bespielt, die Ausgaben von 1968 und 1969 brauchten beide Seiten. 2017 erschienen die sieben Aufnahmen noch einmal als farbige Vinylsingles. Aus der dünnen Fanclub-Post war eine Sammlerbox geworden.
Das britische Magazin Flexipop! machte aus der Beilage den eigentlichen Kaufgrund. Zwischen 1980 und 1983 steckte in jedem Heft eine Flexi, oft mit seltenen oder exklusiven Aufnahmen. Was für eine Aussicht beim Gang zum Kiosk: nicht nur etwas über die Lieblingsband lesen, sondern einen Song mit nach Hause nehmen, den man noch nicht kannte – und womöglich nirgendwo sonst bekam.
Das technische Problem mit dem Münztrick
Alles schön und gut, auf dem Plattenteller zeigt sich dann aber die Kehrseite des geringen Gewichts. Die Folie kann durchrutschen: Der Teller dreht weiter, die Flexi wird beim Abtasten gebremst. Es geht also nicht darum, dass die Nadel schwerer wäre als die Platte, sondern darum, dass die Platte auf ihrer Unterlage zu wenig Halt hat. Man kann aber mit einem einfachen Trick Abhilfe schaffen: Eine Münze auf dem rillenfreien Mittelbereich hält dagegen. Manche Ausgaben markieren die passende Stelle sogar. Das zusätzliche Gewicht verbessert den Halt.
Third Man Records und die Wiedergeburt
Dass Jack White irgendwann bei der Flexi Disc landen würde, überrascht wenig. Als einer der großen Verfechter und, wenn man so will, Retter der Vinyl-Kultur interessiert er sich auch für deren weniger komfortable Seiten. 2012 ließ sein Label Third Man Records 1.000 Ballons mit Flexi-Ausgaben von Freedom at 21 steigen. Andere Labels belieferten den Handel. White überließ die Zustellung dem Wind.
Wer eine fand, konnte sie auflegen. Oder verkaufen. Am 17. April brachte ein Exemplar bei eBay 4.238,88 Dollar ein, wie Third Man selbst vermeldete. Die billige Folie hatte es zum teuren Sammlerstück geschafft, ohne dafür auch nur ein Gramm zulegen zu müssen. 2013 kündigte Third Man für Gibby Haynes 100 „Flex-Ray“-Exemplare auf Röntgenfilm an: Aus dem Mittel gegen Zensur war ein Sammlerstück geworden.
Das Musikmagazin Decibel setzt schon seit der Januarausgabe 2011 auf monatliche Flexis fürs Abo, zunächst mit Brutal Truth, dann Enslaved. Musik zum Herausnehmen und Auflegen. Kleingeld braucht es höchstens, wenn die Folie rutscht.